Krankengymnastin - Physiotherapeutin

Körper kneten, "Hohlkreuze ausbessern" und X- von O-Beinen unterscheiden - was macht eigentlich eine Physiotherapeutin?

Erzähl mal, Ulrike, was machst du genau?

Ich bin meines Zeichens Physiotherapeutin, was dasselbe ist wie Krankengymnastin (KG). Ich habe die Ausbildung im zarten Alter von 25 begonnen, nachdem ich festgestellt hatte, dass ich in meinem Studium kreuzunglücklich war. Da hat es mir sehr gut gefallen, dass die Ausbildung schulähnlich war, und dass ich alles, was ich da lernen musste, auch brauchen werde. In der ersten Woche hat aber jede/r die Krise bekommen, weil niemand dachte, dass es so viel sein würde. Die Ausbildung hat mir aber trotzdem sehr viel Spaß gemacht, weil wir einen netten und fitten Klassenverband hatten. Und das war auch wichtig, denn Teamwork ist nämlich hier angesagt.
Bei den ersten Behandlungen hat mir schon öfters mal das Herz bis in den Hals geklopft, aber hinterher denkst du: "Ging doch!" Und das macht stark. Du lernst natürlich auch sehr viel über den Körper. Ich z.B. habe ein richtig schönes Hohlkreuz und musste erstmal lernen, wie ich meine Haltung verbessern kann. Das möchte ich auch nie missen, dieses verbesserte Körpergefühl, die entstehende Freude an Bewegung. Denn ich gesteh's, ich bin erst in meiner Ausbildung sportlich geworden, wobei ich aber auch heute noch ganz gut faul sein kann.
Wir bekamen alle möglichen Fächer in der Theorie von ärztlicher Seite unterrichtet und dann praktisch die Behandlungsmöglichkeiten der Krankengymnastik und auch da gabs haufenweise Theorie. Hinzu kamen Fächer mit speziellen KG-Techniken. Alles, was du deinen PatientInnen antust, probierst du erstmal an deinen MitschülerInnen aus und die an dir. Das hat zur Folge, daß du auch öfter halbnackelig in der Gegend rumsitzt, wenn z.B. Befunde gemacht werden. Bei einer solchen Sitzungen haben meine Mitschülerinnen mir doch glatt gesagt, dass ich X-Beine hätte (komisch, meine Mutter hat immer das Gegenteil behauptet).

Wie bist du denn Physiotherapeutin geworden?

Es ist nicht einfach, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Es gibt staatliche Schulen, z.B. in Köln, die kostenlos sind. Da ist natürlich der Andrang entsprechend groß. Da haben sie damals schon gesagt: Bewerben sie sich nächstes Jahr für in zwei Jahren. Dann gibt es private Schulen, die Kosten monatlich Geld. Das geht von 150 Euro bis über 500! Das muß frau sich gut überlegen, denn du verdienst danach nicht wie eine Apothekerin, eher wie eine Krankenschwester. Manche Schulen verlangen ein Praktikum vorher. Manche gehen nach einem Notendurchschnitt. Deshalb: Am besten zum Arbeitsamt gehen, Adressen geben lassen und bei den Schulen anrufen und Bewerbungsunterlagen anfordern. Schicken die normal zügig zu. Mittlerweile gibt es auch die Möglichkeit KG zu studieren und zwar in Münster.

Wie sehen deine Tätigkeiten aus?

KG ist ein sehr vielfältiger Beruf, in dem frau sich nach der Ausbildung durch Fortbildungen sehr individuell entwickeln kann. Da kannst du von so klassischen Sachen wie der Manuellen Therapie bis zum -übertrieben gesagt- Schweben alles lernen. Manche spezialisieren sich z.B. auf neurologische PatientInnen mit Schlaganfall, Multiple Sklerose usw. Manche auf alte Menschen (Geriatrie), andere auf Kinder (Pädiatrie), manche auf Atemwegserkrankungen, oder auf Fälle wie Nachbehandlung nach einer Operation. Du kannst in einer Klinik arbeiten mit einem großen Team oder in einer Praxis, in der das Team meist kleiner, dafür der Kontakt zu den PatientInnen intensiver ist, da du sie dort oft länger betreust als im Krankenhaus.

Ich arbeite in einer KG-Praxis. Konkretes Beispiel: Heute war ein fünfjähriges Mädchen bei mir in Behandlung. Erst hab ich sie auf einer höhenverstellbaren Bank behandelt, ihre Nackenmuskulatur entspannt, indem ich ein wenig am "Kopf gezogen" habe. Nach einigen anderen Behandlungen haben wir Gradestehen geübt, indem sie sich vorgestellt hat, sie sei eine Sonnenblume, die locker und leicht zur Sonne hinwächst. Die "Sonnenblume" war dann so motiviert, daß sie die Arme auch noch ganz doll in die Höhe gestreckt hat. Da haben wir dann ein wenig diskutiert, ob die Blätter nun die ganze Zeit nach oben gucken oder auch neben dem Körper wieder hängen dürfen. Denn ich wollte ja, daß sie auch Gradestehen mit Armen unten lernt.

