Maximilian Flügelschlag

Autorin: Angie Sage
Übersetzerinnen: Katrin Segerer, Hanna Christine Fliedner
Illustrationen von  Nina Dulleck

Der Buchumschlag sprach mich sofort an. Ein geflügeltes Wesen mit einem liebevollen Gesichtsausdruck hält eine merkwürdig aussehende Kanne in ihren 3 Händen. Im Kontrast dazu stehen die militärisch wirkende Brille, der Helm mit den Antennen, die schwarzen Flügel des Wesens sowie die düsteren Schatten von Häusern und die dargestellte Flucht von zwei Menschen. Es kribbelt. Fragen kommen auf. Wer ist dieser Junge? Auf welcher Seite steht er?
Der lichtvollen oder der dunklen? Was hat es mit der Kanne auf sich? Wer sind die fliehenden Menschen?

Der Autorin gelingt es fabelhaft, den Leser sofort in das Geschehen einzubinden. Dabei greift sie auf folgende geniale Idee zurück: Der Buchheld möchte dem Leser beweisen, dass er ein gutes Wesen ist und verspricht ihm die Rettung der zwei Flüchtlinge. Der Leser wird so als blinder Passagier auf die Reise mitgenommen und soll sich selbst überzeugen, ob der Hauptheld sein Versprechen einlösen wird.

Meine anfänglichen Vorbehalte gegenüber dem Aussehen von Maximilian, der eine Schabe ist, verwandelte sich in große Sympathie für ihn. Die Autorin spielt hier hervorragend mit dem Vorurteil der Bewertung des Einzelnen aufgrund seines Äußeren (oder auch dem Gefühl des Ekels vor Insekten), ohne auf die Ausstrahlung und sein Herz zu achten.

Der Schriftstellerin gelingt es gut, aufzuzeigen, wie die Charaktere an ihren Aufgaben wachsen und eingenommene Haltungen ändern, während andere dies nicht tun und dafür zum Teil tödliche Konsequenzen tragen müssen.

Alle  kämpfen auf ihre Art in der düsteren Stadt Trost um ihr Überleben, indem sie zu Verrätern werden oder anderen helfen und damit ihr eigenes Leben auf das Spiel setzen. Es geht um die eigene Macht oder Machtlosigkeit, um den Glauben an etwas, dass scheinbar der Wahrheit entspricht, sich jedoch als Täuschung herausstellt, um den Mut "Fremde" zu retten und herauszufinden, wer man wirklich ist und die Wiederentdeckung von Familienbanden. Letztendlich führt dieser Zusammenhalt und der Glaube an sich selbst zum Entschluss, Neues zu wagen, sich selbst und das Leben der Stadtbewohner zu retten.

Das Buch lässt nicht mehr los. Eine Enthüllung folgt der nächsten. Das Tempo steigert sich von Kapitel zu Kapitel, denn die nächsten Kinder sollen mit dem Silberschiff hinaus in die angeblich verseuchte Welt geschickt werden.

In jedem Kapitel kommen mehrere Charaktere zu Wort und erzählen aus ihrer Sicht vom Geschehen und geben Hintergrundinformationen. Das ist für den Leser sehr sinnvoll, um die Ereignisse, das Verhalten der Charaktere nachvollziehen zu können.

Der Autorin gelingt es wunderbar, die Gegensätze zwischen den beiden Welten darzustellen: Die Stadt Trost als lebensfeindlicher Ort, an dem Trostlosigkeit, Erstarrung, Lüge, Überwachung, Verrat vorherrschen und die Umgebung drumherum. Dort blüht das Leben, die Freiheit und die Liebe.

Ein tief bewegendes Buch.


Erschienen bei Dragonfly

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Autorin / Autor: summer22 - Stand: 24. Januar 2022