Die Schülerin im Duden

Die Überarbeitung des Online Dudens hat eine Debatte über gendergerechte Sprache ausgelöst - mal wieder. Ein Kommentar von Karla

Für jede Personen- oder Berufsbezeichnung will die Redaktion des Onlinedudens künftig in zwei Einträgen erläutern, was und wer darunterfällt: Einmal unter der weiblichen Form und einmal unter der männlichen. Diese Ankündigung der Duden Online Redaktionsleiterin Kathrin Kunkel-Razum hat in den letzten Tagen für ein paar Wellen gesorgt.

Was wird sich verändern?
Wer sucht, findet auch heute schon sowohl „Der Schüler" als auch „Die Schülerin", „Die Redakteurin“, „Der Redakteur“ und so weiter. In vielen Fällen wird bei der weiblichen Form aber lediglich auf das männliche Pendant verwiesen. Und genau das soll sich in Zukunft ändern. Ganz praktisch gesehen erspart das Menschen einen weiteren Klick, um herauszufinden, was genau eine Schülerin denn jetzt eigentlich macht. Gleichzeitig werden so die weiblichen Personen- und Berufsbezeichnungen aber auch stärker wahrgenommen.
Und nicht nur das: Unter Schüler soll künftig nicht nur eine Beschreibung der Tätigkeit stehen, sondern auch ein Verweis, dass mit dem Wort Schüler Jungen gemeint sind. Diesen Hinweis aufs Geschlecht findet man bei der Schülerin schon länger.

Das generische Maskulinum
Was die Dudenredaktion macht, kommt der einen oder dem anderen vielleicht überflüssig vor. Warum soll man denn vermerken, dass mit dem Begriff Schülerinnen Mädchen gemeint sind und Jungen fast immer Schüler genannt werden?
Das Ganze hängt mit dem generischen Maskulinum zusammen. In der deutschen Sprache war es lange Zeit üblich, dass man nur die männliche Form eines Berufes oder einer Personenbeschreibung genannt hat und damit auch weibliche Personen „mitgemeint“ hat. Andersherum ist das eher unüblich. Aus einer Gruppe von 99 Schülerinnen und einem Schüler wurden also 100 Schüler.

Das ist tief in den Sprachgebrauch gesickert. Viele Studentinnen bezeichnen sich selbst als Studenten, sagen dass sie zum Arzt gehen und reden von ihren Professoren. In wenigen Fällen ist es auch andersherum. Ich habe schon Menschen von männlichen Krankenschwestern reden gehört.
Ist doch alles super, könnte man da jetzt sagen. Einige Berufsbezeichnungen sind eben weiblich geprägt, andere männlich. Alle fühlen sich immer mit angesprochen und niemand muss sich ausgeschlossen fühlen. Ganz so einfach ist es aber leider nicht. Denn wenn ich immer vom Arzt höre und nie von der Ärztin, assoziiere ich diesen Beruf ganz automatisch eher mit Männern. Für Mädchen, die noch überlegen, was sie nach der Schule mal machen wollen, kann das die Auswahl ganz unbewusst prägen.

Gendergaga oder wünschenswerte Reform?
Das generische Maskulinum scheint auf jeden Fall ein Triggerpunkt für einige Menschen zu sein. Kritik äußern neben ein paar Linguist_innen vor allem Menschen, die lauthals ihre Meinung in sozialen Medien kundtun. Da ist dann von Gendergaga die Rede und davon, dass die deutsche Sprache kaputt geht. „Häää, woher kommt bloß diese ganze Wut?“, mag sich jetzt die eine oder der andere von euch fragen (so ging es mir zumindest).
Einerseits wird argumentiert, dass Sprache eh keine Auswirkungen hat, wir also nichts anpassen müssen, andererseits soll eine Weiterentwicklung der Sprache um jeden Preis verhindert werden. Dabei ist Sprache doch etwas sehr Wandelbares. Dass wird nicht mehr mit ß geschrieben, uns dünkt nur noch selten etwas und manche Begriffe, wie „Zahnarztgattin“ sind mehr oder weniger ausgestorben, da die beschriebene Tätigkeit (nämlich die Ehefrau eines Zahnarztes zu sein) heute nur noch selten beschrieben wird.

Warum also nicht auch das generische Maskulinum zerschlagen? Wir sprechen von Psychologen, Lehrern und Buchhändlern, obwohl in diesen Berufen überwiegend Frauen angestellt sind. Frei nach dem Motto: „Sollen die 90% sich doch mitgemeint fühlen!“, werden solche Überlegungen weggewischt. Die deutsche Sprache könne man nicht einfach so verändern.

Dabei zeigen Studien immer wieder, was wir uns mit unserem Beharren auf dem generischen Maskulinum einbrocken. Schon 2015 haben zwei Studien der Freien Universität Berlin ergeben, dass Kinder (Mädchen und Jungen) sich „typisch männliche Berufe“ eher zutrauen, wenn in der Beschreibung die männliche und die weibliche Form genannt wird, also eine geschlechtergerechte Sprache verwendet wird.
Auch Vorurteile gegen die LGBTIQ+ Community können laut einer Studie von Margit Tavits und Efrén O. Pérez durch eine gendergerechte Sprache abgebaut werden. Dafür untersuchten die Wissenschaftler_innen gender-neutrale Pronomen (wie beispielsweise das schwedische „Hen“).
An einigen Universitäten wird der Spieß derweil umgedreht. Newsletter, Rundbriefe und die Websites werden konsequent im generischen Femininum verfasst. Eine Lösung ist das auf Dauer wohl eher nicht, macht aber auf die sprachlichen Ungleichheiten aufmerksam, die wir andernfalls im Alltag einfach hinnehmen.

Hallo gendergerechte Sprache!
Was sollen die Neuerungen also bringen? Frau Kunkel-Razum argumentiert zunächst einmal mit der Handhabbarkeit: Immer wieder hätten sich Menschen beschwert, die extra eine Seite weiterklicken mussten, um zu erfahren, was denn jetzt eine Ärztin eigentlich macht. Dem Bedürfnis nach schnellen Informationen mit nur einem Klick soll mit den Änderungen jetzt stattgegeben werden. Bereits im letzten Jahr hat die Redaktion mit den Änderungen begonnen, noch in diesem Jahr soll das Projekt beendet werden.

Damit spiegelt der Duden eine gendergerechte Sprache wider, die in vielen Stellenangeboten, Rundschreiben und Zeitungen längst keine Seltenheit mehr ist. Allerdings werden nicht-binäre Personen auch von diesen Neuerungen noch nicht erfasst. Aber wer weiß, vielleicht ist diese Entwicklung ja tatsächlich ein Schritt in Richtung einer genderneutraleren Sprache. Bis dahin hilft nur eines: Gendern was das Zeug hält. :-)

Quelle:

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Autorin / Autor: Karla Groth - Stand: 18 Januar 2021