Sophie L.

Autor: Matthew Blake
Übersetzt von: Andrea Fischer

Matthew Blake erzählt die Geschichte aus der Sicht von Olivia und ihrer Großmutter Josephine, die eines Tages behauptet, sie heiße eigentlich Sophie und habe vor Jahrzehnten einen Mord begangen. Der Tatort soll das Hotel Lutetia gewesen sein, in dem heute ein berühmtes Bild von Josephine hängt und in dem sie auch den Mord gesteht.

Von der Polizei alarmiert, reist Olivia nach Paris, um sich um ihre Großmutter zu kümmern. Zunächst schiebt sie das Geständnis auf die zunehmende Demenz, doch Josephine versichert ihr in einem klaren Moment, dass sie die Erinnerung wiedererlangt habe. Als Josephine wenig später ermordet wird, beginnt Olivia zu zweifeln. Kennt sie ihre Großmutter wirklich? Wer war Sophie Leclerc? Und wem kann sie noch trauen?

Schnell wird klar: Hier geht es weniger um das „Was”, sondern um das „Warum”. Vor allem geht es um die Frage, was Wahrheit bedeutet, wenn Erinnerungen brüchig sind.
Die Hauptfigur Olivia Finn ist Gedächtnisexpertin und beschäftigt sich sowohl in ihrem Beruf als auch aufgrund eines eigenen traumatischen Erlebnisses mit dem Thema wiedergewonnene Erinnerungen. Dadurch erhält das Buch eine psychologische Tiefe. Es geht darum, ob wir unseren Erinnerungen trauen können und wie leicht sie manipuliert werden können.

Durch wechselnde Perspektiven – mal ist ein Kapitel aus der Sicht von Olivia, Josephine, Sophie oder dem Mörder geschrieben – schafft der Autor Verunsicherung und baut Spannung auf. Die Lesenden erhalten immer wieder Andeutungen, die eine andere Lösung nahelegen, nur um dann wieder an der eigenen Idee zu zweifeln und alles anders zu bewerten.

Mir gefiel auch die sprachliche Gestaltung von Matthew Blake sehr gut. Durch die detaillierten, atmosphärischen Beschreibungen der äußeren Umstände sowie der Gefühle und Gedanken der Figuren schafft er es, dass im Kopf der Lesenden Bilder entstehen. Dadurch ist man Sophie, Josephine und Olivia emotional sehr nah.

Leider dauert es etwas zu lange, bis die Handlung Fahrt aufnimmt und man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Die kurzen Kapitel halten die Spannung zwar meist aufrecht, aber ab und zu schreitet die Handlung etwas langsam voran. Wer einen actiongeladenen Thriller mit permanentem Adrenalinschub erwartet, könnte „Sophie L.“ stellenweise als zu ruhig empfinden. Die Stärke des Buches liegt eher in den psychologischen und geschichtlichen Hintergründen. Wenn man sich darauf einlässt, wird man mit einer emotionalen Reise in die Gefühlswelt zweier Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg und einer spannenden, „thrillerartigen” Handlung belohnt.

Erschienen bei Fischer

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Autorin / Autor: Sarah L. - Stand: 4. März 2026