Achtung Verschwörungstheorie! So könnt ihr widersprechen

Interview mit Christoph Grotepass vom Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.

Nachdem wir alle mehr oder weniger aus unserer Schockstarre über den Corona-Lockdown herausgefunden haben und die Mehrheit sich mit den Vorsichtsmaßnahmen gegen eine Ansteckung mit dem unbekannten Virus arrangiert, wirbelt eine Minderheit gerade mächtig Wind auf. Sie verbreitet Erzählungen wie zum Beispiel die, dass das Virus aus einem Geheimlabor stamme und von der Pharmaindustrie in Umlauf gebracht wurde, um mit ihren Impfstoffen Milliarden zu verdienen. Wahlweise wird auch Bill Gates für die Entwicklung von Covid19 verantwortlich gemacht, um durch Impfstoffe noch reicher zu werden. Oder der amerikanische Präsident habe das Corona-Virus als Ablenkungmanöver erfunden, um damit eine pädophile Weltverschwörung zu bekämpfen.

Wir sehen Nachrichten-Bilder von sogenannten "Hygiene-Demos" und fragen uns, was Reichsbürger mit Friedensbewegten zu tun haben. Oder wieso Impfgegner_innen, Aluhutträger_innen und "ganz normale" Familien gemeinsam nicht nur gegen Politiker_innen mobilisieren, sondern zunehmend auch Menschen anfeinden, die sich an Schutzmaßnahmen halten wie das Maskentragen oder Abstand halten. Wir haben auf Lizzynet schon öfter Studien zitiert, die sich mit der Funktion oder der Herkunft von Verschwörungstheorien beschäftigen. Wir wollten aber diesmal wissen, wie man Menschen begegnen kann, die plötzlich solchen Erzählungen anhängen oder sie verbreiten. Ermüdende Diskussionen führen? Auslachen? Weggehen und stehen lassen? Entfreunden? Wir fragten mal nach bei Christoph Grotepass vom Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.

Herr Grotepass, bekommen Verschwörungstheorien in Corona-Zeiten mehr Zulauf?

Ja, denn Krisenzeiten sind schon immer Verschwörungstheorie-Zeiten. Wir merken das auch bei unserer Beratungsstelle: Während 2019 noch ca. 30 Anfragen zu diesem Thema im ganzen Jahr eingingen, haben wir in 2020 bis Ende August bereits mehr als das Doppelte und aktuell täglich mindestens eine Anfrage. Unter den Ratsuchenden sind übrigens oft auch Jugendliche und junge Erwachsene, die sich um ihre Eltern sorgen, die plötzlich krude Ansichten vertreten.

Warum löst denn so etwas wie der Corona-Virus Verschwörungserzählungen aus?

Dahinter verbergen sich meist Gefühle von Angst, Ohnmacht, Kontrollverlust und auch enttäuschte Erwartungen an die Wissenschaft, weil sie aus Sicht der Betroffenen die Probleme nicht lösen kann und dazu noch widersprüchliche Aussagen macht. Diese wissenschaftliche Betrachtung der Welt können jene Menschen nicht gut aushalten, die sich nach eindeutigen Werten von außen sehnen oder an Dogmen festhalten. Der Virus ist unsichtbar, man kann ihn nicht beschimpfen. Dennoch ist er Grund für massive Einschnitte in unseren Alltag. Da suchen manche lieber Schuldige, denen sie böse Motive unterstellen. Von da ist es nicht mehr weit zur Vorstellung, dass es den Virus gar nicht gibt und wir nur kontrolliert werden sollen. 
Interessant ist auch, dass jene, die sich vorher schon von Verschwörungserzählungen angezogen gefühlt haben, jetzt erst recht daran glauben, denn Corona ist ja auch sehr angstbesetzt.

In Medienberichten über die "Hygienedemos" sind ja meist Ältere sichtbar. Sind Jugendliche denn auch unter den Verschwörungsanhänger_innen?

In der Tat scheinen sich bisher vor allem Ältere auf diese Erzählungen einzulassen. Wenn Jugendliche das tun, kann das auch mit einem Abnabelungswunsch von den Eltern zu tun haben oder mit dem Wunsch nach abenteuerlichen Erklärungen – man kann sich ja fühlen wie mitten in einem ScienceFiction-Thriller, wenn bei manchen Verschwörungserzählungen Reptiloide oder Aliens ins Spiel kommen. Was alle Gruppen aber eint, ist der Wunsch, Mitwisser eines Exklusiv-Clubs zu sein, der die „wahren“ Hintergründe kennt und dadurch persönlich an Bedeutung zu gewinnen.

Woran kann man eine Verschwörungserzählung erkennen?

