Ich bin Gideon

Autorin: Tamsyn Muir
Aus dem Amerikanischen von Kirsten Borchardt

Gideon Nav hat die Nase voll. Von den Nonnen und der verschlossenen Gruft auf dem neunten Planeten. Von der Nekromantie und den schwarzen Gewändern, in die sich alle hüllen. Aber vor allem von Harrowhark Nonagesimus, der Erbin des neunten Hauses und Gideons Erzfeindin. Während Gideon seit ihrer Kindheit mit Schwertern kämpft, übte sich Harrow in der Fähigkeit, Knochen zum Leben zu erwecken.
Als auch Gideons (erneuter) Fluchtversuch von Harrows Skeletten unterbunden wird und sie sich stattdessenkurz darauf nicht nur in der Rolle der obersten Kavalierin findet, sondern auch in einem Shuttle, das Harrow und sie auf den Planeten des ersten Hauses bringt, scheint das Chaos perfekt.
Dort erwarten die beiden 18-Jährigen nicht nur die Erben der anderen Häuser mit ihren Kavalier_innen, sondern auch eine einzelne Regel von Seiten des ersten Hauses, die die Adept_innen zu dem Ziel führen soll, Lyctor_in und damit unsterblich zu werden. Während Harrow wie ein Geist im schwarzen Gewand immer wieder verschwindet, streunt Gideon durch die Gänge, wirft ein Auge auf die eine oder andere attraktive Nachfahrin der anderen Häuser und fragt sich, was „ihre“ Nekromantin wohl treibt. Nur eines wird relativ schnell klar – nicht alle Häuser werden den Planeten des ersten Hauses wieder lebendig verlassen. Und während sich die Konkurrenz immer weiter lichtet, kommt Gideon ganz nebenbei noch Geheimnissen des neunten Hauses auf die Spur…

Mehr möchte ich an dieser Stelle zum Inhalt nicht verraten. Tamsyn Muir schafft eine düstere Welt voll Knochen, Blut und böser Magie, die mich vollkommen in ihren Sog gezogen hat. So abgedreht das Universum und die Geschichte rund um Gideon Nav auch ist, so sehr erinnern die Regungen und Gefühle, die Gideon durchmacht, an andere Jugendliche in ihrem Alter.
Muir schafft es, eine wirklich spannende Geschichte zu erzählen, in der bis kurz vor dem  Ende einige Sachen unklar bleiben - Was heißt es, Lyctor_in zu sein? Wer oder was tötet die Verteter_innen der anderen Häuser? Was hat es mit Gideon, Harrow und dem neunten Haus auf sich? - die ich auch mit viel herumrätsele nicht alleine knacken konnte.

Und nebenbei bricht sie auch noch gnadenlos mit Geschlechterkonventionen. Mal wird eine weibliche Nekromantin von einem männlichen Kavalier bewacht, mal ist das Geschlechterverhältnis umgekehrt. Mal schützt eine Kavalierin ihre Nekromantin und mal handelt es sich um ein männliches Gespann und auch die Sexualität der Figuren ist erfrischend weit von eingefahrener Heteronormativität entfernt. Wobei es sich hier auf jeden Fall nicht um einen Liebesroman handelt und die Themen wie Zuneigung und Erotik eher am Rande in die Geschichte eingewoben werden, ohne eine übergroße Rolle einzunehmen. In meinen Augen haben diese Details die Geschichte vor allem glaubhafter und greifbarer gemacht.

Gideon ist eine tolle Protagonistin, die man nach und nach ins Herz schließt. Sie flucht unglaublich viel und hat ein ziemlich loses Mundwerk, daran musste ich mich auf den ersten Seiten noch gewöhnen, aber je besser man den Charakter kennenlernt, desto flüssiger hat sich Gideons Art, sich auszudrücken für mich in ein Gesamtbild gefügt. Generell gefällt mir die Art, wie Muir die verschiedenen Charaktere nach und nach einflicht und immer mehr Details über die Figuren und die dahinterstehenden Häuser enthüllt. Die eine oder andere Überraschung ist dabei vorprogrammiert und immer, wenn ich den Eindruck hatte, jetzt eine Figur richtig einschätzen zu können, kamen irgendwelche Details über das Haus oder die Vergangenheit der Charaktere ans Licht, die meine Bewertung ins Wanken gebracht hat. Sehr hilfreich fand ich die Dramatis Personae am Anfang des Buches, zu der ich vor allem in den ersten Kapiteln immer wieder zurück geblättert habe. Allerdings schafft die Autorin es, die Figuren so unterschiedlich darzustellen, dass ich trotz der Vielzahl an Figuren recht schnell gut klar gekommen bin.

„Ich bin Gideon“ ist ein faszinierendes, spannungsreiches Buch, das die Leserin ohne viel Vertun in eine komplett andere Welt entführt. Ich freue mich schon darauf, mehr von den neun Häusern zu lesen.

Erschienen bei Heyne

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Autorin / Autor: karla94 - Stand: 26. Mai 2020