Glaubst du, was du siehst?

Was ist überzeugender: Videos oder Geschriebenes? Dieser Frage ging ein Forschungsteam des Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf den Grund

Wenn man sich anschaut, wie vielen Videos wir heute an einem einzigen Tag ausgesetzt sind, könnte man zu dem Schluss kommen, dass dieses Medium besonders einflussreich für die Online-Verbreitung von Informationen ist. Doch heißt das automatisch auch, dass wir den bewegten Bildern mehr glauben als einem geschriebenen Text? Und was ist mit der beunruhigenden Tatsache, dass es immer gefälschte Videos im Netz gibt? Dieser Frage gingen nun Forscher_innen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf den Grund.
"Der technologische Fortschritt hat neue Möglichkeiten geschaffen, Videos zu fälschen, aber wir wissen immer noch erstaunlich wenig darüber, wie Menschen politische Videos im Vergleich zu Texten verarbeiten", sagt MIT-Forscherin Chloe Wittenberg, die Hauptautorin der Studie. "Bevor wir Strategien zur Bekämpfung der Verbreitung von Deepfakes entwickeln können, müssen wir zunächst diese grundlegenderen Fragen über die Rolle von Videos bei der politischen Überzeugung beantworten".

Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft

In der Studie unterschieden die Forscher_innen zunächst zwischen der Glaubwürdigkeit von Videos und ihrer Überzeugungskraft. Das bedeutet, wenn das Publikum ein Video glaubwürdig findet, heißt es nicht unbedingt auch, es beeinflusst oder ändert seine Einstellung. Andererseits kann ein Video vielen nicht glaubwürdig erscheinen, aber es ändert dennoch die Einstellung oder das Verhalten der Zuschauer_innen.
"Wenn man sich eine Fleckenentferner-Werbung ansieht, haben sie alle das gleiche Format: Ein Fleck kommt auf ein Hemd, man schüttet den Entferner darauf, es kommt in die Waschmaschine und siehe da, der Fleck ist weg. Eine Frage ist also: Glauben Sie, dass das passiert ist, oder war das nur ein Trick? Und die zweite Frage lautet: Wie viel wollen Sie für den Fleckenentferner ausgeben? Die Antworten auf diese Fragen müssen nicht zwangsläufig eng miteinander verbunden sein", erklärt David Rand, MIT-Professor and Co-Autor.

In ihrer Studie zeigten die Forscher_innen 7.609 Amerikaner_innen 48 Werbespots, die über das Peoria-Projekt, ein Archiv für politisches Material, bezogen wurden. Die Umfrageteilnehmer_innen sahen sich entweder einen Werbespot an, lasen eine Abschrift des Spots oder erhielten überhaupt keine Informationen. (Für jeden Werbespot wurden die Teilnehmenden gefragt, ob die Botschaft glaubwürdig erschien und ob sie mit der Hauptaussage einverstanden waren. Anschließend wurden sie gefragt, ob sie das Thema persönlich wichtig fanden und ob sie weitere Informationen wünschten.) Bei der zweiten Umfrage wurde dasselbe Format verwendet, allerdings mit 24 populären Videoclips über Covid-19, die von YouTube stammten.

Insgesamt zeigten die Ergebnisse, dass Videos in Bezug auf die Glaubwürdigkeit etwas besser abschnitten als schriftliche Texte, aber nur wenig besser abschnitten, wenn es um die Überzeugungskraft ging. Die Befragten glaubten etwas eher, dass Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben, wenn sie in einem Video gezeigt worden waren, als wenn sie in Schriftform beschrieben wurden. Der Vorteil von Video gegenüber Text war jedoch nur ein Drittel so groß, wenn es darum ging, die Einstellung und das Verhalten der Teilnehmenden zu ändern.

Ein weiteres Indiz für diesen begrenzten Überzeugungsvorteil von Video gegenüber Text war, dass der Unterschied zwischen der "Kontrollbedingung" (mit Teilnehmer_innen, die keine Informationen erhielten) und dem Lesen von Text genauso groß war wie der zwischen dem Lesen des Transkripts und dem Ansehen des Videos.

Diese Unterschiede waren über die Gruppen hinweg erstaunlich stabil. So gab es in der zweiten Studie nur geringe Unterschiede zwischen den Auswirkungen politischer und unpolitischer Botschaften über Covid-19. Das deutet laut der Forschungsgruppe darauf hin, dass die Ergebnisse auch für unterschiedliche Arten von Inhalten gelten. Die Forscher fanden auch keine signifikanten Unterschiede zwischen den Befragten in Bezug auf Alter, politische Parteizugehörigkeit und politisches Wissen.
"Sehen heißt glauben", sagt Berinsky, "aber unsere Studie zeigt, dass ein Video, nur weil es glaubwürdiger ist, nicht auch gleichzeitig die Meinung der Menschen ändern kann."

Fragen zum Online-Verhalten

Natürlich könne die Studie die Bedingungen, unter denen Menschen Informationen online konsumieren, nicht genau nachbilden, so die Forschenden, aber die wichtigsten Ergebnisse lieferten wertvolle Erkenntnisse über die relative Stärke von Videos im Vergleich zu Text. "Es ist möglich, dass die Dinge im wirklichen Leben ein wenig anders sind", sagt Rand. "Es ist möglich, dass ein Video beim Scrollen durch den Newsfeed Ihre Aufmerksamkeit mehr fesselt als ein Text. Man schaut es sich dann eher an. Das bedeutet nicht, dass ein Video von Natur aus überzeugender ist als Text - es hat nur das Potenzial, ein größeres Publikum zu erreichen."

Das MIT-Team stellt jedoch fest, dass es einige klare Richtungen für die künftige Forschung in diesem Bereich gibt - einschließlich der Frage, ob Menschen eher bereit sind, Videos anzusehen als zu lesen. "Manche Menschen sehen sich lieber Videos an als Texte zu lesen", so Tappin. "Plattformen wie TikTok zum Beispiel sind stark videobasiert, und das Publikum besteht hauptsächlich aus jungen Erwachsenen. Bei solchen Zielgruppen kann sich ein kleiner Überzeugungsvorteil von Video gegenüber Text schnell ausweiten, weil mit Video so viel mehr Menschen erreicht werden können. Zukünftige Forschungen müssten aber diese und andere Ideen untersuchen.

"Unsere Schlussfolgerung ist, dass das Anschauen von Videos nicht viel überzeugender ist als das Lesen von Text", sagt David Rand über die Studie, die inmitten einer Zeit durchgeführt wurde, in der viele besorgt über politische Fehlinformationen im Internet sind, vor allem auch deshalb, weil technologiegestützte "Deepfake"-Videos viele Menschen, die sie ansehen, leicht davon überzeugen könnten, falschen Behauptungen Glauben zu schenken.

Die Studie mit dem Titel "The (Minimal) Persuasive Advantage of Political Video over Text" wurde in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

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