Jede/r PatientIn wird zuerst befundet,d.h. ich gucke, woher könnte das Problem kommen und befrage sie oder ihn. Daraufhin erstelle ich meinen Behandlungsplan und Ziele. Meist haben die PatientInnen ein Rezept mit 6-10 Behandlungen verschrieben bekommen. In diese Behandlungen packe ich meist so hehre Ziele wie: Beschwerden loswerden, Übungen zum Selbermachen, Haltungsschule, Tips für den Alltag. Am Ende des Rezeptes schreibe ich einen kurzen Befund für die Ärztin oder den Arzt. Für mich schreibe ich in eine Karteikarte auf, was ich herausgefunden habe und was ich gemacht habe.

Was magst du an deiner Arbeit am liebsten?

Dass ich mich, wenn es mir langweilig wird, verändern kann. Dass jede/r PatientIn eine eigene neue Herausforderung ist. Dass ich es mit Menschen zu tun habe, was manchmal sehr anstrengend ist, aber meist viel Spaß macht.

Und was magst du gar nicht?

Dass der Beruf der KG bei ÄrztInnen und PatientInnen oft noch ein geringes Ansehen hat. Nach dem Motto: Die hampeln da nur ein bisschen rum. Die PatientInnen sind, wenn sie KG dann mal erfahren haben, erstaunt, dass sie das nicht schon früher machen durften. Viele ÄrztInnen wissen überhaupt nicht, was wir genau machen und behandeln uns nicht als gleichberechtigte GesprächspartnerInnen, aber es gibt auch sehr interessierte, mit denen es Spaß macht zu arbeiten. Ich mag es nicht, dass wir auch im Gesundheitssystem einen schlechten Stellenwert haben. Das mag auch an der schlechten Lobby liegen. Das heißt, mit jeder Gesundheitsreform wird es komplizierter, KG zu verschreiben und die Bürokratie wird mehr.

Ist es ein typischer Frauenberuf?

Es ist ein typischer Frauenberuf, was den Vorteil hat, dass frau sich gut verändern kann, weil immer wieder andere Stellen frei werden, weil Frauen schwanger werden oder ihren Männern hinterherziehen. Und du kannst sehr gut Teilzeit arbeiten und zu den unterschiedlichsten Zeiten. Die Bezahlung ist allerdings eben auch nicht üppig. Allerdings machen in den letzten Jahren auch immer mehr Männer die Ausbildung, weil mensch sich in der KG schon nach zwei Jahren Berufserfahrung selbständig machen kann. Nur bleiben die leider auch auf ihren Stellen hocken und das sind meist dann auch die leitenden Positionen.

Hast du es als Frau schwerer in deinem Beruf als die Männer?

Nein, ich habe es in vielem leichter, z.B. lassen sich Frauen oft lieber von einer Frau behandeln. Körperlich kommt es darauf an, gut darauf zu achten, daß du mehr auf Technik achtest, als auf Kraft, denn es ist schon ein körperlich anstrengender Beruf. Allerdings ist es im Krankenhaus schon manchmal nervig, wenn du mit einem Kollegen das Zimmer betrittst und die PatientInnen zu dir Schwester und zu ihm Herr Doktor sagen.

Was sind deine Hobbies, haben sie eine Verbindung zu deinem Beruf?

Ich mache Tai Chi und darüber habe ich viel über Entspannung und meinen Körper gelernt. Der Anstoß war sicher die Ausbildung. Über das Tai Chi habe ich aber mehr noch als in der KG-Ausbildung gelernt, gut mit meinem Körper umzugehen, ihn besser wahrzunehmen, einen guten Stand zu haben, Spannung loszulassen. Als Ergänzung zum Tai Chi, was ja das langsame Schattenboxen ist, aber eben auch aus der Kampfkunst kommt, habe ich Kung Fu angefangen. Ich mache auch öfters Körperwahrnehmungsworkshops einfach nur für mich, und das ist wirklich spannend. Ich male, v.a. Aktbilder und auch da ist der Körper wieder präsent, ich schreibe und was mir sonst noch so einfällt. Eine meiner Trainerinnen sagte mal, dass viele große KampfkünstlerInnen auch HeilerInnen und KünstlerInnen waren. Nun, ich bin eine oft etwas faule Kampfkünstlerin, aber ich kann das Bedürfnis, sich so zu ergänzen, gut verstehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Autorin / Autor: Ulrike/Redaktion - Stand: 30. August 2002
 
 
 

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