Social Distancing - eine Frage des Gedächtnisses?

Studie untersucht, welche Faktoren dazu beitragen, ob Menschen Abstands- und Hygieneregeln einhalten oder nicht

Foto: Stan Lim, UC Riverside

Wie genau nehmt ihr es mit dem Tragen der Masken, den Abstandsregeln, dem Händewaschen - inzwischen und überhaupt? Und warum fällt es manchen Menschen schwerer, die Maßnahmen des Social Distancing einzuhalten, als anderen? Dieser Frage ging ein Forschungsteam der Universität von Kalifornien nach und fand heraus, dass die Entscheidung, sich und andere in den frühen Phasen von COVID-19 durch Abstand zu schützen davon abhing, wie viele Informationen das Arbeitsgedächtnis einer Person aufnehmen konnte.

Was ist das Arbeitsgedächtnis?
Das Arbeitsgedächtnis gehört zu unserem Erinnerungsvermögen und erlaubt es uns, vorübergehend Informationen zu speichern und sie gleichzeitig zu verarbeiten. So brauchen wir es zum Beispiel, um einen Satz inhaltlich zu verstehen. Denn es speichert, was wir an seinem Anfang gehört oder gelesen haben und ermöglicht so, dass wir dem Satz einen Sinn entnehmen können. Wir brauchen das Arbeitsgedächtnis für alle grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen, und es hilft uns dabei, unsere Umgebung zu verstehen. Dazu stellt es eine Art geistiges Abbild her, das uns bei Problemlösungen und logischen Schlussfolgerungen hilft und ermöglicht, dass wir neues Wissen aufnehmen, Handlungen planen und uns Ziele setzen können.

Nichteinhaltung von Social Distancing
In den USA, wo Abstandsregeln, Maskentragen etc. zumeist freiwillig sind, gibt es offenbar nach wie vor eine weit verbreitete Nichteinhaltung, die besonders in der Frühphase der COVID-19-Pandemie hoch war, wie Weiwei Zhang, Professor für Psychologie an der Universität von Kalifornien, Riverside, weiß. Ein Grund dafür liegt seiner Meinung nach in der Angst vor den sozioökonomischen Folgen, die die Kontaktbeschränkungen mitbringen, aber er suchte auch nach weiteren Gründen und startete eine Studie mit 850 US-Bürger_innen vom 13. bis 25. März 2020 - in den ersten zwei Wochen nach der Erklärung des US-Präsidenten zum nationalen Notstand bezüglich der COVID-19-Pandemie.

Die Teilnehmer_innen füllten eine Reihe von Fragebögen aus, die abfragten, wie einverstanden sie mit Social Distancing-Praktiken sind und ob sie depressiv oder ängstlich seien. Abgefragt wurden auch Persönlichkeitsvariablen, Intelligenz und das Verständnis für die Vor- und Nachtteile von Social Distancing-Praktiken.

Mehr Arbeitsgedächtnis = höhere Bereitschaft für Social Distancing
Die Forscher_innen stellten fest, dass Personen, die eine höhere Arbeitsgedächtniskapazität aufwiesen, auch ein gesteigertes Bewusstsein für die Vorteile der Corona-Schutzmaßnahmen hatten und sich in der frühen Phase des COVID-19-Ausbruchs stärker an die empfohlenen Abstands-Regeln hielten. Zang: "Wir fanden heraus, dass die Regeleinhaltung auf einem aufwendigen Entscheidungsprozess beruhen kann, bei dem die Nachteile gegenüber den Vorteilen im Arbeitsgedächtnis bewertet werden - und nicht wie andere Verhaltensweisen aus Gewohnheit praktiziert werden. Dieser Entscheidungsprozess kann für Menschen mit größerer Arbeitsgedächtniskapazität weniger aufwendig sein und möglicherweise dazu führen, dass diese sich eher an die Social Distancing-Regeln halten."

Verständliche Informationen
Zang und sein Team empfehlen daher, dass politische Entscheidungsträger die kognitiven Fähigkeiten des Einzelnen berücksichtigen und verständliche Informationen produzieren sollten, um normgerechtes Verhalten zu fördern und eine Informationsüberlastung zu vermeiden. "Die Botschaft in solchen Materialien sollte kurz und prägnant sein und den Entscheidungsprozess für die Menschen einfach machen."

Social Distancing lernen
Die Ergebnisse der Studie legen aber auch nahe, dass man Social Distancing erst erlernen muss, da eine neue Norm einen mühevollen Entscheidungsprozess erfordert, der sich auf das Arbeitsgedächtnis stützt. "Das Fazit ist, dass wir uns nicht auf gewohnheitsmäßige Verhaltensweisen verlassen sollten, da Social Distancing in der US-Gesellschaft noch nicht ausreichend etabliert ist", sagte Zhang. "Bevor Abstandsregeln oder Masken zur Gewohnheit und zu einer gut angenommenen sozialen Norm werden, müssen wir durch mental anstrengende Entscheidungsprozesse gehen, bei denen wir uns bewusst Mühe geben müssen, um unsere Tendenz, anstrengende Entscheidungen zu vermeiden, aufzugeben.

Bald kann Social Distancing zur Gewohnheit werden
Zhang erwartet aber auch, dass die Rolle des Arbeitsgedächtnisses abnehmen wird, wenn die Gesellschaft im Laufe der Zeit sich an neue soziale Normen, wie das Tragen einer Maske oder Abstandsregeln, gewöhnt hat. "Mit der Zeit werden soziale Distanzierung und das Tragen von Gesichtsmasken zu einem Gewohnheitsverhalten werden".

Die Ergebnisse der Studie wurden in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 14. Juli 2020