NEW SEED

Bettina Junkersdorf hat in Rosenheim ein Upcycling-Unternehmen gegründet, dass nachhaltige Produkte aus gebrauchten, recycelten Kletterseilen herstellt

Sie haben mit dem Upcycling von alten Kletterseilen eine außergewöhnliche Geschäftsidee zum Leben erweckt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Wen Upcycling begeistert, der sieht in so vielen Dingen, die andere wegwerfen, Möglichkeiten. Jeder potentieller Abfall wird zur kreativen Herausforderung. So kam auch beim Klettern schnell die Frage auf „ Was wird eigentlich aus den alten Seilen und dem restlichen Kletter Equipment, wenn es aus Sicherheitsgründen ausgetauscht werden muss?“ Mit einem alten Seil eines Freundes fing ich an zu experimentieren und entdeckte, wie vielfältig man dieses Material verarbeiten kann und wie viele Ideen ich dazu hatte. Bei über 400 Kletterhallen und laut DAV 500.000 aktiven Kletterern wurde mir klar: hier fällt jede Menge hochwertiges Material frühzeitig dem Müll zum Opfer. Kletterer sind naturverbundene Menschen und schützen die Natur, in der sie so viel Zeit verbringen. Aber wer am Ende keine Verwendung mehr für sein Seil hat, dem bleibt oft nur der herkömmliche Weg der Entsorgung über Wertstoffanlagen. Mir war klar, dass ich an dieser Situation etwas ändern kann.

Welche Produkte stellen Sie daraus her und wer kauft sie?
Im Sortiment haben wir Gürtel, Chalkbags, Schmuck, Schlüsselanhänger und einige Produkte für Hunde wie Halsbänder, Futterbeutel und Leinen. Ich arbeite aber auch immer nebenbei an neuen Ideen und Special Editions, je nachdem was wir an Materialien reinbekommen. Gekauft werden unsere Produkte von Kletterern, Kletterbegeisterten und auch Menschen, die nach etwas Außergewöhnlichem und zugleich Nachhaltigem suchen. Außerdem bieten wir Firmen die Möglichkeit, unsere Produkte mit eigenem Logo zu bestücken. Einer unserer Abnehmer ist die Münchner Bank, die auf nachhaltige Werbegeschenke setzt und von uns Schlüsselanhänger mit Gravur an ihre Kunden verteilt. Nachhaltige Werbeartikel, die ihre eigene Geschichte erzählen. Das finden wir spitze!

Bettina Junkersdorf, Gründerin von New Seed

Woher beziehen Sie die Materialien?
Die Seile und weiteres Equipment sammeln wir in Recyclingstationen direkt vor Ort in unseren Partnerkletterhallen ein. Die Kletterhallen unterstützen uns mit den hauseigenen Seilen und geben mit der Station auch privaten Kletterern die Möglichkeit, ihrem Seil die letzte Ehre zu erweisen. Als Recyclingstation dienen alte Ölfässer, die in stundenlanger und mühsamer Arbeit geputzt und mit Seil, Schwemmholz und Poster verschönert werden. Seit Anfang diesen Jahres konnten wir so ca. eine Tonne Kletterseil einsammeln. Unser Versandmaterial sammeln wir gebraucht von regionalen Firmen, die uns gerne unterstützen wie z.B. das Reformhaus, der Hundeladen oder der Schreibwarenhändler um die Ecke. Alle freuen sich, dass ihre Kartonagen noch einmal Verwendung finden.

Haben Sie selbst eine Werkstatt oder wo lassen Sie produzieren?
Von den Kletterhallen gehen die Materialien direkt an eine Werkstätte für Menschen mit Behinderung und werden dort erst einmal professionell gereinigt und zur Weiterverarbeitung vorbereitet. Danach kommen sie zu mir. Da ich ohne großes Zögern, die Idee in die Tat umgesetzt habe, wurde aus der privaten Wohnung in kurzer Zeit ein Büro, ein Lagerraum und ein Bastel- und Nähzimmer. Frühstück am Küchentisch bedeutet dann meistens erst mal aufräumen… Meinem Freund wurde das inzwischen zu viel, weswegen er gerade seine ganze freie Zeit in den Ausbau eines Lagerraums mit Werkstatt hier im Haus steckt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Dort kann ich in Zukunft neue Ideen umzusetzen und, sofern Zeit bleibt, auch einen Teil der Produktion übernehmen. Als Unterstützung helfen selbstständige Näherinnen aus der Region, die in Heimarbeit unsere Produkte fertigen. Bei Großaufträgen geben wir die Aufträge an eine deutsche Großnäherei weiter.

