Mein Smartphone ist ein Teil von mir

Wissenschaftler zeigen: "Gummihand-Illusion" kann durch Smartphones erzeugt werden

Die sogenannte Gummihand-Illusion ist eine in der Psychologie bekannte Illusion: Durch einen bestimmten Versuchsaufbau können wir dazu gebracht werden, eine sichtbare Gummihand als unsere eigene zu empfinden - mit Gefühl und allem Drum und Dran. Nun haben Wissenschaftler_innen herausgefunden, dass es dafür nicht mal eine Gummihand braucht, das funktioniert nämlich auch mit einem simplen Smartphone. Entscheidend für die Integration eines fremden Gegenstandes in das eigene Körperempfinden ist demzufolge also nicht die optische Ähnlichkeit, sondern auch das Ausmaß, in dem man einen Gegenstand gebraucht.

Die Forscher_innen aus Münster, Leiden (Niederlande) und Regensburg ahmten in ihrer Studie den Versuchsaufbau der "Gummihand-Illusion" nach. Dabei legt die Versuchsperson ihre linke Hand auf einen Tisch. Die eigene Hand wird abgeschirmt, sodass die Person sie nicht sieht. Neben der verborgenen eigenen Hand platzierten die Forscher eine Gummihand, das Smartphone (iPhone) der Versuchsperson, eine Computermaus oder einen Smartphone-förmigen Holzklotz.
Die eigene, nicht sichtbare Hand und das sichtbare künstliche Objekt wurden dann für einige Minuten synchron oder asynchron (als Kontrollbedingung) mit einem Pinsel gestreichelt. Dass die Versuchsperson zeitgleich fühlt, wie die eigene Hand gestreichelt wird und sieht, wie das Objekt synchron berührt wird, erzeugt bei ihr das Gefühl, das Objekt gehöre zum eigenen Körper – beide Informationen verschmelzen dabei zu einer Wahrnehmung.

Um die Empfindungen der Testpersonen zu messen, setzten die Forscher einen Fragebogen ein. Außerdem fragten sie einen weiteren zentralen Aspekt der Gummihand-Illusion ab: das Gefühl, die nicht sichtbare eigene Hand verschiebe sich räumlich in Richtung der Gummi-Hand ("propriozeptiver Drift").
Wurden die eigene Hand und das Objekt synchron gestreichelt, empfanden die Versuchspersonen alle Objekte stärker als dem eigenen Körper zugehörig. Mit anderen Worten: Der subjektiv gefühlte "Gummihand-Effekt" ließ sich auch mit einem Smartphone, einer Computermaus und einem Smartphone-förmigen Holzklotz erzeugen.
Die scheinbare räumliche Verschiebung der eigenen nicht sichtbaren Hand hin zum sichtbaren Objekt trat jedoch nur bei der Gummi-Hand und beim Smartphone auf, nicht aber bei der Computer-Maus und beim Holzblock. Nur das eigene Smartphone erzeugte also eine ähnlich vollständige Illusion wie die Gummihand.

Flexibles Selbst
"Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass unser körperliches Selbst viel flexibler und plastischer ist, als früher angenommen wurde", erklärt Roman Liepelt. "Denn ein Smartphone, das einer menschlichen Hand ganz und gar nicht ähnlich sieht, erzeugte in unserem Versuch eine ähnlich starke Illusion wie eine künstliche Hand. Vermutlich spielt dabei eine zentrale Rolle, dass die Versuchspersonen in der Vergangenheit ausgiebige Erfahrungen damit hatten, das Smartphone zu kontrollieren."

Entscheidend sei die sogenannte multisensorische Integration. "Wir schauen täglich auf unser Smartphone und fühlen gleichzeitig, wie wir es bedienen", sagt Bernhard Hommel von der Universität Leiden. "Eine Kombination aus Fühlen, Sehen und vergangener Erfahrung sorgt wahrscheinlich dafür, dass wir bestimmte Objekte in unser Körperschema integrieren." Wie weit die Flexibilität des körperlichen Ichs geht, müsse in weiteren Studien überprüft werden, so die Forscher.

Die Ergebnisse sind aktuell im Fachmagazin "Psychological Research" veröffentlicht (online vorab).

Wenn also demnächst jemand euer Smartphone ganz sanft in die Hand nimmt und ihr euch dabei irgendwie ebenfalls sanft berührt fühlt, muss euch das nicht weiter wundern. Euer Smartphone ist möglicherweise bereits ein Teil eures Körpers geworden.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 18. Mai 2016