Augenzeug_innen nur einmal fragen

Kriminologie: Mehrfache Befragungen und Gegenüberstellungen hinterlassen Erinnerungen an Gesichter, die später falsch gedeutet werden können

Wir kennen solche Szenen aus Gerichtsdramen: Ein Zeuge zeigt auf einen Angeklagten und erklärt: "Der war’s.“ War er das wirklich? War sich der Zeuge schon bei der ersten Befragung so sicher? Oder erst im Laufe der Zeit und der mehrfachen Befragung?

Ein Team von Psycholog_innen und Kriminolog_innen um den Gedächtnisexperten John Wixted von der University of California San Diego weist in einer aktuellen Studie darauf hin, dass das Gedächtnis von Zeug_innen mitunter nicht ganz zuverlässig ist, vor allem, wenn sie mehrfach befragt wurden.

"Testen Sie die Erinnerung eines Zeugen an einen Verdächtigen nur einmal", fordern die Forscher_innen darum in einem Papier, das in der Fachzeitschrift Psychological Science in the Public Interest veröffentlicht wurde.
Den Wissenschaftler_innen zufolge ist allein die erste Befragung von Augenzeug_innen zuverlässig. Denn in dem Moment, wo man das Gedächtnis von Zeug_innen teste, werde es auch schon „verunreinigt.“ In weiteren Befragungen wird das bereits das verunreinigte Gedächtnis befragt und weiterhin verunreinigt. Das passiert beispielsweise – wie es auch schon in realen Kriminalfällen vorgefallen ist, dass ein_e Zeug_in einen Angeklagten zunächst nicht identifiziert, in einer Gerichtsverhandlung dann aber plötzlich scheinbar sicher wiedererkennt.

Die Wissenschaftler_innen erklären das Phänomen so: Um eine Entscheidung über ein Gesicht in einer Gegenüberstellung zu treffen, muss der Zeuge oder die Zeugin dieses Gesicht mit seiner Erinnerung an den Täter vergleichen. Dadurch entsteht automatisch eine Erinnerung an dieses Gesicht. Selbst wenn die erste Entscheidung lautet: "Nein, das ist er nicht", wird das Gesicht bei einem späteren Test vertrauter erscheinen. Oft verliert der oder die Zeug_in die Tatsache aus den Augen, dass ihm oder ihr das Gesicht aufgrund der vorherigen Gegenüberstellung bekannt ist, und führt die Vertrautheit auf die Überzeugung zurück, dass es sich tatsächlich um das Gesicht des Täters handelt.

"Das Gedächtnis ist formbar", erklärt Wixted. "Und weil es verformbar ist, müssen wir wiederholte Identifizierungsverfahren mit demselben Zeugen und Verdächtigen vermeiden.“ Das gelte nicht nur für zusätzliche Tests, die von der Polizei durchgeführt werden, sondern auch für den abschließenden Test im Gerichtssaal.

Inspiriert zu dieser Forschungsarbeit wurde der Gedächtnisexperte von realen Fällen, in denen Verdächtige aufgrund von Zeugenerinnerungen schuldig gesprochen, später aber teilweise aufgrund eindeutiger Beweise freigesprochen wurden.

Wir hoffen, ihr kommt nicht in Verlegenheit als Zeug_in in einem Kriminalfall aussagen und die Tücken des Gedächtnisses am eigenen Leib erfahren zu müssen. Aber für die nächste Serie seid ihr gewappnet: Wenn Zeug_innen bei der zweiten oder dritten Befragung plötzlich sicher scheinen, obwohl sie es bei der ersten Befragung nicht waren, dann ahnt ihr, dass die wahren Täter_innen vielleicht noch auf freiem Fuß sind ;-).

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 16. November 2021