Kompass ohne Norden

Autor: Neal Shusterman

„Wenn der Abgrund in dich hineinschaut – und das wird er – mögest du den Blick unerschrocken erwidern.“ (Neal Shusterman)

In dem Roman „Kompass ohne Norden“ von Neal Shusterman geht es um den 15-jährigen Caden Bosch, der an einer schizoaffektiven Störung leidet.
Führt Caden zu Anfang der Geschichte noch ein relativ normales Leben, so tauchen im Verlauf die ersten Symptome auf, die sich immer weiter entwickeln, bis er zwischen Realität und Fantasie nicht mehr klar unterscheiden kann und schließlich in eine Klinik eingewiesen wird.
Während seiner psychotischen Phasen befindet sich Caden auf einer Art Schiff, dessen Besatzungsmitglieder realen Situationen entstammen.
Das Buch ist aus der Ich-Perspektive von Caden geschrieben und ermöglicht damit einen konkreten Einblick in das „derzeitige“ zeitliche Erleben und Geschehen.

… und meine Meinung?
Ich persönlich fand das Buch zu Anfang sehr schwer zu lesen (es ist keine leichte Abendlektüre). Mein erster Fehler war es gewesen, nach dem ersten Kapitel anzunehmen, dass zu Beginn der Geschichte schon bekannt ist, dass Caden an einer schizoaffektiven Störung leidet – er gilt zu Anfang noch als normal, eine psychische Diagnose ist nicht gestellt.
Nachdem ich dies erkannt hatte, war es anschließend auch schwierig für mich, seine psychotischen Schübe realen (tatsächlich stattfindenden) Situationen zuzuordnen. Das Buch war für mich daher relativ anstrengend zu lesen.
Dies änderte sich allerdings ungefähr zur Mitte des Buches, als ich erfuhr, dass das Geschehen nicht chronologisch, sondern zeitlich versetzt wiedergegeben wird. Mit der Zeit wurde es immer leichter, Cadens vermeintlich komplett fantasierte Welt realen Ereignissen zuzuordnen und es wurde immer spannender zu erfahren, welche Personen in seiner „Halluzination“ welchen realen entsprachen.

Ich muss auch zugeben, dass ich mich ein wenig in seine Charaktere, wie vor allem den Papageien, der in die Ohren der Seeleute blickt, um zu schauen, ob ihre Gehirne noch vorhanden sind, verliebt habe – wenngleich ich zugeben muss, dass gerade die ersten 150 Seiten nichts für schwache Nerven sind.

Ich persönlich wäre nicht auf die Idee gekommen, das Buch als Jugendbuch zu bezeichnen, da zum einen die Thematik an sich schon nicht allzu leicht ist, und zum anderen es teilweise sehr drastische „Szenen“ beinhaltet, die teilweise leicht verstörend wirken können (Gehirne, die aus Körperöffnungen schlüpfen und wie Ratten über Bord krabbeln, …).

Davon abgesehen habe ich selten ein Buch gelesen, bei dem ich so mit dem Autor sympathisierte. Allein das Vorwort ist bereits sehr präzise, aber ergreifend („Ich musste ohnmächtig zusehen, wie ein Mensch, den ich liebte, in die Tiefe sank […]. Unsere Hoffnung ist, dass Kompass ohne Norden all jene trösten kann, die in den Tiefen gewesen sind, indem es sie wissen lässt, dass sie nicht allein sind.“) und auch die Art des Aufbaus des Buches ist – sofern man sich drauf einlässt – spannend gestaltet, sodass sich aus anfänglich vielen Fragezeichen langsam im Kopf des Lesers eine Ordnung ergibt.

Fazit
Wer dem Buch wirklich eine Chance geben möchte, der sollte es keinesfalls frühzeitig abbrechen, sondern bis zum Ende lesen. Ich selbst kann nur von mir sagen, dass, so anstrengend der erste Teil des Buches für mich auch war, die Geschichte als Ganzes es wieder wettgemacht hat und ich es zum Ende hin ein wenig bedauert habe, dass diese (nachdem ich mich gerade dran gewöhnte) aufhörte.
Ein schönes Buch, um sich ein wenig in Personen mit psychischen Störungen hineinzudenken!

Erschienen bei Hanser Literaturverlage

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Autorin / Autor: Antonia - Stand: Khyona