Romantisierung von Gewalt?
Über den Einfluss von medialen Liebesmythen auf leidvolle Erfahrungen in Beziehungen
Matilda Götten studiert an der Uni Köln Sozialwissenschaften mit Spezialisierung auf Soziologie. In ihrer Bachelorarbeit „WENN LIEBE WEH TUT“ hat sie sich mit einem hochbrisanten Thema beschäftigt, nämlich dem „Einfluss von medialen Liebesmythen auf die Legitimierung von Partnerschaftsgewalt“. Im Interview erzählt sie uns, was sie dabei herausgefunden hat.
Erklärst du uns, was sich hinter dem wissenschaftlichen Untertitel verbirgt?
Gerne! Ich habe in letzter Zeit selber einige Bücher gelesen, die dem Genre Dark Romance angehören. In diesen Büchern wird Romantik häufig mit Gewalt gepaart und Gewalt selbst damit häufig romantisiert. Daraufhin habe ich mich gefragt, was solche Inhalte mit Lesenden machen und ob solch eine Romantisierung von Gewalt beispielsweise Einfluss auf die eigenen Beziehungsideale oder gar die Toleranz von Gewalt hat. Diese Frage habe ich dann mit meiner Forschungsarbeit untersucht.
In deiner Arbeit ist oft der Begriff „Liebesmythen“ zu lesen. Was ist das genau?
Im Laufe meiner Recherche habe ich den Begriff Liebesmythen gefunden, der genau eine solche Romantisierung von gewaltvollem oder kontrollierendem Verhalten im Kontext der Liebe beschreibt. Also beispielsweise die Floskel „Was sich liebt, das neckt sich“ kann als ein Liebesmythos bezeichnet werden. Mit dieser Floskel wird sich gegenseitig zu ärgern als ein Zeichen von Liebe bewertet, obwohl das so gar nicht verallgemeinert werden kann und bewirken könnte, dass man unangenehme Situationen aushält, indem man sie romantisiert.
Welches Genre hast du bei deiner Untersuchung besonders in den Blick genommen?
Ich hatte ursprünglich vor, besonders Romane, vor allem aus dem Genre Dark Romance, zu untersuchen. In der Recherche hat sich jedoch gezeigt, dass eine solche Spezialisierung für die Forschungsarbeit nicht möglich ist, da ich kaum Untersuchungen finden konnte, die nur auf solche Romane bezogen sind. Daher habe ich die Fragestellung schlussendlich breit gefasst und allgemein mediale Darstellungen untersucht - ob Bücher, Musik, Filme oder Nachrichten.
Wie bist du bei deiner Literaturrecherche vorgegangen?
Ich habe keine eigene Studie durchgeführt oder einen Fragebogen aufgesetzt, sondern lediglich bisherige Studien unter die Lupe genommen und gegenübergestellt. Dafür habe ich zuerst die Forschungsfrage klar formuliert und mir zentrale Suchbegriffe oder Synonyme gesammelt, die ich verwenden will. Darauf folgte dann meine systematische Recherche in wissenschaftlichen Datenbanken wie PubMed, Scopus oder Google Scholar. Die gefundenen Quellen habe ich dann anhand meiner festgelegter Kriterien auf Relevanz und Qualität geprüft und kategorisiert. Mit einer entsprechenden Gliederung konnte ich dann die Ergebnisse strukturiert zusammenfassen, vergleichen und mögliche Forschungslücken identifizieren.
Was hast du bei deinen Untersuchungen herausgefunden?
Meine Bachelorarbeit zeigt: Gewalt in einer Partnerschaft entsteht nicht einfach so. Sie hängt oft mit bestimmten Ideen und Vorstellungen zusammen, die viele Menschen über Männer, Frauen und Beziehungen haben. Eine wichtige Rolle spielt dabei Sexismus. Damit ist gemeint, dass Männer und Frauen als unterschiedlich „wertvoll“ oder mit festen Rollen gesehen werden. Manche dieser Vorstellungen wirken auf den ersten Blick sogar positiv, zum Beispiel wenn Frauen als besonders schützenswert dargestellt werden. Trotzdem können solche Ideen dazu führen, dass Männer mehr Macht in Beziehungen bekommen und Gewalt eher entschuldigt wird.
Auch Mythen über Liebe spielen eine Rolle. In vielen Geschichten oder Filmen wird zum Beispiel gezeigt, dass Eifersucht oder Kontrolle ein Zeichen von großer Liebe sei. Manchmal wird sogar Leid in einer Beziehung als etwas Romantisches dargestellt. Dadurch kann es passieren, dass Menschen problematisches Verhalten weniger kritisch sehen.