Dazu haben wir ein paar Fakten auf unserer Webseite zusammengetragen:

  • Verschwörungstheorien geben "Erklärungen" für einen gefühlten oder echten Missstand. Dabei steht meist eine kleine aber mächtige Gruppe im Fokus, die die Bevölkerung manipuliert. Die Motive dieser geheimen Verschwörer werden meist mit Machtgier und Kontrolle angegeben.
  • Es gibt in solchen Szenarien auch nie Zufälle und die mächtigen Verschwörer sind sogar für Nebensächlichkeiten verantwortlich.
  • Die Skurrilität einer Verschwörungstheorie gilt manchmal als Argument für ihre Wahrscheinlichkeit. Ihre Aussage steht im Widerspruch zu offiziellen Aussagen. Verdrehte Fakten und nicht nachprüfbare Anekdoten ersetzen fundierte Grundlagen. Um dem zu widersprechen helfen eher eigene Anekdoten (z.B. Schaden durch fehlende Impfung).
  • Verschwörungstheorien sind selten das Ergebnis umfangreicher Recherche, auch wenn es so erscheint. „Beweise“ werden oft nachträglich gefunden und lassen sich mit etwas Mühe widerlegen. Widersprechende Fakten gelten aber schnell als gefälscht. Wer diese liefert, wird oft als Teil der Verschwörung bezeichnet oder als von ihr gekauft.
  • Wer solch eine Theorie kritisiert, wird mit einer Flut von Argumenten überhäuft. Entkräftet man eines, wird ein neuer Argumentationsstrang eröffnet. Selbst ein Mangel an Beweisen für eine Verschwörung zeige lediglich, wie perfekt die Verschwörung funktioniert, da sie entsprechende Nachweise unterdrücke.

Wie kann man denn reagieren, wenn jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis solche Theorien verbreitet?

Wir haben in unserer Beratungsarbeit dafür so eine Art Slogan entwickelt. Der heißt: So gehts richtig. Jeder Anfangsbuchstaben steht dabei für eine Empfehlung:
So steht für Sorgen ernstnehmen
Ge steht für gemeinsam recherchieren
H steht für Hilfe
TS steht für eine Aussage wie "toll was du/wir bisher gemeistert haben, die Krise schaffen wir auch noch".

Und was ist im Einzelnen damit gemeint?

Mit Sorgen ernstnehmen ist gemeint, dass man sich nicht in erster Linie auf die Argumente stürzt, sondern auf die Gefühle hinter einer Aussage hört und das Gegenüber nicht nur mit Sachargumenten kleinredet.
Dann sollte man zusammen recherchieren, also die Fakten checken und schauen, wo die Quelle der Informationen sitzt und ob diese Quelle vertrauenswürdig ist oder nicht.

Wie soll man denn "Hilfe" anbieten, wenn die Person krude Theorien verbreitet?

Wie gesagt stecken hinter dem Vertreten von Verschwörungstheorien meist aktuelle und konkrete eigene Probleme oder Ohnmachtsgefühle, für die Argumente aus Verschwörungserzählungen als Problemlöser herangezogen werden. Man sollte - auch wenn es schwierig wird - versuchen, der Person emotional nahe zu bleiben und Hilfe für die dahinter stehenden Probleme wie Unsicherheit oder Angst anbieten oder suchen und das Gespräch wegführen von der globalen Problem-Sicht.
Mit Sätzen wie "toll, was du/wir bisher gemeistert haben, die Krise schaffen wir auch noch" kann man darüber hinaus das Selbstwirksamkeitsgefühl stärken und die Zuversicht vermitteln, dass man etwas machen kann und Einfluss hat, und das kann wiederum die Ängste mindern.

Und welche Tipps ergeben sich aus den Anfangsbuchstaben von "Richtig"?

Respekt entgegenbringen bzw. einfordern, wenn man miteinander spricht
Intervenieren, das heißt zum Beispiel menschenverachtende Aussagen benennen. Ein Teil von Verschwörungstheorien - nicht nur rund um Corona - sind ja auch antisemitische Aussagen wie z.B. die Juden seien schuld an der Verbreitung des Virus.
Chancen geben und nicht darauf bestehen, dass das der/die Gesprächspartner_in augenblicklich ihre/seine Meinung ändert. Und nicht zuletzt:
Tür aufhalten / Time out, was so viel bedeutet, dass man erstmal eine Gesprächspause einlegt und sich zurückzieht, um zu vermeiden, dass die Situation eskaliert und es zu einem Bruch kommt.
ig Ignorieren weiterer Missionsversuche.

Und was macht man, wenn die Person trotzdem weiter "missioniert?"

Diese Versuche sollte man ignorieren und das Reiz/Reaktionsschema durchbrechen. Damit kann verhindert werden, dass das Thema immer mehr Macht über die Beziehung gewinnt.

Vielen Dank für das Interview!

Mehr zum Thema auf LizzyNet

Weiterführende Links

Was denkst du darüber?
Autorin / Autor: Christoph Grotepass/ Rosi Stolz - Stand: 14. September 2020