Das wirkliche Leben

Autorin: Adeline Dieudonné
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse

Ein Reihenhaus, eine vierköpfige Familie- Vater, Mutter, zwei Kinder. Ganz schön normal, könnte man meinen. Wäre da nicht dieses eine Zimmer, in dem ein Elefanten-Stoßzahn und eine ausgestopfte Hyäne mit anderen toten Tieren um Platz ringen, dieses eine Zimmer, das die Ich-Erzählerin der Geschichte, die Tochter der Familie, nur das Kadaverzimmer nennt.

Zu Beginn des Buches ist die Protagonistin 10 Jahre alt und ohne viele Umschweife nimmt sie uns mit in ihre Welt am Rande des Waldes. Die besteht aus dem Galgenwäldchen neben dem Haus, einer entfernten Nachbarin und dem Schrottplatz, auf dem sie ihrem kleinen, fünf Jahre jüngeren Bruder Gilles immer wieder ein Lachen entlockt. Generell könnte man sagen, dass eigentlich Gilles ihre Welt ist und daher beschützt sie ihn vor allem, was böse ist, ist ja klar. Und das, was ihrem kleinen Bruder gefährlich werden kann, liegt nicht unbedingt außerhalb ihres zu Hauses. Denn in dem kleinen Reihenhaus am Rande der Siedlung trügt der Schein.

Schließlich leben die beiden Geschwister nicht alleine mit den Ziegen im Garten. Da ist noch ihr Vater, der unberechenbar ist und nichts so sehr liebt, wie auf die Jagd zu gehen und ihre Mutter, die das „Leben einer Amöbe“ führt. Diese Mischung aus großen Leidenschaften für Whisky, Fernsehen und die Jagd und dem absoluten Mangel an Leidenschaften sind nicht gerade Glücksgaranten für kleine Kinder. Um dieser giftigen Atmosphäre zu entkommen, organisiert die Protagonistin der Geschichte nicht nur die Ausflüge zum Schrottplatz, sie genießt mit ihrem Bruder auch das Eis nach dem Abendessen. Bis eines Abends etwas Schreckliches passiert.

Nach diesem Ereignis redet Gilles kaum noch. Und vor allem lacht er nicht mehr. Für seine Schwester steht fest: Sie muss in die Vergangenheit zurück reisen und verhindern, dass dieses Unglück seinen Lauf nimmt. Denn im Kopf ihres Bruders breitet sich „das Geschmeiß“ aus, das auch ihren Vater beherrscht und das von der Hyäne im Kadaverzimmer auszugehen scheint. Also macht sie sich über physikalische Details und Lehrsätze her und büffelt in jeder freien Minute. Ihre Familie kann sie damit nicht beeindrucken und als sie eine Schulklasse überspringen soll, scheint ihr ihr Vater zum ersten Mal Aufmerksamkeit zu schenken. Nur leider ist das nicht wirklich positiv. Immer mehr schikaniert er nicht nur seine Frau, sondern auch seine Tochter. Bis er eines Abends seine beiden Kinder, inzwischen 10 und 15 Jahre alt, mit auf eine Hetzjagd nimmt...

Dieses Buch ist eine Wucht. Das Leben, in das uns die Protagonistin entführt, könnte man auf den ersten Blick als einschüchternd oder vielleicht sogar traurig beschreiben. Ein Vater, der die Familie piesackt, wenn er nicht gerade auf Reisen ist, um Großwild zu erlegen, eine Mutter, die dem nichts entgegenzusetzen weiß und versucht, möglichst mit dem Hintergrund zu verschwimmen und keine Angriffsfläche zu bieten, aber eben auch gar keinen Schutz für ihre Kinder - das klingt wirklich nicht nach einer heilen Welt. Als dann auch noch das Lachen des kleinen Bruders verstummt, hat man als Leserin für einen kurzen Moment den Eindruck, dass die Geschichte an dieser Stelle schon gelaufen ist. Aber Diedonnés Protagonistin wehrt sich. Gegen ihren Vater mit seinem Wunsch nach der Jagd. Gegen ihre Mutter, die nichts sagt, gegen alles, was sie klein halten will. Sie hört nicht auf zu lernen und zu lieben (das klingt kitschiger als es hier ist).

