Mit zwei wunderbar fragenden Büchern auf Reisen oder: Wem geben wir die Macht und wozu?

"Zu welch bizarren Verhaltensweisen würde die Technik noch führen?"
(Thomas Krüger, Die Fänger des Himmels)

Die Fragen, die wir heute haben, nach der Gefahr des Krieges und der Gefahr des ewigen Vernetztseins mit Hilfe der Technik, finden sich wieder in zwei Romanen die absolut empfehlenswert sind. Deshalb möchte ich diese beiden vorstellen, auch wenn sie im Jahr 2015 herausgekommen sind, da sie so wichtig sind und sehr real, obwohl beide in wunderschön und detailreichen Fantasiewelten spielen.

Frostseelen von Natalie Speer

Wenn wir überlegen, welche Folgen ein Krieg haben kann für Menschen, dann sehen wir das auch im realen Leben bereits sehr deutlich, im Roman Frostseelen von Natalie Speer wird es nochmal deutlicher. "Das ganze Töten, will ich flüstern. Wann hört es endlich auf? Doch ich sage es nicht". In dem Roman treffen Eis- und Feuermagie aufeinander und die Welt wird durch den Krieg für immer verändert, genauso wie alle Beziehungen der Menschen und die Menschen selbst. Thea, die Protagonistin, eine Brennerin (Feuermagierin) der Republik Athosia, meldet sich freiwillig als Soldatin, als die Republik dem Norden den Krieg erklärt, ohne zu ahnen, was das wirklich für sie bedeuten wird. Gemeinsam mit anderen Brennerinnen und Brennern der Republik wird sie auf den Krieg vorbereitet, ohne dass jemand innerhalb der Republik davon überzeugt wäre, dass sie überleben, doch sie werden als Soldatinnen und Soldaten gebraucht. Das war das Erste, was mich daran erinnert hat, dass an Kriegen immer die am meisten leiden, die sich nicht wehren können und die am wenigsten damit zu tun hatten, dass der Krieg überhaupt begonnen hat.

Natalie Speer beschreibt eine magische Welt, doch die Themen, die in dem Roman vorkommen sind sehr real, was der Krieg wirklich bedeutet, dass die Erlebnisse
noch viel schlimmere sein können als der Tod und was der Krieg für Frauen und Männer bedeutet. In dieser magischen Welt, die wunderschön beschrieben ist, auch
die Landschaften, bleibt alles bis zur letzten Zeile sehr tief und sehr spannend, es ist aber erschreckend wie real die Gespräche zum Krieg sind und was das wirklich
bedeutet sich insbesondere als Soldatin zu melden. Natalie Speer beschreibt deutlich, wie Frauen dann als Soldatinnen behandelt werden und geht auf die Gefahren
eines Krieges sehr ein, innerhalb der spannenden magischen Welt.

Im Laufe des Krieges verändern sich alle Menschen, die Thea kennt, Eleni, eine Heilerin und ihre Freundin, genauso wie Ian, ein weiterer Soldat und ihr Freund
und alle anderen Menschen, die sie auf dem Weg kennenlernt und begleitet, wie sie selbst auch.
Vielleicht ist das Buch vor allem jetzt in dieser Zeit wichtig, obwohl es in einer magischen
Welt spielt. Es wird so unglaublich deutlich, wie Krieg Menschen verändern kann.

Noch dazu gibt es eine größere Bedrohung, die weder die Menschen in Athosia sehen, noch die Menschen des Norden, eine Seuche und Hintergründe, die
diese Seuche bewirkt haben (diese Hintergründe zu verraten würde die Spannung beim Lesen wegnehmen und das würde ich nie wagen). Diese Seuche
bewirkt, dass die Menschen, die gestorben sind, weiterziehen als eine Art leere Hülle und weitere Menschen infizieren, die dann ebenfalls als leere Hüllen
weitere Opfer suchen. Die Seuche und der Krieg bewirken eine Sprachlosigkeit, die Thea kaum erträgt, "als hätte uns der Norden aller Worte beraubt". Es ist das Gleiche, wenn ich heute die Entwicklungen sehe, dass immer mehr gewalttätige Menschen und respektlose Politiker an die Macht kommen, dann bin ich auch sprachlos.

