bauteilnetz Deutschland

"Wenn man Bauteile wiederverwendet, statt sie zu entsorgen, kann man erhebliche Effekte zur Entlastung der Umwelt und des Ressourcenschutzes erwarten". sagt Ute Dechantsreiter, Initiatorin und Geschäftsführerin von bauteilnetz im Interview.

Nie wurden so viele Häuser abgerissen wie heute. Was passiert aber mit den Steinen, Betonträgern, Fenstern, Türen, Böden, Heizkörpern, Dachziegeln? Sie werden als Baustellenabfälle in energieaufwändigen Recyclingprozessen zu etwas anderem verarbeitet (downgecycled) oder sie werden schlicht verbrannt. Beides belastet die Umwelt und verbraucht unnötig Ressourcen. Besser wäre es doch, intakte oder noch zu reparierende Bauteile wiederzuverwenden und ihnen ein zweites, drittes, viertes Leben zu schenken! Genau das ist die Idee, die hinter dem bundesweiten Kooperationsprojekt "bauteilnetz Deutschland" steht, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert wurde. Lizzynet sprach mit Ute Dechantsreiter, der Initiatorin und Geschäftsführerin des Projekts über Ziele und Inhalte des bauteilnetzes:

Was ist das Hauptanliegen des bauteilnetzes Deutschland?
Wir möchten mit dem bauteilnetz die Wiederverwendung von Bauteilen fördern, um damit Bau- und Abbruchabfälle langfristig zu reduzieren. Außerdem möchten wir fundierte Anstöße zum recyclinggerechten Bauen geben und die Allgemeinheit zum bewussteren Umgang mit Baustoffen und Bauteilen aufklären.

Warum ist das ein wichtiger Aspekt?
Gut erhaltene Heizkörper, Holzdielen, Dach-und Mauerziegel, Gartenzäune, Zimmertüren etc. aus Abbruch können oft direkt bei Sanierung oder Neubau wieder eingebaut werden. Das vermeidet Abfall und spart Rohstoffe und Energie. Schwierig wird die Wiederverwendung, wenn am Bau geklebt, geschäumt und vergossen wurde. Wenn man Bauteile wiederverwendet, statt sie zu entsorgen, kann man erhebliche Effekte zur Entlastung der Umwelt und des Ressourcenschutzes erwarten, was unter anderem einen positiven Beitrag für das Allgemeinwohl darstellt. Die Wiederverwendung von Bauteilen verringert nicht nur das immense Aufkommen von Baustellenabfällen, sondern es wird auch verhindert, dass es zum Downcycling der Baumaterialien kommt, sie also immer mehr an Qualität verlieren. Wieder- und Weiterverwendung vermindert den CO2-Ausstoß, spart Primärenergie und natürlich Rohstoffe ein.

An wen richtet sich das bauteilnetz?
Das bauteilnetz richtet sich an alle am Bau Beteiligten, also Architekten, Abbruchunternehmen, Handwerksbetriebe, Kommunen etc.. Außerdem an Hochschulen, Universitäten und Beschäftigungsträger.

Gibt es noch einen Markt für alte Bauteile? Wie bekannt ist das bauteilnetz?
Der Markt für historische Bauteile besteht seit mehr als 30 Jahren. Der Unternehmensverband für historische Baustoffe ist hier seither aktiv und ist nach wie vor sehr stabil. Seit 2001 wurden bauteilbörsen in ganz Deutschland aufgebaut und im Aufbau beraten. Hier werden Bauteile aller Baujahre vermarktet. Zunehmend fallen „junge“ Bauteile an, die bei Sanierung oder Abbruch anfallen, außerdem Restbaustoffe von Neubaustellen und z.B. neuwertige vermessene Bauteile.
Das bauteilenetz genießt einen guten Bekanntheitsgrad. Die Öffentlichkeitsarbeit der letzten 10 Jahre war intensiv und hat insgesamt zu einer „Bewegung“ beigetragen.

Wie läuft das Ganze logistisch ab, wenn jemand z.B. ein altes Haus abreißt und seine Baustoffe „retten will“ und sie dem bauteilnetz zur Verfügung stellen möchte?
Die Bauteilbörsen nehmen ausschließlich Bauteile (Heizkörper, Türen, Parkett, Fenster etc.) an. Baustoffe (Schüttgut, Dämmstoffe, Folien, Kies etc.) sind weitestgehend ausgeschlossen. Wer ein Haus abreißen lassen möchte, muss sich für einen geregelten Rückbau entscheiden, der zulässt, dass Bauteile vorher entnommen werden können. Ein Bauteilkatalog macht es möglich, dass ganze Gebäude und Gebäudeteile rechtzeitig online gestellt werden können. Der Einkauf kann sechs Tage die Woche erledigt werden. Die bauteilbörsen haben geregelte Öffnungszeiten in ihren gut sortierten Lagern.

Sie betreiben selbst ein Architekturbüro für nachhaltiges Bauen. Was ist genau der Unterschied zwischen nachhaltigem Bauen und „normalem“ Bauen?
Der Unterschied besteht darin, dass eine ganzheitliche Betrachtung von Sanierungsmaßnahmen oder Neubauten sich nicht ausschließlich an der Verbrauchsenergie für die Nutzung von Gebäuden orientiert; es wird auch der Aufwand, zum Beispiel der Flächenverbrauch und Energieeinsatz für die Herstellung der Materialien betrachtet. Nachhaltiges Bauen legt damit besonderen Wert auf die Auswahl der Materialien. Wir beurteilen sie zum Beispiel danach, wie sie sich auf die Wohngesundheit auswirken, welchen Lebenszyklus sie haben, sprich, wie lange sie halten und wie man zur Abfallvermeidung beitragen kann.

Die Erreichung der Klimaschutzziele stellt auch das Bauen vor neue Herausforderungen. Im Vordergrund stehen aber zurzeit eher die Wärmeschutzstandards. Mit welchen Nachhaltigkeitsthemen sollte die Bauwirtschaft sich Ihrer Meinung nach darüber hinaus dringend beschäftigen?
Bei Abbruch und Neubauplanung sollte vermehrt auch die Abfallvermeidung in den Vordergrund rücken, also die Frage, können die verwendeten Baumaterialien hundertprozentig weiterverwendet, bzw. hochwertig -verwertet werden?
Dazu ist es wichtig, Aspekte wie Lebenszyklusbetrachtungen, Langlebigkeit und Rückbaubarkeit von Gebäuden als Grundlage für die Planungen zu betrachten. Praktisch heißt das: Konstruktionen sollten demontierfähig sein, es sollte eine nachvollziehbare Materialliste eingesetzter Baustoffe geben, und es sollte einen kreativen Einsatz gut erhaltenen Bauteile und Recyclingbaustoffe geben. Die Wiederverwendung von geeigneten gebrauchten Materialien sollte als erste Wahl bei Sanierung und Neubau in Betracht gezogen werden. Abschließend wünsche ich mir, dass das Thema Nachhaltigkeit fester Bestandteil der Lehre an Schulen, Hochschulen und Universitäten wird, damit das Bewusstsein für nachhaltige Baukultur wieder lebendig wird.

Mehr Infos dazu online:

Autorin / Autor: Redaktion - Stand: Oktober 2017
 
 
 

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