Neben der Stärke der Protagonistin hat mich vor allem der Kontrast zwischen dem Leben im Haus und den Banalitäten außerhalb des Reihenhauses gepackt. Zur Schule gehen, Babysitten gehen und Nachhilfe nehmen, das reißt einen immer wieder aus dem Sog, der während der Szenen im Familienkontext entsteht.
Trotz wirklich kurzer Kapitel und dem große Zeitraum (immerhin fünf Jahre) über den das sich die Geschichte erstreckt, schafft die Autorin es, vor allem die Ich-Erzählerin, aber auch die anderen Figuren, erstaunlich facettenreich darzustellen und die Geschwister auch überzeugend älter werden zu lassen.
Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven (und nicht unbedingt ein "Jugendbuch"), aber alle, die sich daran trauen, finden eine starke Protagonistin, die der Welt die Stirn bietet und einen für einige Stunden verzaubert.

Erschienen bei dtv

Deine Meinung zu diesem Buch?
  • Achtung Spoileralarm sabine, 09.07.2020 15:01
    An die Rezensentin in der Kommentarspalte: Warum verrätst du denn alles? Wer das Buch nochn nicht kennt und noch lesen möchte, sollte auf keine Fall diese Rezension von floh lesen. Ich fand dieses Buch fantastisch, auch weil es einen immer wieder überrascht. Das sollte man sich nicht nehmen lassen!
  • Das wirkliche Leben beginnt danach…. Hoffentlich, denn man hofft es unweigerlich. WOW, was für ein krasses Buch. Wenige Seiten, jedoch absolut voller Inhalt und Kern. CHAPEAU!!!!! floh, 08.07.2020 06:51
    Die bekannte und gefragte Buchkritikerin Christine Westermann sprach im WDR2 Radio über dieses Buch und den Mut der Autorin Adeline Dieudonné, „Das wirkliche Leben“ so schonungslos und hart zu schreiben, dass selbst der wortgewandten Kritikerin im Radio beinahe die Worte für so einen Roman fehlten… Das machte mich unglaublich neugierig auf dieses stark und kontrovers diskutierte Buch der belgischen Autorin Dieudonné, welches schonungslos, hart, ungefiltert, brutal, mutig, wahr, berührend, hoffnungsvoll, bildreich, übertragend und ehrlich ein Familiendrama schildert, was einem Horror- oder Thrillerroman gleichkommt und doch noch so viel mehr besitzt… Unglaubliche Metaphern, bewegende Momente, krasse Schocks, Belletristik, Gesellschaftskritik, Stärke, Hochachtung, Verachtung, Abscheu, Angst, Träume, kindliche Fluchten und unfassbare Entwicklungen. Erzählt aus der Perspektive eines zunächst 10 jährigen Mädchens, dass unablässig versucht, sich aus der Opferrolle zu befreien und das verloren geglaubte „Milchzahnlächeln“ ihres 6 Jahre alten Bruders Gilles wieder zu erlangen. Eine Geschichte, die hart an die Grenzen geht…. Das Lesen dieses Buches ist eine einzige Verwunderung, eine Metapher, ein Schmerz. Diese Metapher, diese Irritationen und dieser Schmerz, der mit der Protagonistin auf den ratlosen Leser überschwappt. Mit "Das wirkliche Leben" hat die belgische Debütautorin Adeline Dieudonné ein überaus mutiges und sehr kontroverses Debüt herausgegeben, welches Grenzen übertritt und den Leser schonungslos in ein Familiendrama einschleust.
    Erschienen im dtv Verlag

    "Geschichten sind dazu da, alles hineinzupacken, was uns Angst macht. Denn so können wir uns sicher sein, dass es nicht im wirklichen Leben passiert." (aus dem Buch von Seite 12)