Frostseelen ist unendlich spannend, auch weil verschiedene Menschen zusammentreffen, aus unterschiedlichen Ländern in dieser magischen Welt,
die sonst nie etwas miteinander zu tun haben. Thea drückt diese Erfahrung so aus, als sie eine ihr völlig unbekannte Sprache hört: "Es ist eine ganz andere
Art zu denken". Allein das macht den Roman so unendlich spannend. Genauso wie die Beschreibung der Seuche, die für mich auch auf Menschen passt, die
absolut gewalttätig sind, "sie werden uns immer weiter folgen, getrieben von einer mitleidslosen, nichts empfindenden Macht". Gleichzeitig wird aufgezeigt, wie sich trotz allem Freundschaften bilden und etwas sehr Verbindendes zwischen Feuer- und Eismagie und das wiederum könnte auch für uns heute eine Botschaft sein mehr danach zu schauen, was uns verbindet. Nicht was uns von anderen Welten, Ländern, Menschen trennt.

Eingebettet ist die Geschichte in einer sehr magischen, sehr spannenden Welt, die aber erst später klarer wird und daher möchte ich auch nichts
verraten, es geht hierbei um Amulette, zwei Menschen, die dachten, dass sie nichts miteinander verbindet, dann doch unendlich viel, tiefe, eigene
Magie, Feuer und Eis gemeinsam und sehr viel Überraschendes.

Frostseelen bleibt bis zum letzten Buchstaben eine durch und durch magische, interessante Geschichte, nichts war in der
Geschichte vorherzusehen und deshalb ist das Buch absolut empfehlenswert, auch die ganze Sprache und wie klar die Autorin diese magische
Welt beschreibt und den Krieg, genauso wie die Folgen. Wer magische Geschichten liebt, die gleichzeitig sehr in die Tiefe gehen oder auch nur
die Folgen von Krieg klar sehen will, das ist deine Geschichte.
"Doch die Frostseelen und der Krieg werden die Menschen verändern. Sie hielten sich für klarsichtig, doch sie wären blind".

Die Fänger des Himmels von Thomas Krüger

Genauso in die Tiefe zu der Frage, wem wir die Macht geben und welche Folgen das hat, ist auch der Roman Die Fänger des Himmels von Thomas Krüger. Der Werbespruch des Konzern Posisco, der in Krügers Welt die Macht übernommen hat, erinnert mich an heutige Werbesprüche für soziale Medien: "Mach auch du mit – dann gehört die Zukunft auch dir...". Die Frage im Roman ist, was passiert, wenn Technologiekonzerne eine allumfassende Macht werden. Die spannendste Frage, neben der Frage der Gewaltfolgen im Krieg, für die heutige Zeit, zumindest meiner Meinung nach.

In der Nigrana, in der verschiedene Völker friedlich miteinander gelebt haben, gewinnt der Konzern Posisco durch immer neue technologische Entwicklungen, die mehr Freiheit und mehr Erleben versprechen durch bunte und laute Werbemaßnahmen immer mehr Macht. Hinter dem Konzern Posisco steckt der Schwarze Lord, der von niemandem wirklich gekannt wird.
Alissa, die Protagonistin des Romans, ist eine der wenigen Menschen, die
die Entwicklungen des Konzerns kritisch sehen und sich kein Implantat von Posisco einsetzen lassen wollen, das den Nutzern ganz neue Wahrnehmungen verspricht, mit ungeahnten Folgen. Die Wahrheit sieht auch hier anders aus als in der Werbung, "Implement- Träger waren die Sklaven der niedersten Ordnung".

Genauso kritisch wie ihr Vater ist Alissa eine der wenigen Menschen, die versuchen sich dem Einfluss von Posisco zu entziehen, ebenso wie Tiras, ein Freund von Alissa, der blind ist, aber unendlich mehr sieht als alle Menschen um ihn herum.

Als Alissas Vater aufgrund seiner Kenntnisse und Kritik an Posisco als Wissenschaftler entführt wird, fliehen Alissa und Tiras gemeinsam vor dem Einfluss von Posisco und decken dabei ein großes und grausames Geflecht des Konzerns auf und lebensgefährliche Folgen der Entwicklungen von Posisco. Der Druck auf die Menschen in der Nigrana, sich ein Implement einzusetzen ist sehr groß, "Du weißt doch selbst, dass es alle machen. So schlimm kann es dann ja wohl nicht sein, oder?". Die ganze Stadt, in der Alissa lebt, ist irgendwann eine einzige Posisco Werbung, die alle in ihren Bann zieht. Was auch gleichzeitig eine Warnung sein könnte an uns, dass wir uns mehr Fragen stellen sollten, was genau wir mit der Technik wollen und wem wir dort die Macht übergeben.