Kultur- und Kreativpilot
NEW Seed wird übrigens 2017 die Auszeichnung der Kultur- und Kreativpiloten erhalten. Damit werden im Namen der Bundesregierung jedes Jahr 32 Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

Wie entsteht eine Produktidee?
Ideen gibt es viele, doch die Umsetzung dauert oft lange. Kletterseile sind nicht leicht zu verarbeiten, und so muss man viel ausprobieren bis man ein verkaufsfertiges Produkt in der Hand hält. Das kostet natürlich Zeit. Oft ziehe ich meine Mom zu Rate. Sie hat mich von Anfang an mit ihren Nähkünsten unterstützt, und von ihr kommen auch immer wieder viele super Ideen. Leider muss am Ende auch immer abgewogen werden, ob die Produkte wirtschaftlich Sinn machen.

Können Sie von dieser Upcycling-Geschäftsidee leben?
Wir sind jetzt seit etwas über einem Jahr auf dem Markt und es läuft super an. Im Moment legen wir hauptsächlich Wert darauf, sinnvoll zu reinvestieren.

Upcycling ist ja inzwischen ein großer Trend geworden; auch viele Privatpersonen stellen Do-it-Yourself-Produkte her und verkaufen sie über das Internet. Kann ein Unternehmen wie Sie es betreiben sich gegenüber diesem Trend behaupten? Also ist die Idee zukunftsträchtig?
Auf jeden Fall, zukunftsträchtig ist sie schon allein deswegen, weil wir dabei helfen, Abfall sinnvoll aufzuwerten. Im Moment werden Berge an ausgesonderten Kletterequipments frühzeitig entsorgt, hier können wir einen Beitrag zur Nachhaltigkeit im Klettersport leisten. Mit einem bundesweiten Recyclingnetzwerk, das wir immer weiter ausbauen, ist es uns möglich, auch Großaufträge anzunehmen. Unser Ziel ist es, so viel Material wie möglich sinnvoll zurück in den Circle of Life zu bringen.

Mittlerweile gibt es ja auch immer öfter Kritik am Upcycling-Boom. Was ist Ihrer Meinung nach „echtes“, nachhaltiges Upcycling?
Meiner Meinung nach kann durch Upcycling nur ein nennenswerter Beitrag zur Nachhaltigkeit geleistet werden, wenn viel Material zurück in den Kreislauf gebracht wird. Deswegen spezialisieren wir uns auf die Herstellung einfacher, robuster und funktioneller Produkte zu einem vernünftigen Preis.

Was denken Sie über die Zukunft des Upcyclings? Wie kann der Trend langfristig zu einer besseren Ökobilanz führen, zu mehr Umweltbewusstsein?
Ich denke, dass Upcycling immer mehr ins Bewusstsein der Menschen rückt und dadurch zwangsläufig zu mehr Umweltbewusstsein und auch neuen Ideen führt. Neue Wege der Mülltrennung wären auf jeden Fall wichtig, denn was einmal auf dem Wertstoffhof gelandet ist, darf nicht mehr entwendet werden. Hätten die Menschen eine alternative Möglichkeit bspw. ihre alte Couch zu entsorgen, bin ich mir sicher, sie würden sich gerne dafür entscheiden, dass das geliebte Stück bei einem Upcycler noch eine zweite Chance bekommt.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit NEW SEED weiterhin!

Über das Upcycling-Projekt auf LizzyNet

Autorin / Autor: Redaktion/ Bettina Junkersdorf - Stand: November 2017