    Inhalt (Text und Beschreibung von der dtv Verlagshomepage übernommen):
    "Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles normal. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters, der neben TV und Whisky vor allem den Rausch der Jagd liebt.
    In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät."
    „Sogar sein Geruch war nicht mehr derselbe. Als wäre sein kindlich-süßer Duft gekippt. Er roch nun nach etwas Bedrohlichem, ganz leicht nur, aber ich nahm es wahr. Er verströmte es mit seinem Lächeln. Seinem „neuen Lächeln“, einer grinsenden Grimasse, die inem sagte: „Komm noch einen Schritt näher und ich reiß dich in Stücke“.“ (aus dem Buch von Seite 95)

    Die Handlung mit eigenen Worten kurz erfasst:
    Aus der Beschreibung und dem Klapptext kann man ja schon viel vermuten und erahnen, doch dass, was dieser Roman wirklich besitzt, erzählt, bietet und entblößt, passt in keine Schublade und kann auch keinem Genre oder keiner Richtung zugeschrieben werden…. Die Geschichte von einer scheinbar normalen Familie, Vater, Mutter, Tochter und Sohn, sowie Hund, hübsches Reihenhaus, Garten und eigene Ziegen und Hühner. Zu Anfang der Geschichte ist die Protagonistin und Erzählerin 10 Jahre alt, ihr kleiner geliebter Bruder Gilles ist 6 Jahre alt, die Wohnsiedlung „Demo“ ist sicher und nah am Waldrand und zur Natur, das Reihenhaus scheint perfekt und sogar etwas schöner als die anderen ähnlichen Bauten, der Eismann kommt jeden Abend in die Siedlung mit seiner Melodie von Tschaikowskis Blumenwalzer, der herrische Vater liebt die Jagd und die durchsichtige Mutter ist eine Amöbe (was das bedeutet, werdet ihr noch im Roman lesen, sofern ihr ihn lesen wollt, dessen ich mir beinahe sicher bin….). Ein zunächst scheinbar beinahe normales Familienleben, wie man es sich vorstellt, doch schnell kristallisiert sich eine unsichtbare Macht heraus, die vom Vater ausgeht und in Angst mündet. Diese beklemmende Angst in der Familie, besonders mit Wirkung auf die Tochter und Erzählerin des Buches und ihren kleinen Bruder Gilles, entlädt sich in einer schicksalhaften Explosion am Eiswagen des Eisverkäufers. Diese unfallhafte Explosion setzt eine Chemie frei, die den Nährboden für diesen schockierenden Roman bildet und das Geschmeiß in Gilles Hirn nährt, die Macht und Kontrolle des herrischen Vaters füttert und das fragile Konstrukt eines vagen normalen Lebens zum Einsturz bringt. Mittendrin die Erzählerin, die zunächst 10 Jahre alte Tochter, mit der man über 5 grausame und hoffnungsvolle Jahre hinweg versucht, gegen die Situation anzukämpfen, sich seinen Weg zu ebnen und die Hoffnung zu bewahren, das Milchzahnlachen des kleinen Bruders wiederzufinden. Von dieser Hoffnung bestärkt, bahnt sich die Protagonistin ihren Weg. Ein kleines traumatisiertes Kind reift zu einer jungen, wissbegierigen Frau. Auf ihren Weg zurück in die Vergangenheit um die Zukunft zu verändern, verfolgt sie ihre Ziele, stellt sich Herausforderungen, will nicht scheitern, beginnt zu verstehen, weiß zu handeln, findet zärtliche Berührungen, erforscht ihren weiblich-werdenden Körper, verliebt sich und gibt schließlich niemals auf um um ihren Bruder zu kämpfen…. Bis das Familiendrama ein Ende findet und das wirkliche Leben beginnt. Hoffentlich…..VORSICHT! Ein kontroverses Buch mit vielen krassen und unerwarteten Stellen und sicherlich nicht sofort sympathisch, aber absolut notwendig für dieses Buch und seine Wirkung auf den Leser!