Zusätzlich gibt es Mythen über Gewalt in Beziehungen. Ein Beispiel ist die Aussage: „Wenn jemand Gewalt erlebt, könnte die Person ja einfach gehen.“ Oder: „Wenn sie bleibt, kann es ja nicht so schlimm sein.“ Solche Aussagen geben den Tätern weniger Verantwortung und geben den Betroffenen die Schuld. Forschungen zeigen: Menschen, die solchen Mythen zustimmen, nehmen Gewalt oft als weniger schlimm wahr.
Auch Medien können dabei eine Rolle spielen. In Serien, Filmen oder Reality-Shows werden Beziehungen manchmal so dargestellt, dass Machtunterschiede oder sogar Gewalt romantisch wirken. Medien können dadurch beeinflussen, wie wir über Liebe und Beziehungen denken.
Bisher gibt es aber noch wenig Forschung darüber, wie stark solche romantischen Geschichten in den Medien wirklich dazu beitragen, dass Gewalt in Beziehungen entschuldigt wird. Insgesamt zeigt meine Arbeit: Die Rechtfertigung von Gewalt in Beziehungen entsteht oft aus einem Zusammenspiel von gesellschaftlichen Vorstellungen, Liebesmythen und Darstellungen in den Medien.
Begünstigen moderne Bestsellerromane sexistische Verhaltensmuster und die Rechtfertigung von Gewalt gegen Frauen?
Diese Frage kann ich wissenschaftlich nicht beantworten, da bisherige Untersuchungen keine klare Aussage darüber zulassen. Die bisher gefunden Studien lassen in der Gesamtheit den Schluss zu, dass Liebesmythen innerhalb von Romanen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass kontrollierendes oder gewaltvolles Verhalten als normal oder für romantische Beziehungen als angemessen angesehen wird. Klar bestätigen kann man diesen Zusammenhang jedoch nicht. Hierbei ist grundsätzlich wichtig zu sagen, dass innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung niemals von einer Bestätigung von Hypothesen gesprochen wird. Man spricht lediglich davon, dass Hypothesen nicht falsifiziert also widerlegt werden konnten. Somit gehen Wissenschaftler:innen nicht davon aus Tatsachen, sondern höchstens Zusammenhänge bestätigen zu können.
Was war für dich überraschend?
Bezüglich soziologischer Prozesse gab es für mich ehrlich gesagt keine wirklich überraschenden Zusammenhänge. Allerdings fand ich einen medizinischen Befund besonders spannend: Das Erleben von Gewalt erhöht die Wahrscheinlichkeit von Zellalterung. Genauer gesagt stehen chronischer Stress bzw. Gewalterfahrungen mit verkürzten Telomeren in Verbindung, was als Marker beschleunigter biologischer Alterung gilt.
Welche Aspekte sollten deiner Meinung nach noch intensiver erforscht werden?
Ich würde am liebsten sagen: Alle!
Es gibt noch sehr viel zu erforschen. Partnerschaftliche Gewalt ist kein Einzelfall und kein Zufall, sondern hängt mit größeren gesellschaftlichen Strukturen zusammen. Sie entsteht nicht nur aus individuellen Problemen, sondern auch aus tief verankerten Vorstellungen darüber, wie Männer und Frauen „sein sollen“. In vielen Gesellschaften gelten Männer noch immer als stark, dominant und kontrollierend, während Frauen als fürsorglich, nachgiebig und anpassungsfähig gesehen werden. Solche Erwartungen können Machtungleichgewichte in Beziehungen fördern und dazu beitragen, dass kontrollierendes oder aggressives Verhalten eher akzeptiert oder entschuldigt wird. Zukünftige Forschung sollte deshalb stärker untersuchen, wie solche Rollenbilder entstehen, weitergegeben werden und Beziehungen beeinflussen.
Auch die Rolle von Medien ist wichtig: Wenn Geschichten Eifersucht, Besitzdenken oder Leid als Zeichen großer Liebe darstellen, kann das problematische Beziehungsmuster normalisieren. Um partnerschaftliche Gewalt besser zu verstehen und wirksam vorzubeugen, braucht es daher Forschung, die gesellschaftliche Strukturen, individuelle Einstellungen und mediale Einflüsse zusammen betrachtet.
Vielen Dank für das Interview!
Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 12. März 2026