"Alodia, du bist jetzt Alice!"

Autor: Reiner Engelmann

Die biografische Geschichte „Alodia, du bist jetzt Alice!“ – Kinderraub und Zwangsadoption im Nationalsozialismus, geschrieben von Reiner Engelmann, erzählt von den Geschwistern Alodia und Daria Witaszek, die von ihrer Familie getrennt und auf Grund ihres „arischen Aussehens“ in ein Programm zur Germanisierung aufgenommen werden. Engelmann schreibt dabei nicht nur über den Kinderraub, sondern auch über das Leben im Konzentrationslager, sowie das Leid der polnischen Familien, die in diesen gefangen gehalten wurden und umkamen.
In den Wirren des 2. Weltkriegs bricht die Familie auseinander. Die Mutter Halina wird ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht. In völliger Unwissenheit darüber, ob sie ihre Familie je wiedersieht, steht sie am Anfang einer unvorstellbaren Tortur, die im schlimmsten Fall mit einem grausamen Tod endet. Ihre Kinder, zunächst bei Verwandten untergebracht, werden durch die Nationalsozialisten ebenfalls getrennt. Alodia und Daria durchleiden auf ihrem Weg der Zwangsadoption nicht nur die berüchtigten Kinderkonzentrationslager, sondern auch ein Kinderheim der Organisation „Lebensborn“. In diesem werden "aussortierte" polnische Kinder zwangsweise germanisiert, indem sie die deutsche Sprache und Gepflogenheiten eingetrichtert bekommen. Alodia und Daria erhalten dort einen neuen Namen und eine völlig neue Identität, ehe die beiden, getrennt voneinander, von deutschen Familien adoptiert werden.

Meine Meinung
Mit einfachen und verständlichen Worten verpackt Engelmann eine Grausamkeit, die sich kaum in Worte fassen lässt. Dabei behält er stets einen sachlichen und erklärenden Ton bei, ohne die nötige Einfühlsamkeit außer Acht zu lassen. In einem einführenden Prolog werden zunächst die einzelnen Schritte der Zwangs-Germanisierung erklärt, ehe Engelmann mit der Geschichte der Familie Witaszek beginnt. Ab der ersten Seite fiebert man mit dem Schicksal der Familie mit, nicht ohne dabei ausreichend informiert zu werden. Gleichzeitig verschont Engelmann seinen Leser aber auch nicht mit den grausamen und menschenunwürdigen Details der Gräueltaten der Nationalsozialisten, sodass eine Besprechung mit jungen Lesern durchaus sinnvoll ist. Unterstützend dazu sind alle Wörter und Namen, die mit dem Nationalsozialismus zusammenhängen, in einem anschließenden Glossar erklärt.

Fazit
Ein absolut lesenswertes Buch über tragische Familiengeschichten, außerhalb der sonst behandelten Judenverfolgung. Durch Reiner Engelmanns Sprachstil ist das Buch durchaus jugendgerecht und nicht nur für ältere Leser zu empfehlen. Es stellt sich deshalb als gute Möglichkeit dar, an das Thema heranzuführen. Trotzdem bekommt man beim Lesen sicherlich nicht nur einmal eine Gänsehaut. Denn bis zuletzt empfindet man bei jedem Rückschlag der Familie mit und freut sich über jeden noch so kleinen Erfolg.
Ein schwacher, aber überaus wichtiger Lichtblick zwischen all den traurigen Geschichten der zahlreichen Kinder, Eltern und Familien, welche unter dem Kinderraub leiden mussten.


Erschienen bei cbj

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Autorin / Autor: Ann-Kathrin - Stand: 4. März 2020