    „Mein Vater schlug meine Mutter zusammen – und es war den Vögeln egal. Ich fand das tröstlich. Ich fand es tröstlich, dass sie einfach weiterzwitscherten, dass die Bäume knarrten und die der Wind in den Blättern der Kastanie rauschten.“ (aus dem Buch von Seite 96)

    Zum Schreibstil:
    Zunächst hervorgehoben: dieses Buch ist knallharte und schonungslose Kost. Die Autorin ziert sich nicht und führt derb und grenzüberschreitend die Dinge dem Leser vor Augen. VORSICHT!
    Wer mutig ist, und sich traut sich in ganz andere Ausmaße von Wort und Sinn zu begeben, der wird hier in "Das wirkliche Leben" die Geschichte hautnah und erschreckend miterleben. Ich habe noch nie einen so mutigen und kontroversen Roman über ein tragisches Familiendrama dieses Ausmaßes gelesen. Durch einen Radio Literaturtipp von Christine Westermann auf WDR2 war ich ja schon bereits etwas vorgewarnt, was die Wirkung auf dieses Lesen anbelangt. Doch wirklich vorbereiten kann man sich auf dieses Buch nicht. Das Buch wird aus der Ich-Erzählperspektive der Tochter der Familie geschildert. Ganz nah also. Stellenweise der hart und krass, andererseits sehr bewegend, berührend und hoffnungsvoll. Bildreich und in vielen Metaphern und mit einer Poesie, die in Erinnerung bleibt. Kindliche Naivität reift zu einem hartnäckigen Ziel und einer bleibenden Hoffnung. Die Autorin Dieudonné erzählt aus den Augen der Tochter ein Familiendrama unter der Gewalt eines unberechenbaren Vaters, ein Roman, der nicht nur durch seine Thematik schockiert, sondern auch durch die knallharten Fakten ohne Schonung und Schönmalerei. Das nenn ich Mut. Und diesen Mut setzt die Autorin in ihrem Werk grandios und talentiert um. Respekt. Sie schreibt kurze Sätze, die sie knackig und hart darlegt. Es basiert auf einer Mischung aus Erzählperspektive, den gesunden Gedanken von der Erzählerin (ihr warnendes Unterbewusstsein) und ihren tatsächlich gesprochenen Dialogen, Schimpfwörtern und Handlungen. Ein gelungener Schachzug, so kann der Leser jeden Blickwinkel miterleben. Autorin Adeline Dieudonné bringt dem Leser die Geschichte und den Zwiespalt sich gegen den Vater zu lehnen sehr nahe, mit jeder Faser spürte ich die Angst mit dem Ziel der Hoffnung und den Bruder Gilles zu retten und das Geschmeiß in seinem Hirn herauszutreiben, welches sich an besagtem schicksalhaften Tag beim Eisverkäufer ereignet hat. Ein Unfall, der mit dem Vater nur im übertragenden Sinne zu tun hatte, aber eine Chemie freisetzt, die den ganzen Plot anfeuert und den Inhalt des Romans nährt und füttert. Psychologen würden dieses Buch sicherlich ganz genau analysieren…. Alles, wirklich alles, jedes geschriebene Wort, jede Aussage darin, jede Wechselwirkung, jeder Wunsch und jede Handlung wirken sehr intensiv und sehr nahe. Eine Autorin die berührt und die Leser erreicht und dabei heftig schockiert, gar abstößt um den Leser wieder einzufangen und ihn zappeln zu lassen.
    „Angesichts dieser Entwicklung wäre es logisch gewesen, wenn ich mich meiner Mutter angenähert hätte. Nur: Wie baute man eine Beziehung zu einer Amöbe auf?“ (aus dem Buch von Seite 102)


