Wenn du anfängst zu schreiben, fangen die Personen an zu leben

Annika hat mit der in Frankfurt lebenden Jugendbuchautorin Stefanie Neeb darüber gesprochen, was ihr daran gefällt, Jugendbücher zu schreiben und wie sie dabei vorgeht.

Letztes Jahr ist der erste Roman von Stefanie Neeb, „Und wer rettet mich?“ erschienen. Das Buch wurde für den Paul Maar Preis für junge Talente – Kobinian 2018 nominiert. Wer „Und wer rettet mich“ noch nicht gelesen hat, darum geht’s: Kim und ihre Schulkameraden feiern zusammen eine Abi-Feier, doch dann brennt deren Partylocation, eine alte Scheune, ab und Kims Freund Jasper wird verdächtigt, der Brandstifter zu sein. Dieser kann sich jedoch am nächsten Tag an nichts mehr erinnern und Kim kann ihm nicht helfen, denn sie war mit Ben unterwegs, dem Jungen, der lange ihr größter Schwarm war. Doch dann wird alles plötzlich ganz kompliziert und Kims Eltern machen ihrer Tochter das Leben auch alles andere als leicht … Das Buch wurde auch auf LizzyNet besprochen: Rezension „Und wer rettet mich?“

Wenn du die Idee hast, ein Buch zu schreiben, wie sammelst du dann deine Ideen oder Erinnerungen, die du für das Buch wichtig findest?

Als erstes habe ich eine Idee, also entweder den Anfang oder das Ende eine Geschichte, oder ein Thema, was mich reizt. Ich schreibe dann aber noch nicht los, sondern das passiert erstmal im Kopf. Dann fange ich an, über die Hauptpersonen nachzudenken, wenn die nicht sowieso schon Thema sind. Bei „Und wer rettet mich“ war es relativ schnell klar, welchen Charakter die Hauptperson Kim für mich hat: Ich hatte wirklich Lust auf ein wütendes Kind. Eine Figur die vielleicht am Anfang auch stutzig macht und man sich fragt, warum sie sich erst so gegen die Ermittlungen der Polizei wehrt und so gegen ihre Eltern ist. Bei Kim habe ich mir dann eine riesen Papierrolle geholt, hab die Tage aufgeschrieben, wieviel Zeit die Polizei brauchen könnte, um die Dinge herauszufinden, usw... Ich hatte dann das Glück, an eine super tolle Kriminalkommissarin zu kommen, die mir meine Fragen beantwortet hat.
Also war zunächst wirklich viel Recherche zu machen: Konnte der Brand überhaupt so entstanden sein, wie ich das wollte? Und wie lange braucht die Polizei dann, um bestimmte Dinge herauszufinden? Wie geht sie vor bzw. darf sie Kim besuchen? Kommen die in Zivil oder in Uniform?
Die Kriminalkommissarin war auch Spezialistin für Verhörtechnik, das war für mich dann auch nochmal ganz spannend! Ich habe ihr die Texte und später auch das Buch geschickt: Ich wollte wissen, wie sie meine Figur der Kommissarin Heitmeier findet. Und die Kommissarin sagte, Heitmeier in meinem Buch sei wie eine Kollegin, die man sich so wünscht: hart an der Sache, weich im Kern. Da hat mich gefreut!

Wie fängst Du an, ein Buch zu schreiben?
Ich mach mir eigentlich schon immer ein Raster. Aber das Schöne beim Schreiben ist, dass trotzdem noch Dinge passieren, die du vorher nicht beachtet hast. Deswegen schreibe ich dann irgendwann schon mal die ersten Seiten: Um so einen Ton für die Geschichte zu finden. Dann mach ich nochmal Pause und dann plotte ich weiter, habe aber die Personen schon mal „gespürt“.
Wenn du also anfängst zu schreiben, dann fangen die Personen sofort an zu leben. In dem, wie sie reden, wie sie denken. Du guckst dir die Geschichte durch ihre Augen an. Und dann verändert sich manchmal noch was. Ich wusste zum Beispiel, bestimmt bis zu Hälfte des Buches nicht, ob Jasper oder Ben der Freund von Kim wird.
Manche Schüler haben mich gefragt, ob ich vielleicht eine Fortsetzung schreibe. Aber ich glaube, das brauch es nicht, denn ich denke, das jetzige Ende, ist ausreichend für das Buch.

