"Heim"

Autorin: Mirijam Günter
Eine gelungene Charakterzeichnung, authentische Einblicke in das Heimleben und eine gute Portion Galgenhumor - ein Buch, das heraussticht

Dreizehn Jahre ist die Ich-Erzählerin alt, als wir ihr zum ersten Mal begegnen. Ihren Namen und ihre Vorgeschichte werden wir nie erfahren, dafür wird sie dem Leser aber ausgiebig Gelegenheit geben, ihre Persönlichkeit kennen zu lernen. Die Geschichte beginnt damit, dass unsere Heldin in ein neues Jugendheim gebracht wird – eine Situation, die noch einige Male wiederkehren wird, denn dieses Buch beschreibt einen Ausschnitt aus ihrer Heimkarriere, über Ausbrüche, Wiedereinweisungen und Zwischenstopps in der Psychatrie. Die Atmosphäre hat so ein bisschen was von U-Bahn-Station: Charaktere kommen rein, stellen sich vor und gehen wieder, manche kommen immer mal wieder vorbei, während andere für immer verschollen bleiben oder sogar ein permanentes Ende finden. Umso verständlicher ist es, dass die Heimkinder beieinander Halt suchen und Außenstehenden, vor allem aber den Betreuern, automatisch mit Misstrauen gegenüberstehen.

Gefallen hat mir das Buch vor allem wegen seiner Charaktere und der geschickten Art und Weise, auf die es Einblick in deren Psyche gibt. Gerade bei der Ich-Erzählerin – die im Übrigen zu den am besten durchdachten Charakteren gehört, von denen ich je zu lesen das Vergnügen hatte - ergibt sich der interessante Effekt, das man als Leser ihren oft irrationalen Handlungen verständnisvoll gegenübersteht, da man durch die Erzählperspektive all ihre Gefühle und Motivationen mitkriegt, gleichzeitig aber durch die Reaktionen der anderen Personen klargemacht wird, dass sie nach außen hin ganz anders rüberkommt. Außerdem gewährt Heim einen interessanten Einblick in die Welt der Jugendhilfe, wie er Nicht-Heimkindern normalerweise verschlossen bleibt. An dieser Stelle ist es von Vorteil, dass die Autorin selber in verschiedenen Heimen aufgewachsen ist, denn obwohl die Geschichte nicht autobiografisch ist, ist doch zu erkennen, dass die Autorin eine Ahnung von der Materie hat, von der sie schreibt.

Und obwohl das deutsche Jugendbuch-Genre ja weiß Gott schon überladen ist mit Geschichten von Schicksalsschlägen aller Art, hebt sich diese aus der Masse hervor durch ihre Charaktere, ihren Realismus und einen gehörigen Schuss Galgenhumor.

Autorin / Autor: zachanassian - Stand: 8. November 2004