Bandwurmsätze und Fremdwörter

Universität Hohenheim: Wahlprogramme sind für Laien oft unverständlich - auch die zur bevorstehenden Europawahl

Ihr würdet bei der Europawahl ja gerne wählen, wisst aber einfach nicht wen? Und wenn ihr euch die Wahlprogramme anschaut, versteht ihr nur Bahnhof? Kein Wunder! Kommunikationswissenschaftler_innen der Universität Hohenheim um Prof. Dr. Frank Brettschneider haben die Wahprogramme der Parteien nämlich hinsichtlich ihrer Verständlichkeit genau unter die Lupe genommen und sind zu dem vernichtenden Urteil gekommen: für Laien oft unverständlich.

Verständlichkeit auf einer Skala von 20: 8,1
Mit Hilfe einer Analyse-Software suchten die Wissenschaftler_innen um Prof. Dr. Brettschneider unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bilden sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich). Ergebnis: Im Durchschnitt liegt die Verständlichkeit der Europawahlprogramme bei 8,1 Punkten. Schwacher Trost: Bei der ersten Europawahl vor 40 Jahren seien die Programme noch unverständlicher gewesen. Die Programme erreichten damals eine durchschnittliche Verständlichkeit von 7,3 Punkten.

„Aber die 8,1 Punkte sind immer noch enttäuschend“, urteilt Prof. Dr. Brettschneider. „Denn alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben“, kritisiert Brettschneider.

Zum Vergleich: Doktorarbeiten in Politikwissenschaft haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 4,3 Punkten. Hörfunk-Nachrichten kommen im Schnitt auf 16,4 Punkte, Politik-Beiträge überregionaler Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Welt oder der Süddeutschen Zeitung auf Werte zwischen 11 und 14.

Union und Die Linke sind am verständlichsten
Insgesamt schneidet das Programm von CDU/CSU mit einem Wert von 10,3 am besten ab. Die Linken (9,5) liegen auf Rang 2. Auf dem dritten Platz liegt die SPD mit 8,2. Es folgen die Grünen (7,7) und die AfD (6,6). Am unverständlichsten ist das Programm der FDP (6,2). „Damit ist das Programm der FDP nur wenig verständlicher als eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit“, stellt der Forscher fest. Dabei könnten seiner Ansicht nach Politiker_innen verständlicher formulieren, wie vor allem einleitende und abschließende Passagen in den Wahlprogrammen zeigten. Die Themenkapitel aber seien of das Resultat von Expertenrunden, denen gar nicht bewusst sei, dass die Mehrheit dieses Fachjargon nicht versteht.
Die Forscher_innen nennen das den "Fluch des Wissens". Allerdings gebe es auch Fälle von "taktischer Unverständlichkeit", bei der weniger populäre Positionen durch unverständliche Sprache verschleiert werden sollen.

Aus der Analyse:

Fremdwörter
„Seigniorage-Programme“ (AfD), „Flexicurity“ (Die Linke), „Think-Small-Frist-Prinzip“ (FDP), „Keylogger“ (Die Linke), „Friedensfaszilität“ (AfD), „Power-to-X“ (FDP), „Notice-and-take-down-Verfahren“ (Die Grünen) oder „Dual-Use-Verordnung“ (Die Grünen): Die Programme der Parteien enthalten zahlreiche Fremd- und Fachwörter. Vor allem für Leser_innen ohne politisches Fachwissen stellen diese eine große Verständlichkeitshürde dar.

Kuriose Wortzusammensetzungen
Einen ähnlichen Effekt hätten Wortzusammensetzungen oder Nominalisierungen, so Prof. Dr. Brettschneider. Einfache Begriffe würden so zu Wort-Ungetümen, wie z.B. „Luftschadstoffqualitätsbestimmung“ (FDP), „Folgenbeseitigungsverfügungen“ (SPD) oder „Fingerabdruckidentifizierungssystem“ (CDU/CSU).

Bandwurmsätze mit bis zu 80 Wörtern
„Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis – vor allem für Wenig-Leser_innen. Sätze sollten möglichst nur jeweils eine Information vermitteln“, erklärt Claudia Thoms, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Kommunikationstheorie. „Der längste Satz findet sich im Programm der SPD mit 80 Wörtern. Aber auch bei allen anderen Parteien tauchen überlange Sätze auf. Sätze mit 30 und 40 Wörtern sind keine Seltenheit.“

Typische Sprachmuster: sprechen über, sollen, wollen, müssen
Neben der „EU“ und „Europa“ gehört „Deutschland“ zu den am häufigsten verwendeten Wörtern. Und alle Parteien wollen „stärken“, sprechen über „sollen“, „wollen“, „müssen“. Damit sind sie sich erstaunlich ähnlich – anders als sonst bei nationalen und regionalen Wahlen.

Typische Begriffe der Parteien
Eine Betrachtung der für die Wahlprogramme typischen Substantive, Eigennamen, Adjektive und Verben deutet auf die klassischen Themenschwerpunkte der Parteien hin. Begriffe wie „Volk“, „Nationalstaat“, „Massenzuwanderung“ und „Familienpolitik“ sind für die AfD typischer als für andere Parteien.
Die Union spricht eher über „Volksgruppen“, die „Stabilitätsunion“ und „Transitzentren“.
Die FDP spricht eher über „Marktwirtschaft“, „Unternehmen“, „Finanzierungsmöglichkeiten“ und „Freihandelsabkommen“.
Die Grünen sind klassisch „ökologisch“ und sprechen eher über „Ressourceneffizienz“, „Lebensgrundlagen“, „Gerechtigkeit“ und „Energieeffizienz“.
Bei der Linken stechen insbesondere „Lohn“ und „Beschäftigte“ heraus.
Letztere sind auch für die SPD relevant. Die Sozialdemokraten sprechen über unterschiedlichste Themen, die sich grob den Bereichen Arbeit und Umwelt zuordnen lassen.

Die positivste, die negativste Sprache
Die Hohenheimer Forscher untersuchten auch den Anteil negativer Begriffe im Verhältnis zum Anteil positiver Begriffe. Die positivste Sprache verwenden bei der Europawahl 2019 die FDP und die CDU. Die negativste Sprache verwenden die Linke und die AfD in ihren Wahlprogrammen. „Die Wahljahre 2014 und 2019 gehören insgesamt zu den Europawahljahren mit der ‚negativsten‘ Sprache seit 1979“, so Claudia Thoms. Es falle auf, dass insbesondere Parteien abseits der politischen Mitte die negativste Sprache verwenden.

Quelle:

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion - Stand: 20. Mai 2019
 
 
 

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