Das wirkliche Leben

Autorin: Adeline Dieudonné
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse

Ein Reihenhaus, eine vierköpfige Familie- Vater, Mutter, zwei Kinder. Ganz schön normal, könnte man meinen. Wäre da nicht dieses eine Zimmer, in dem ein Elefanten-Stoßzahn und eine ausgestopfte Hyäne mit anderen toten Tieren um Platz ringen, dieses eine Zimmer, das die Ich-Erzählerin der Geschichte, die Tochter der Familie, nur das Kadaverzimmer nennt.

Zu Beginn des Buches ist die Protagonistin 10 Jahre alt und ohne viele Umschweife nimmt sie uns mit in ihre Welt am Rande des Waldes. Die besteht aus dem Galgenwäldchen neben dem Haus, einer entfernten Nachbarin und dem Schrottplatz, auf dem sie ihrem kleinen, fünf Jahre jüngeren Bruder Gilles immer wieder ein Lachen entlockt. Generell könnte man sagen, dass eigentlich Gilles ihre Welt ist und daher beschützt sie ihn vor allem, was böse ist, ist ja klar. Und das, was ihrem kleinen Bruder gefährlich werden kann, liegt nicht unbedingt außerhalb ihres zu Hauses. Denn in dem kleinen Reihenhaus am Rande der Siedlung trügt der Schein.

Schließlich leben die beiden Geschwister nicht alleine mit den Ziegen im Garten. Da ist noch ihr Vater, der unberechenbar ist und nichts so sehr liebt, wie auf die Jagd zu gehen und ihre Mutter, die das „Leben einer Amöbe“ führt. Diese Mischung aus großen Leidenschaften für Whisky, Fernsehen und die Jagd und dem absoluten Mangel an Leidenschaften sind nicht gerade Glücksgaranten für kleine Kinder. Um dieser giftigen Atmosphäre zu entkommen, organisiert die Protagonistin der Geschichte nicht nur die Ausflüge zum Schrottplatz, sie genießt mit ihrem Bruder auch das Eis nach dem Abendessen. Bis eines Abends etwas Schreckliches passiert.

Nach diesem Ereignis redet Gilles kaum noch. Und vor allem lacht er nicht mehr. Für seine Schwester steht fest: Sie muss in die Vergangenheit zurück reisen und verhindern, dass dieses Unglück seinen Lauf nimmt. Denn im Kopf ihres Bruders breitet sich „das Geschmeiß“ aus, das auch ihren Vater beherrscht und das von der Hyäne im Kadaverzimmer auszugehen scheint. Also macht sie sich über physikalische Details und Lehrsätze her und büffelt in jeder freien Minute. Ihre Familie kann sie damit nicht beeindrucken und als sie eine Schulklasse überspringen soll, scheint ihr ihr Vater zum ersten Mal Aufmerksamkeit zu schenken. Nur leider ist das nicht wirklich positiv. Immer mehr schikaniert er nicht nur seine Frau, sondern auch seine Tochter. Bis er eines Abends seine beiden Kinder, inzwischen 10 und 15 Jahre alt, mit auf eine Hetzjagd nimmt...

Dieses Buch ist eine Wucht. Das Leben, in das uns die Protagonistin entführt, könnte man auf den ersten Blick als einschüchternd oder vielleicht sogar traurig beschreiben. Ein Vater, der die Familie piesackt, wenn er nicht gerade auf Reisen ist, um Großwild zu erlegen, eine Mutter, die dem nichts entgegenzusetzen weiß und versucht, möglichst mit dem Hintergrund zu verschwimmen und keine Angriffsfläche zu bieten, aber eben auch gar keinen Schutz für ihre Kinder - das klingt wirklich nicht nach einer heilen Welt. Als dann auch noch das Lachen des kleinen Bruders verstummt, hat man als Leserin für einen kurzen Moment den Eindruck, dass die Geschichte an dieser Stelle schon gelaufen ist. Aber Diedonnés Protagonistin wehrt sich. Gegen ihren Vater mit seinem Wunsch nach der Jagd. Gegen ihre Mutter, die nichts sagt, gegen alles, was sie klein halten will. Sie hört nicht auf zu lernen und zu lieben (das klingt kitschiger als es hier ist).

Neben der Stärke der Protagonistin hat mich vor allem der Kontrast zwischen dem Leben im Haus und den Banalitäten außerhalb des Reihenhauses gepackt. Zur Schule gehen, Babysitten gehen und Nachhilfe nehmen, das reißt einen immer wieder aus dem Sog, der während der Szenen im Familienkontext entsteht.
Trotz wirklich kurzer Kapitel und dem große Zeitraum (immerhin fünf Jahre) über den das sich die Geschichte erstreckt, schafft die Autorin es, vor allem die Ich-Erzählerin, aber auch die anderen Figuren, erstaunlich facettenreich darzustellen und die Geschwister auch überzeugend älter werden zu lassen.
Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven (und nicht unbedingt ein "Jugendbuch"), aber alle, die sich daran trauen, finden eine starke Protagonistin, die der Welt die Stirn bietet und einen für einige Stunden verzaubert.

Erschienen bei dtv

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Autorin / Autor: karla94 - Stand: 29. Juni 2020