    Autorin Dieudonné hat mich auf den ersten Seiten so dermaßen geschockt und alles andere als für sich gewonnen, dass ich so entsetzt war und beinahe empört, aber unbedingt trotz meiner Fassungslosigkeit weiterlesen wollte, gar musste. All die begeisterten Stimmen und Rezensionen mussten ja einen handfesten Grund haben, dachte ich mir dann. Und ja, man sollte unbedingt weiterlesen. Das Buch beginnt mit kurzen Einblicken in den Familienalltag und der aktuellen Situation im Haus in der Siedlung Demo unter der Herrschaft des Vaters. Angst schwebt wie ein Damoklesschwert über allen Entscheidungen und Gefühlen der Mutter (eine Amöbe), des Bruders Gilles und der Tochter (als Erzählerin). Was für eine Tragik und was für eine Traurigkeit in dieser Familie, denkt man sich an dieser Stelle sofort… Und dann die erste krasse Darstellung nach gerade mal knapp 25 Seiten: der Moment, der alles veränderte, die Explosion, der Eiswagenmann, das zerfetzte Gesicht, Gilles geweiteten Augen, der Schock über die Portion Sahne…. Aber irgendwie passt diese Szenerie und schonungslos bildhafte Beschreibung zum Buch und zum wiedererkennbaren Stil der Autorin. Sie ist mutig, traut sich was und wagt sich in viele Tabus. Sie überschreitet ganz klar Grenzen und eckt an. Aber sie mahnt auch und führt schonungslos vor Augen, was sich hinter vielen Fassaden abspielt. Adeline Dieudonné besitzt einen ganz besonders klaren, authentischen, jungen und ungefilterten Stil, die Emotionen, Gedanken, Gefahren und Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung , sowie dem Verhältnis zum eigenen Körper, Frauenbilder, Geschlechterrollen und dem Sex deutlich darzustellen.
    Das Schriftbild ist sehr angenehm und die Kapitel wirklich gar nicht lang. Das Buch besitzt mit seinen wenigen knapp 240 Seiten jedoch eine sagenhafte Fülle an Kern und Aussage. Ich finde den Originaltitel „La Vraie Vie“ und die deutsche Übersetzung „Das wirkliche Leben“ sehr treffend gewählt und inhaltlich sehr bezugnehmend und wahr.

    "In jenem Sommer hörte es nicht auf zu regnen. Es war, als trüge der Himmel Trauer. Endlose nasse Tage und Nächte, dazu dieses Dauerprasseln als Begleitmusik, so traurig und trostlos, dass man hätte meinen können, die Natur dächte an Selbstmord."(aus dem Buch von Seite 128)

    Schauplätze:
    Der Autorin gelingt es durch reale Darstellung der Schauplätze eine Welt des idyllischen Familienlebens mit diesen Einblicken in das Reihenhaus in der Demo der Familie zu durchbrechen. Die Vorzeigesiedlung „Demo“, das anliegende Galgenwäldchen, der Garten der Familie mit den Pflanzen, Ziegen und Hühnern, das Haus von der Feder und dem Champion, die Hatz im nächtlichen Wald, das Anwesen des Professors, Monica und ihr Häuschen im Tal mit den Krallenspuren, der Schrottplatz des Autoverwerters, das Zimmer mit den Kadavern… All diese Kulissen und die Orte der Hoffnung in den kindlichen Gedanken und dem Seelenleben hat die Autorin sagenhaft klar und mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht. Sehr genau hat Adeline Dieudonné die Eindrücke eingefangen und gibt diese im Buch an die Leser weiter. Ihr Fokus liegt auf wenige, aber sehr ausschlaggebende Details und Umschreibungen, so hat sie in den trefflichen Momenten immer ein sehr genaues Bild der Umgebung geschaffen und provoziert zusätzlich. Die scheinheilige Siedlung, das bedrückte und gewaltsame Leben zwischen den Eltern mit dem Koloss als Vater, Druck, Manipulation, klassische Musik, die Titelmusik der täglichen Nachrichten, ausgestopfte Tiere und Jagdtrophäen, die Entdeckung der eigenen Stärken und Talente, das Reifen zur Frau und die empfundene Lust, das Aufbegehren und Wagnis… Ein vielseitiges, teils bösartiges, teils sehr bewegendes Kopfkino wird hier in Gang gesetzt und bewegt. Vieles möchte man eigentlich gar nicht so genau gelesen haben...verstörend, bitter, schockierend. Aber es musste sein.

