Das Vermächtnis der Seherin

Autor: Christoph Lode

„Das Vermächtnis der Seherin“ von Christoph Lode ist ein düsterer, blutiger Mittelalter-Roman mit einem Touch Mystik und Magie. Die Hauptperson ist die junger Gauklerin Rahel, die von einer Frau (Madora), die behauptet ihre Mutter gekannt zu haben, an ihre traumatischen Kindheitserlebnisse und ihre jüdische Herkunft erinnert wird. Madora fordert Rahel auf sich mit ihr auf die Suche nach einem verschollenen, heiligen Objekt eines jüdischen Geheimbundes zu begeben und damit in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten. Bald scheint das ganze Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Europa von dem Erfolg der Suche abzuhängen, denn sie sind nicht die einzigen, die sich auf der Spur des mächtigen Artefakts befinden…

Die Geschichte beschönigt kaum die harten Lebensumstände, die im Mittelalter geherrscht haben müssen und verherrlicht auch keineswegs Gewalt und Kampfszenen, sondern lässt einen sehr mitleiden. Es gibt auch viele unerwartete Wendungen und Verstrickungen, die Geschichte ist fesselnd und lässt sich gut runterlesen. Die starke Protagonistin mit Fehl und Makel ist (meistens) sympathisch und auch sonst gibt es einige interessante Charaktere.

Dennoch hat der Roman mich nicht so richtig überzeugt, da er bei mir in Bezug auf die Darstellung des jüdischen Geheimbundes ein seltsames Gefühl hinterlassen hat. Achtung kleiner Spoiler Am Ende soll sogar ein Mitglied der jüdischen Gemeinde selber die Pogrome ausgelöst haben, was ich in mehrfacher Hinsicht problematisch finde. Gut daran finden kann man vielleicht, dass die Rollen und Seiten nicht ganz so klar aufgeteilt und auch fluide sind, es also nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Dennoch missachtet diese „Interpretation“ aus meiner Sicht stark die politischen und ökonomischen Einflüsse, die zu den Morden und Plünderungen geführt haben und nimmt damit auch in gewisser Weise einen Teil der Schuld von der christlichen Kirche, die in der traurig-schreckliche Leidensgeschichte des Judentums eine große Rolle gespielt hat. Spannend an der Geschichte mit dem Geheimbund ist vielleicht noch, dass sich der Autor dabei wohl von einer biblisch-außergewöhnlichen Geschichte hat inspirieren lassen (siehe „Hexe von Endor“), was auch die magischen Elemente erklärt. Bei mir hat die Storyline mit dem „Geheimbund“ und der von ihnen ausgeübten Magie dennoch Unbehagen ausgelöst, weil dadurch eine „Andersmachung“ betrieben wird, die meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre.

Wegen der Kritikpunkte fällt es mir etwas schwer den Roman weiterzuempfehlen, aber vielleicht bin ich auch etwas zu überkritisch in der Hinsicht? Gut lesen lässt sich die Geschichte auf jeden Fall und sie hat einige spannenden Aspekte. An Geschichtsinteressierte würde ich ihn wegen der starken Fantasy-Einflüsse nur bedingt empfehlen, an Fans von fantastischen, etwas düsteren Abenteuergeschichten schon eher. Wegen einiger sehr blutigen Szenen, würde ich ein Alter von ca. 14 veranschlagen.


Erschienen bei Knaur TB

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Autorin / Autor: Johanna - Stand: 3. März 2021