Ich finde es aber auch gut, dass das Ende so offen bleibt. Findest du es auch schön, wenn man bei Büchern die Chance hat, sich selbst zu überlegen, was am Ende noch so passiert? 
Ja, es gibt vor allem Bücher, deren Schluss so ausführlich und so ausschweifend ist – damit macht man manchmal auch etwas kaputt. Gute Bücher sind für mich welche, die in dem Sinne ein gutes Ende haben, dass es nicht ein zu perfektes „Happy End“ gibt.

Wenn Du schreibst, recherchierst Du ja auch viel. Liest Du dann auch andere Bücher, die vielleicht Ähnlichkeiten mit deinem aktuellen Projekt haben?
Ich lese mich generell quer durch die Jugendliteratur. Ich lass mich aber nicht unbedingt von den Ideen inspirieren, sondern ich schau mir eher die Tonart der Autoren an. Mich interessiert es auch, wie sie die Perspektiven und die Szenen aufbauen, wie sie Dinge verbinden, wie die Sprache ist. Wenn ich ein Buch lese und gut finde, dann passiert bei mir auch immer etwas beim Schreiben. Nicht, dass ich kopiere, aber es inspiriert mich. Ich glaube, wenn man schreibt, liest man auch nochmal anders.

Hast Du beim Schreiben eines Romans Lieblingscharaktere?
Kim ist auf jeden Fall der Charakter, den ich am meisten ins Herz geschlossen habe. Aber das Interessante ist, wenn du Rollenbilder für jeden anlegst und dabei in jede Figur eintauchst, dann magst du eigentlich alle. Weil du ja auch weißt, warum sie so sind, wie sie sind. Du überlegst dir dann ja auch eine Backstory, eine Hintergrundgeschichte zu jedem.

Wie findest Du es eigentlich, aus Deinen eigenen Büchern vorzulesen?
Das mache ich sehr gern. Wenn ich eine Lesung gebe, dann gebe ich den Personen auch nochmal einen anderen Charakter, als wenn jeder selber liest.
Ich habe übrigens auch Unterrichtsmaterialien zum Buch für den Schulunterricht entwickelt.

Du hast ja Deinen Beruf, Lehrerin zu sein, für das Schreiben aufgegeben. Warst Du traurig darüber? Und wie ist das für Dich, jetzt für Lesungen in Schulklassen zu kommen?
Den Lehrberuf habe ich aufgehört, als die Kinder kamen, dann sind wir auch umgezogen – ich bin also schon früher raus. Ich habe dann angefangen, bunte Kleidung zu entwerfen, zu nähen und zu verkaufen. Ich war also erst mal zu Hause kreativ, das hat mir schon sehr gefallen. Und dann kam das Schreiben dazu. Das macht mir auch sehr viel Spaß. Besonders gefällt mir, dass ich mit den Lesungen in Schulen beides verbinden kann: Das Schreiben und dann nach der Lesung das Gespräch mit den Schülern zu haben. Manchmal entstehen dann im Anschluss an die Lektüre Gespräche, die es so gar nicht gegeben hätte. Dass ich das alles machen darf, das macht mich sehr glücklich.

Wie hast du es geschafft, mit deinem ersten Buch einen Verlag zu finden? Wie schwer war das?
Mein Weg zu einem Verlag war ein wenig kurvig. Als erstes habe ich  mehr durch Zufall eine Kinder- und Jugendbuchlektorin kennen gelernt, der ich mal alles so gezeigt habe, was ich bisher so geschrieben hatte. Sie arbeitet als freie Lektorin für viele Verlage und ich bezeichne sie gerne als meine "Schreibmentorin". Von ihr habe ich unglaublich viele Tipps bekommen, die mich motivierten, dranzubleiben, weiterzumachen. Der  nächste Schritt war dann, eine Literatur-Agentur zu finden. Das hat geklappt. Tja, und  dann hat der S. Fischer Verlag tatsächlich bei "Und wer rettet mich?" angebissen. Ein unbeschreibliches  Gefühl!

Woran arbeitest du gerade?
Momentan schreibe ich ganz fleißig für das neue Imprint von Harper Collins: dem Dragonfly-Verlag. Viel sagen darf ich noch nicht, aber: Es wird etwas Größeres! Ebenfalls etwas für die gleiche Zielgruppe. Und doch ... anders. Zu lesen ab Herbst 2020!!

Wenn du jetzt die Wahl hättest noch einmal was ganz anderes auszuprobieren, was wäre das?
Im Moment bin ich tatsächlich total glücklich, das machen zu können, was mir so viel Spaß macht. Das Schreiben! Von daher etwas anderes? Nö 😊


Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast.

Was denkst du darüber?
Autorin / Autor: Annika - Stand: 15. November 2019
 
 
 

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