    "Ich war keine Beute mehr. Damit war Schluss. Und auch kein Raubtier. Ich war ich und dieses Ich war durch nichts totzukriegen." (aus dem Buch von Seite 176)

    Charaktere:
    Auch bei der Wahl und Skizzierung der Charaktere punktet die Autorin in ihrem Debüt besonders hoch. Hier hat sie wirklich verstörende und beklemmende Psychogramme für die Protagonisten erstellt und wiedergegeben. Gerade die Ich-Erzählerin lässt den Leser nicht mehr los. Wie sie sich in die Abhängigkeit ihrer Gedanken stürzt, ihren Willen und ihre Zielstrebigkeit traktiert, ihren Aktionen verfällt. Wie sie sich nicht zerstört, wie sie den Leser dafür verstört. Die Charaktere weisen hier durch die Bank Schwächen auf, nicht in Form der Umsetzung, sondern in Form der Charakterstärke, bzw. nicht Stärke. Die Mutter eine bemitleidenswerte Amöbe, der Vater von Groll und Gewalt zerfressen und von Macht besessen. Der kleine Gilles vom Geschmeiß der Hyäne in seinem Hirn gelenkt und betäubt. Eine geduckte Haltung und nur der Vater thront augenscheinlich aufrecht über allem. Die Entwicklung der Protagonistin schlägt einen bitteren Weg ein, ihr Unterbewusstsein warnt, aber das Mädchen rebelliert und verliert sich um nicht aufzugeben, um nicht zu verlieren... Die Autorin führt genau vor Augen, was in dieser Familie und dem Ausmaß so gefährlich ist, wie es die Personen verändert und in welchen Strudel man bereits nach kürzester Zeit gerät. Da bekommt man Beklemmungen und fühlt sich hilflos und machtlos. Hier trifft sich alles, was schockiert und an die Grenzen stößt. Die Autorin hat mich wirklich geschockt. Ich habe mit der Familie mitgelitten. Ich habe mich vom krassen Ende überraschen lassen und schreibe das Buch in meinen Gedanken weiter…. Das wirkliche Leben beginnt jetzt, mit Ende des Buches. Ein neuer Anfang für die Familie? Ich hoffe es… Denn es gibt es noch: dieses Milchzahnlächeln von Gilles.

    "Ich sah eine schreiende Frau. Ich sah ihr noch unversehrtes Gesicht, wie es das Namenlose anflehte. Ich sah seine schwarzen Flügel und die blutunterlaufenden Augen." (aus dem Buch von Seite 194)

