Djihad, mon ami

Autorin: Dounia Bouzar
Ab 14 Jahre

Buchcover

Die Originalausgabe des Roman „Djihad, mon ami“  von Dounia Bouzar erschien 2016 in Frankreich; 2017 wurde der Roman auch auf Deutsch veröffentlicht. Die Autorin Dounia Bouzar ist eine französische Anthropologin, die sich vor allem für eine bessere Akzeptanz von muslimischen Frauen in Frankreich einsetzt. Sie hat bereits zahlreiche Sachbücher zur Rolle des Islam in der französischen Gesellschaft veröffentlicht, in den letzten Jahren aber auch einige Romane, die dieses Thema behandeln. „Djihad, mon ami“ ist ihr aktuelles Buch; es richtet sich vor allem an jugendliche Leser.

Camille und Sarah sind beste Freundinnen seit sie klein waren. Sie haben schon immer alles geteilt und alles gemeinsam gemacht – dabei war es auch nie ein Problem, dass Sarah Muslima ist und Camille Christin. Doch plötzlich verändert sich etwas in ihrer Beziehung. Auf einmal interessiert sich Camille ganz besonders für Sarahs Religion, die zwischen den beiden sonst eigentlich nie eine große Rolle gespielt hat. Camille befolgt nun Ernährungsvorschriften, betet nach Mekka und beginnt, sich in der Öffentlichkeit zu verschleiern. Denn Camille ist konvertiert und lebt nun einen radikalen Islam und nicht den gemäßigten, weltoffenen Islam, den sie von ihrer Freundin Sarah kennt. Stattdessen steht sie über das Internet im Kontakt mit islamischen Extremisten, die sie innerhalb kürzester Zeit radikalisiert haben und sie nun zur Ausreise nach Syrien bewegen wollen. Camille ist dieser neuen und intensiven Ideologie verfallen; sie schottet sich immer mehr von Freunden und Familie ab und bereitet sich tatsächlich darauf vor, für den Daesh in den heiligen Krieg zu ziehen.

Das erste, was mir an dem Buch aufgefallen ist, war sein Umfang: Nicht einmal 160 Seiten dick, aber dafür eine recht umfangreiche Geschichte. Ich war gespannt, wie die Autorin dieses Problem gelöst hat. Leider muss ich sagen, dass sie der Herausforderung mehr schlecht als recht begegnet ist: So dauert es nur vier Seite, bis Camille den radikalen Islam für sich entdeckt; der Ausgangspunkt ist dabei ein Referat über Ernährung, bei dem es vor allem um die Verwendung von Palmöl geht. Dieser Übergang wirkt holprig und an den Haaren herbei gezogen, absolut nicht realistisch oder nachvollziehbar. Dieser Eindruck zieht sich durch die gesamte erste Hälfte des Buchs. Die Beschreibung der Freundschaft zwischen Camille und Sarah und ihres Alltags wirkt oft hölzern und ungeschickt, die Figuren bleiben platt und entwickeln keine richtigen Persönlichkeiten. Immerhin gibt es mit Sarah, einer gemäßigten Muslima, einen Charakter, der das Verhalten von Camille auch innerhalb der Erzählung bewerten und einschätzen kann. Durch Sarahs Figur entsteht kein Schwarz-Weiß-Denken und kein Graben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Stattdessen ergänzt sie die Sichtweisen der anderen Charaktere um ihre eigene, muslimische Sichtweise.

Insgesamt wirkt das Buch jedoch sehr wie die Schilderung eines Radikalisierungsprozess, wie ein Bericht, der die Symptome und Vorgänge dokumentiert. Nur selten findet man Beschreibungen oder Handlungselemente, die nicht im direkten Zusammenhang mit Camilles Radikalisierung stehen. Der Autorin gelingt es nicht, die Lebenswirklichkeit oder den Alltag von Jugendlichen authentisch darzustellen. An vielen Stellen klingen die Gespräche oder Gedanken von Camille und Sarah gestellt und unpassend. Zum Beispiel auf Seite 91: „Ich breche in Tränen aus. Das ist einfach zu viel für mich. Ich bin doch erst sechzehneinhalb…“  Dadurch wird deutlich, dass die Autorin des Buches sich nicht in erster Linie mit Jugendliteratur beschäftigt, sondern eigentlich Anthropologin ist, die in diesem Fall ein Jugendbuch geschrieben hat. Dieser Umstand ist einerseits eine Schwäche des Romans, andererseits hat es jedoch auch einen Vorteil: An vielen Stellen werden Begriffe aus der Welt des radikalen Islam und des Daesh verwendet, die jeweils in Fußnoten ausführlich erklärt werden. Dadurch gewinnt man als Leser interessante Einblicke in eine sonst sehr verschlossene Welt, was das Buch trotz seines etwas künstlichen Schreibstils zu einer lesenswerten Lektüre macht.


Erschienen bei Knesebeck

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    Autorin / Autor: lacrima - Stand: 8. März 2017