Die Menschen verhalten sich immer mehr nach einem Programm und alles gerät außer Kontrolle. Alissa und Tiras decken gemeinsam mit den Berbern der Stadt (eine Gruppe, die schon seit langem ausgeschlossen wurde in der Nigrana und die insbesondere den Widerstand gegen Posisco organisiert) auf, dass unendlich viele Menschen für die Technik von Posisco sterben mussten, als eine Art "Menschenmaterial", dass die Posisco Angestellten dieses Sterben als ein Spiel angesehen haben, weil sie den Wert der Menschen, die vor ihnen stehen nicht mehr sehen können. Posisco Macht entwickelte sich vor allem über das kostenlose Implantat, das den Menschen eine bessere Welt versprach, gleichzeitig aber gaben die Menschen dadurch ihren eigenen Willen auf, "Der Chor übernahm die nächste Strophe der Gehirnwäsche - Hymne. Alles erleben. Alles erreichen. Blablabla". Die Menschen in der Nigrana merken nicht mehr, dass insbesondere
der Schwarze Lord über sie spricht - und sie auch so behandelt - wie über Dinge.
"Und sie haben Hunderte, Tausende umgebracht. Sie haben es Melonenspiel genannt! Das Melonenspiel! Dann brach sie zusammen".

Die Fänger des Himmels ist sehr erschreckend, auch weil es unendlich real wirkt, ganz unwichtig in welcher Welt die Geschichte spielt, wie begeistert alle Menschen auf neue Technologien reagieren, was es bewirkt und wie sehr andere darunter leiden müssen. Der Posisco Konzern arbeitet vor allem mit Bildern, Illusionen und Werbung, die eine ganz neue Welt versprechen, dabei unerwähnt lassen, dass im Grunde nur Zerstörung bewirkt wird. Der Roman macht unendlich nachdenklich und flößt tiefen Respekt ein, auch davor, wie sehr dort Manipulation aufgezeigt wird, was wirklich passiert, wenn Konzerne über Leichen gehen und was Technik bewirken kann, wenn niemand mehr selbst nachdenkt und die die es tun verfolgt werden, "viele Menschen wie
Daila waren gestorben. Viele, die voller Sehnsucht zu den Wundern des Lebens hatten fliegen wollen".

Der Roman ist vor allem jetzt wichtig, da er aufzeigt, was mit Menschen passiert, die aus Begeisterung heraus, all ihr eigenes Denken und Fühlen einem Konzern geben, von dem sie nicht mal wissen, was genau dort passiert und was die Hintergründe der Entwicklungen sind. Gleichzeitig sind die Charaktere und alles im Roman sehr klar beschrieben mit sehr viel Tiefe. Wer aber keine klaren Worte lesen möchte zum Morden von Posisco oder Grausamkeiten, die genau
beschrieben werden, sollte das Buch besser nicht lesen. Es ist absolut empfehlenswert, besonders weil mich viele Sätze an Konzerne erinnert haben, die ich kenne und von denen alle begeistert sind, die auch gerne das alles kostenlos anbieten. Es ist aber ein Roman, der nicht so einfach zu lesen ist, weil viele Szenen unendlich grausam sind. Es ist aber wichtig. Dieser Roman ist unendlich wichtig.

Romane, die einem wieder Flügel geben
Diese beiden Romane kommen mir wie Anker vor, die neue Wege aufzeigen können, indem sie deutlich werden lassen, was passiert, wenn wir unsere eigene Macht und Selbstbestimmung über unser Leben abgeben, daher sind sie, gerade jetzt, so lesenswert und habe diese längere Vorstellung absolut verdient. Es ist, als hätte ich ganz neue Augen bekommen nochmal, durch diese Bücher, neue Fragen und neue Ideen für mich selbst. Das sind die besten Romane, die Fragen stellen und neue Fragen entstehen lassen. Die einem wieder Flügel geben.

Autorin / Autor: Sabrina Bowitz - Stand: 13. Februar 2017
 
 
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