Unkreativ in der Online-Sitzung?

Fokus auf den Bildschirm verengt das Denken, was die kreative Ideenfindung erschwert

Corona hat die Digitalisierung vorangetrieben und dazu geführt, dass viele Meetings, Unterrichtsstunden und Seminare mittlerweile online stattfinden. Es wurde schon viel darüber geforscht und berichtet, wie sich Online-Konferenzen auf unser Arbeitsverhalten auswirken - etwa, dass wir sie oft als anstrengender empfinden als echte Treffen. Forscher_innen der Universität Stanford und Columbia haben nun in einer Studie untersucht, wie sich Online-Meetings auf die Kreativität auswirken. Schließlich geht es in vielen Berufen und in der Ausbildung oft darum, neue Ideen zu entwickeln und kreative Lösungen zu finden. Kreativität ist demnach eine sehr wichtige Ressource, die durch Meetings befeuert und nicht gehemmt werden sollte. Aber sind wir gleichermaßen kreativ, wenn wir jeder für sich auf einen Bildschirm starren, wie wenn wir mit anderen in einem Raum sitzen und gemeinsam Ideen aushecken? Nein, schreiben die Wissenschaftler_innen Melanie S. Brucks & Jonathan Levav in ihrer Studie, die in der Fachzeitschrift Nature erschienen ist. Online-Meetings scheinen Kreativität eher einzuschränken.

Das Forschungsteam hatte in Experimenten mit über 2.000 Studierenden und Angestellten einer großen Firma - zufällig zusammengestellte Paare - fünf Minuten lang kreative Ideen für ein neues Produkt entwickeln lassen. Die Paare trafen sich entweder virtuell oder tüftelten ihre Ideen zusammen in einem Raum aus. Anschließend hatten sie eine Minute Zeit, aus den gesammelten Ideen die besten auszusuchen. Die Teams wurden während dieses Prozesses genau beobachtet: es wurde erfasst, wieviel sie sprachen, wohin ihr Blick schweifte, welche Gesichter sie dazu machten. Sie überprüften außerdem mit psychologischen Tests, ob die Paare sich vertrauten und ob es hier Unterschiede bei analogen oder virtuellen Treffen gab.

Die Forscher_innen zählten schließlich, wie viele Ideen bei den Paaren zusammengekommen waren und welche von ihnen als besonders gelungen eingeschätzt wurden. Außerdem wurden die Ideen von Expert_innen auf ihre Kreativität bewertet, die nicht wussten, unter welchen Umständen die Ideen zustande gekommen waren.

Echte Treffen produziert mehr Ideen und auch kreativere

Dabei zeigte sich, dass Teams, die sich „in echt“ getroffen hatten, nicht nur mehr Ideen gehabt hatten, sondern diese auch kreativer waren. Die Forscher_innen schlussfolgern, dass die virtuelle Interaktion die Ideenfindung eher hemmt und dass es bei kreativen Aufgaben Vorteile gibt, wenn Menschen sich tatsächlich begegnen.

Die Auswertung lassen vermuten, dass dies auch mit dem verengten Blick zu tun hat. Weil der Blick in Videokonferenzen auf den Bildschirm fokussiert ist statt im Raum herumzuschweifen, scheint auch das Denken gewissermaßen beschränkter zu sein, so dass weniger kreative Ideen entstehen. Bei der Auswahl der besten Ideen allerdings waren digitale Teams mindestens ebenso erfolgreich - wahrscheinlich, weil hier ein etwas verengter Fokus gar nicht mal schlecht ist.

Die Forschenden schlussfolgern, dass digitale Zusammenarbeit zwar jede Menge Vorteile hat, wie Ortsunabhängigkeit oder geringere Kosten, aber für bestimmte Arbeitsanforderungen kontraproduktiv ist. Wer also ein optimales Ergebnis haben will, sollte beide Arbeitsformen kombinieren und den Menschen vor allem für kreative Aufgaben auch ermöglichen, sich "in echt" zu treffen.

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Autorin / Autor: Redaktion