Keine Bibel

Autor_innen: Christian Nürnberger, Eva Jung

In „Keine Bibel“ erzählt der selbsterklärte „protestantische Agnostiker“ Christian Nürnberger zentrale Geschichten des großen Buchs der Christenheit, gibt Infos zu ihrer Entstehung und möglichen Zusammenhängen, und zeigt, was uns dieser alte dicke Schinken heute noch zu sagen hat (Spoiler Alert: ganz schön viel). Ein absolut lesenswerter Schnelldurchgang für alle, die schon immer mal wissen wollten, was eigentlich so in der Bibel steht. In klarer, schlichter Sprache erzählt der Autor die vielen Geschichten aus Altem und Neuem Testament nach. Dabei hat er mich so in den Bann dieser fremden und doch vertrauten Welt gezogen, dass ich das Buch am liebsten ohne Unterbrechung gelesen hätte.

Die Nicht-Bibel nennt sich extra so, denn Christian Nürnbergers zusammenfassende Nacherzählung enthält natürlich nicht alles, was in der Bibel steht. Sie ist auch keine Übersetzung im engeren Sinne, die sich nah an die Struktur älterer deutscher Bibeltexte halten würde, sondern erzählt einzelne Geschichten in eigenen Worten nach. Das gar nicht mal so dicke Buch ist nur in Altes und Neues Testament aufgeteilt, die vielen Unterkapitel, die man in einer normalen Bibel findet, sind nicht extra markiert. Trotzdem wird in jedem Abschnitt deutlich, woher er stammt, und wer will, könnte die klassische Version nochmal nachlesen.

Diese beiden großen Blöcke, sozusagen der erste und der zweite Teil der Geschichte des christlichen Gottes mit der Welt und den Menschen, sind dann jeweils in Abschnitte aus zusammenhängenden Erzählungen aufgeteilt. Immer wieder meldet sich auch der Autor mit Zwischenrufen, wenn eine dieser Geschichten besonders abstrus erscheint – zum Beispiel als Gott Abraham sagt, er soll seinen Sohn opfern und dazu eigenhändig umbringen, und Abraham das tatsächlich tut. Gott hält ihn im letzten Moment zwar noch auf, aber man kann sich schon fragen, was das soll. An solchen Stellen meldet sich Christian Nürnberger zu Wort und versucht, die Geschichten etwas verständlicher zu machen. Hier zum Beispiel ist von unbedingtem Vertrauen die Rede – wenn Gott mit Abraham einen Neuanfang starten will, dann müssen sich die beiden unbedingt aufeinander verlassen können. In anderen Zwischenrufen gibt der Autor Hintergrundinformationen dazu, wann welche Texte vermutlich entstanden sind, und wie sie miteinander zusammenhängen (könnten). Auch das hilft, um manch seltsame Geschichte einzuordnen. Die Erzählungen selbst sind in einem klaren und schlichten Stil gehalten, und man kann sie als einzelne Häppchen lesen, oder diese „Keine Bibel“ als ganzes Buch lesen.

Ich konnte gar nicht anders, als genau das zu tun, denn der Rhythmus der kurzen, schlichten Sätze, und die spannende Handlung, die sich an manchen Stellen wie ein Krimi liest, hatten mich schnell in ihren Bann geschlagen. Auf den letzten Seiten positioniert sich der Autor dann nochmal selbst – wie oben erwähnt – als „protestantischer Agnostiker“, also als jemand, der den Geschichten der Bibel viel abgewinnen kann, auch und gerade heute noch. Denn es wird klar: Die Geschichten in der Bibel erzählen davon, wie Menschen mit ganz grundlegenden Herausforderungen umgehen – mit Erfahrungen von Unterdrückung und Machtlosigkeit, mit großen Unsicherheiten, mit Angst, Neid, und Mächtigen, die ihre Macht missbrauchen. Und am Ende gibt es immer Hoffnung: denn jedes Dunkel, jedes Tal, jede Herausforderung wird irgendwann überwunden und enthält neue Chancen und eine neue Version unserer Selbst und unserer Welt.

Außerdem gibt uns die (Keine) Bibel eine ganz klare Leitlinie, damit das funktioniert: liebt einander, seid gut zueinander, achtet einander – denn alles, alle Menschen und alle Dinge auf dieser Welt, sind miteinander verbunden, und wir alle brauchen einander. Und diese Erkenntnis ist heute mindestens genauso wichtig wie vor mehreren tausend Jahren.


Erschienen im Gabriel Verlag

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Autorin / Autor: Mirjam Eiswirth - Stand: 13. November 2020