    Meinung:
    Zuerst möchte ich die vielen versteckten dennoch offensichtlichen Botschaften loben, die die Autorin Adeline Dieudonné in diesem Buch sehr gewissenhaft bedacht hat. Jedoch ist ihre Zurschaustellung sehr krass, und wirklich nicht für jeden auf Anhieb erträglich. Die Gewalt und Herrschaft des Vaters, die perfiden Spielchen und der Zerfall der schwächeren Familienmitglieder sind sehr detailliert dargestellt. Aber auch eine unglaubliche Stärke, Willenskraft und Bewunderung darf hier durch die Erzählerin erfahren werden.
    Was mich besonders an diesem Roman beeindruckt hat, ist der Mut der Autorin Dinge so offen und krass und provozierend darzustellen. Dadurch hat sie mich bewegt und schockiert. Hier braucht der Leser starke Nerven und viel Weitblick und Akzeptanz.
    Alles wirkte auf mich im Geschehen sehr beklemmend und verstörend und ich musste beim Lesen häufig meinen Blickwinkel verstellen und mein Entsetzen verarbeiten. Diesen Inhalt hätte ich wirklich nicht so in dieser krassen und seltenen Form erwartet.
    Autorin A. Dieudonné bedient viele Emotionen, jongliert auf der Grenze zum Abstoßenden, spielt mit bitteren Facetten und gebeutelten Seelen. Sie bricht Tabus und Überrascht und glänzt mit Erschütterung und Begebenheiten und den vielen Familienproblemen und auch den Problemen auf den Weg des Erwachsenwerdens. Stücke der viel zu wenig gelebten Jugend finden sich hier wieder. Viel Poesie, Drama, Psychologie, Horror, Melancholie, Schmerz, Gefühl, Hoffnung und Emotion.
    Hochgelobtes Buch, aber mit Vorwarnung zu genießen. Sofern man von genießerischem Lesen sprechen kann… aber ihr versteht hoffentlich, was ich meine. Ich habe unglaublich viele Szenen und Textstellen markiert und mein Buch sieht anschließend aus wie ein Fransenteppich.
    „Aber wenn das unten mein Vater war, hatte sich seine Seele mit meiner währenddessen verbunden – und dieser Gedanke peitschte jetzt wie eine schwarze, eisige Sturmböe sämtliche Freude aus mir heraus. Stattdessen kroch nun blinde Furcht meine Wirbelsäule hoch und presste meine Lungen zusammen.“ (aus dem Buch von Seite 221)

    Zur Debüt-Autorin (von der Verlagshomepage übernommen):
    "Adeline Dieudonné, 1982 in Brüssel geboren, wo sie mit ihren beiden Töchtern auch heute wieder lebt, ist von Beruf Schauspielerin. Nach mehreren preisgekrönten Erzählungen und einem erfolgreichen One-Woman-Theaterstück hat ›Das wirkliche Leben‹ die Herzen der französischsprachigen Leser im Sturm erobert: Das grandiose Romandebüt stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste, wurde mit 14 (!) Literaturpreisen ausgezeichnet und wird in 20 Sprachen übersetzt."
    „Ich hatte keine Angst. Denn ich wusste eines: Ich war alles andere als schwach. Mit gerde mal fünfzehn Jahren trat ich mutig dem Tod entgegen. Und ich hatte alles gesehen, was das Leben an Wunderbarem zu bieten hatte. Ich hatte das Schreckliche und das Schöne erlebt. Und das Schöne hatte letztendlich gesiegt.“ (aus dem Buch von Seite 230)

    Zum Cover:
    Das Cover spricht mich eher weniger an, aber es passt zum Inhalt des Buches, wenn man den Roman gelesen und verarbeitet hat. Das Kaninchen als Sinnbild eines gehetzten Tieres, die Beute, das Opfer… Das Buch erscheint aktuell als Hardcover mit einem Lesebändchen. Sehr hochwertig verarbeitet und mit angenehm festem Papier. Der Klapptext hat mich überzeugt. Der Inhalt hat es dann bestätigt, auch wenn dieses Buch bestimmt nicht jedem Leser gefallen wird. Ich mag andersartige Lektüre und stoße auch gerne mal an Grenzen!
    „Der zweite Teil meines Lebens begann genau in diesem Augenblick. Der Tag endete und meine Geschichte begann. Die Geschichte meines wirklichen Lebens.“ (aus dem Buch von Seite 238)

    Fazit:
    Das Buch lässt mich zurück, mit einem wirklich erschütternden Gefühl und völliger Fassungslosigkeit. Ich habe noch nie so viel Mut, gebrochene Tabus und gestürmte Grenzen in einem Buch über ein tragisches Familiendrama mit einem Ender, der einen Neuanfang, das wirkliche Leben, darstellen soll, gelesen. 5 von 5 wohl überlegten Sternen von mir! Aber dieses Buch sollte mit Vorsicht gewählt werden!!!!!

    Meinen bewegten Lesestatus kann man hier verfolgen und nachempfinden:
    https://www.lovelybooks.de/bibliothek/Floh/lesestatus/2630239425/
Autorin / Autor: karla94 - Stand: 29. Juni 2020