Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Autorin: Adriana Popescu

Theo wird in der Schule gemobbt. Irgendetwas muss er an sich haben, dass die Aufmerksamkeit seiner fiesen Mitschüler auf sich lenkt. Mal wird ihm sein Pausenbrot geklaut, dann fehlen nach dem Sportunterricht seine Wechselklamotten. Ein anderes Mal muss er den Inhalt seines Mäppchens vom Boden auflesen oder er kommt ohne Schuhe nach Hause. Sich zu wehren hat er schon lange aufgegeben, und so tut er alles dafür, dass eine Eltern nicht mitbekommen, was wirklich in der Schule abgeht. Seine wichtigste Komplizin ist dabei seine große Schwester Marie. Sie würde alles tun, um ihren kleinen Bruder zu schützen, also begleitet sie ihn jeden Tag auf dem Weg zur Schule und zurück, hat immer ein Auge auf Theo und tischt zur Not zuhause auch eine Lügengeschichte nach der anderen auf. Theo ist ihr Lebensmittelpunkt.
Ständig kreisen ihre Gedanken um ihn und seine Sicherheit. Bis sie Samuel trifft: Er ist neu an ihrer Schule, gutaussehend und irgendwie geheimnisvoll. Und auch Theo macht schon bald seine Bekanntschaft; als sich wieder einmal eine Mobbing-Attacke abzeichnet, ergreift Samuel ganz selbstverständlich Partei für Theo. Bald sind Theo und Samuel so etwas wie Freunde, ein unsichtbares Band scheint sie zu verbinden. Und auch zwischen Samuel und Marie scheint sich etwas zu entwickeln. Doch wie alle Menschen hat auch Samuel eine Vergangenheit – eine Vergangenheit, die dazu geführt hat, dass er die Schule wechseln musste. Was wird passieren, wenn Marie die ganze Wahrheit herausfindet?

Meine Meinung
Adriana Popescu versteht junge Menschen. Sie versteht ihre Lebenswelt, ihre Ängste, wie sie denken und worauf sie hoffen. Besonders in diesem Buch schreibt sie über die Hürden des Erwachsenwerdens, über Orientierungslosigkeit und Verantwortung. Sie schreibt darüber, wie wichtig es ist, aufeinander zu achten und einander zu helfen, Verständnis und Toleranz aufzubringen. Aber es geht auch um die Grenzen dieser Toleranz, darum wie viel Hilfe wir erwarten können, und an welchem Punkt jeder auf sich selbst achten muss. All diese Themen verpackt sie in einer Geschichte, die sich überall abspielen könnte, in der jeder von uns jede beliebige Rolle besetzen könnte. Marie, Theo und Samuel sind zwar eigenständige Persönlichkeiten, aber ihre Entwicklung wurde erheblich von den Lebensumständen beeinflusst, in die sie hinein geboren wurden. Dadurch regt Popescu zum Nachdenken an und ermöglicht es all ihren Leserinnen und Lesern, sich mit den verschiedenen Charakteren zu identifizieren. Dabei schreibt sie auf eine unglaublich authentische Art und Weise, durch die man als Leser keinerlei Distanz zu den handelnden Personen, ihren Gedanken oder Gefühlen empfindet. Stattdessen wirkt alles unglaublich echt und natürlich. Während Theos Probleme und Ängste auch den Leser selbst belasten, wird er gleichzeitig von der Verliebtheit zwischen Marie und Samuel beflügelt. Dadurch bietet die Erzählung aus drei Perspektiven in diesem Fall einen echten Mehrwert, welcher das Buch sehr angenehm zu lesen macht.
Insgesamt ist „Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln“ ein wirklich schönes Buch, das sich auch an schwierige Themen heran traut, ohne dabei zu urteilen oder Klischees zu bedienen. Auch erfreuliche Themen wie Familie, Freundschaft und Liebe kommen nicht zu kurz, sodass insgesamt eine ausgewogene Erzählung entsteht, die das Leben mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten nachzeichnet.

Erschienen bei cbj

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Autorin / Autor: lacrima - Stand: 2. November 2020