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US-Studie: Warum Frauen sich über Rollenzuschreibungen ärgern, selbst wenn sie vermeintlich positiv sind

Selbst wenn Frauen und Männer in ihren Berufen finanziell gleichgestellt sind, erleben beide Geschlechter geschlechtsspezifischen Druck durch bestimmte Rollenzuschreibungen. Von Männern werden oft Qualitäten wie Unabhängigkeit und Durchsetzungsvermögen erwartet, von Frauen dagegen, dass sie gemeinschaftsbezogene Qualitäten wie zum Beispiel Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit an den Tag legen. Jüngste Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen sogar selbst diese ihnen zugeschriebenen Qualitäten als relevant für den Erfolg und das Vorankommen im Beruf ansehen. Allerdings fühlen sich Frauen durch diese geschlechtsspezifischen Erwartungen stärker frustriert und weniger motiviert, die Erwartungen zu erfüllen als Männer, so eine neue Studie der Cornell University.

Westliches Selbstverständnis: Autonom und unabhängig

Eine Ursache des Phänomens sehen die Forscher_innen um Devon Proudfoo darin, dass die Rollenzuschreibungen sich darin unterscheiden, inwieweit sie ein Gefühl von Autonomie bestätigen. In der westlichen Welt würde zum Beispiel ein eher autonomes Selbstverständnis angestrebt. Unsere Gesellschaft vermittele auf subtile Weise, dass die ideale Persönlichkeit autonom und unabhängig zu sein hat, während sie Frauen gleichzeitig signalisiere, dass sie sich mit anderen verbunden fühlen sollten. Dieser Konflikt erkläre, warum immer mehr Frauen über diese Geschlechterstereotype frustriert seien, obwohl sie ja generell positiv seien.

In der Studie untersuchten Proudfoot und ihr Co-Autor Aaron Kay von der Duke University, wie US-amerikanische Frauen in einer westlichen individualistischen Kultur positive Geschlechterstereotypen empfinden. Danach führten sie einen kulturübergreifenden Vergleich durch und stellten fest, dass Frauen in einer nicht-westlichen, eher kollektivistischen Kultur - in diesem Fall Indien - nicht die gleiche Abneigung zeigten. Für das Team sind das erste Hinweise darauf, dass die Kultur beeinflusst, wie Frauen und Männer auf Geschlechterstereotypen reagieren.

Kollektivistisch versus individualistisch

Proudfoot führte die Teilnehmenden durch fünf Studien, um ihre Reaktionen auf positive Geschlechterstereotypen zu untersuchen. In einigen Studien baten sie die Versuchspersonen zum Beispiel, sich an eine Zeit zu erinnern, in der von ihnen aufgrund ihres Geschlechts ein bestimmtes Verhalten erwartet wurde. "Wir stellen fest, dass Frauen sich mehr geärgert hatten, wenn von ihnen erwartet wurde, dass sie kooperativ oder sozial kompetent sind. Männern hingegen machte es nichts aus, wenn von ihnen erwartet wurde, dass sie durchsetzungsfähig oder entschlossen sind", erklärt die Forscherin.

Um ihre Theorie weiter zu untersuchen, verglichen Proudfoot und Kay Frauen und Männer in den USA mit Frauen und Männern in Indien, einem Land mit einer kollektivistischen Kultur, in der soziale Verbindungen und gegenseitige Abhängigkeit erwünscht sind. Das Ergebnis: Indische Frauen empfanden nicht die gleichen Gefühle von Wut und Frustration, da die Geschlechterstereotypen mit den allgemeinen kulturellen Zielen übereinstimmen.

Die Forschungsergebnisse deuten also darauf hin, dass das Kompliment an weibliche Angestellte für ihre Kooperationsbereitschaft oder soziale Kompetenz nach hinten losgehen könnte und zeigen auf, warum das so ist, so Proudfoot. "Die Verstärkung dieser Art von Geschlechterstereotypen könnte negative emotionale und demotivierende Folgen für Frauen am Arbeitsplatz haben."

Die Studie wurde am 21. April im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 1. Juni 2022