Mehr Geschummel in Onlineprüfungen

Umfrage unter Studierenden: 61,4 Prozent haben in Onlineprüfungen unerlaubte Hilfsmittel verwendet oder sich mit anderen Studierenden ausgetauscht

Junge Frau am Computer schielt nach ihrem Handy

Unter dem Einfluss der Corona-Pandemie musste an Schulen und Universitäten einiges umgestellt werden, manches auch recht schnell. Prüfungen und Klausuren mussten an vielen Orten ganz plötzlich auf Online-Formate umgestellt werden. Aber eine Klausur, die für eine Präsenzprüfung unter Aufsicht gedacht ist, lässt sich nicht 1:1 auf Online übertragen. Schließlich ist es bei der Prüfung am heimischen PC um einiges leichter, unauffällig an die erforderlichen Informationen zu gelangen, die man gerade nicht im Kopf hat. Das verleitet offenbar zum vermehrten Schummeln.

61,4 Prozent schummelten in Online-Prüfungen, nur 31,7 % in Präsenz-Prüfungen

Das zeigt eine neue Studie unter der Leitung des pädagogischen Psychologen Dr. Stefan Janke, in deren Rahmen mehr als 1.600 Studierende befragt wurden. An der anonymen deutschlandweiten Umfrage nahmen Studierende verschiedener Hochschulen teil. Eine Vielfalt von Fächern war vertreten – von Medizin, Jura, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften bis hin zu Informatik und Technik. Das Ergebnis der Umfrage: 61,4 Prozent der Befragten, die in dem kritischen Zeitraum eine Onlineprüfung abgelegt hatten, gaben an, unerlaubte Hilfsmittel verwendet zu haben oder sich mit anderen Studierenden ausgetauscht zu haben. Nur 31,7 Prozent räumten dies hingegen in Bezug auf Klausuren ein, die in Präsenz stattfanden. „Dies deutet darauf hin, dass die hastige Umstellung auf Onlineprüfungen im Sommersemester 2020 unerwünschte Nebenwirkungen für die akademische Redlichkeit an den Hochschulen hatte“, stellt Janke fest.

„Besonders spannend sind die Ergebnisse in Bezug auf die Studierenden, die in dem kritischen Zeitraum sowohl Online- als auch Präsenzprüfungen abgelegt hatten“ so Janke weiter. „Zwar wurden diese Studierenden im Schnitt häufiger in Präsenz geprüft, sie gaben aber an, in den selteneren Onlineexamen häufiger betrogen zu haben.“

Über alternative Prüfungsformen nachdenken

„Akademisches Betrugsverhalten ist kein Corona-spezifisches Problem“, konstatiert Janke. Die Ergebnisse der aktuellen Studie können jedoch grundsätzlich dazu anregen, sich über alternative Prüfungsformen Gedanken zu machen. Aus früheren Studien ist beispielsweise bekannt, dass Studierende eher betrügen, wenn geschlossene Frageformate gewählt werden (zum Beispiel Multiple-Choice), bei denen nur das korrekte Ergebnis angegeben werden muss. Besser seien daher womöglich offene Prüfungsformate, die nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Lösungsweg berücksichtigen.

Es sei aber auch sinnvoll, grundsätzlich darüber nachzudenken, welche Verhaltensweisen in Prüfungen erwünscht und welche unerwünscht sind. „In Open-Book-Klausuren ist es beispielsweise erlaubt, Zusatzmaterialien zu verwenden“ so Janke. „Dieses Format fordert Prüfende und Prüflinge gleichermaßen, da die Fragen in stärkerem Ausmaß Tiefenwissen und Transferfähigkeit voraussetzen, als dies bei traditionellen Klausuren der Fall ist.“

Eine weitere Möglichkeit seien kollaborative Prüfungen, die den Austausch zwischen Studierenden sogar erlauben. „Eine solche Prüfungsform reflektiert besser die Anforderungen des späteren Berufslebens, in welchem Studierende häufig teamfähig sein und mit anderen gut zusammenarbeiten sollen,“ ergänzt Janke.

An der Studie wirkten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von den Universitäten Mannheim, Augsburg und Landau mit. Die Ergebnisse der Studie wurden unter der Federführung von Dr. Stefan Janke (Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie der Universität Mannheim) in der Fachzeitschrift Computers and Education Open veröffentlicht.

Quelle:

Mehr Geschummel auf LizzyNet

Was denkst du darüber?
Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung