Gestörte Chemie zwischen Mensch und Biene

Ein Text von Carolin Hof

© Luise Weber

Tausende von Bienen lagen im vergangenen Jahren tot auf den Bürgersteigen von Leverkusen. Der Vorfall ist fast vergessen, doch das weltweite Bienensterben bleibt aktuell. In diesem Jahr muss die EU über das Verbot eines umstrittenen Pestizids entscheiden. Die Chemiekonzerne beharren aber auf der Ungefährlichkeit ihrer Produkte.

Da vorne locken leuchtendes Gelb und betörende Düfte. Sachte Landung auf einer Blüte: Süßer Saft zerfließt im Mund, Pollen kleben an den Beinen. Doch plötzlich beginnt der Boden zu wackeln, ein Riese auf vier Rädern naht. Etwas Feuchtes legt sich um die Flügel - alles klebt. Wo ist der Stock, was ist das hier? Diese Biene wird ihren Stock vermutlich nicht wiederfinden. Durch die Berührung mit einem Pestizid ist ihr Orientierungssinn betäubt. Ohne ihren Bienenstaat ist sie dem Tode geweiht. Die Bienen von Biobauer Michael Grolm aus Tonndorf bei Weimar fallen den Spritzmitteln der Nachbarn regelmäßig zum Opfer. „Bienen halten sich eben nicht an Grenzen“, erklärt der Imker traurig.

Eins sein mit der Natur
Michael Grolm lebt in einer ökologischen Lebensgemeinschaft auf Schloss Tonndorf. Die mittelalterliche Burg thront auf einem Berg umgeben von dichtem Mischwald und weiten Felderteppichen. Das passende Ambiente für rund hundert Bienenköniginnen und ihre Hofstaate von Ammenbienen, Baubienen, Wächterinen, Flugbienen, Sammlerinen, Kundschafterinen und Wasserholerinen. Nur das Fipsen der Lerche durchbricht die Stille. Die Sonne steht tief am Himmel, doch Michael Grolm, seine Familie und einige der Mitbewohner von Schloss Tonndorf ackern noch auf dem Feld am Fuße des Bergs. Mit einem zufriedenen Grinsen betrachtet Michael Grolm die jungen Bäume, die heute gepflanzt wurden. Er überragt alle, ist voller Kraft und Energie. „Als Imker und Bauer kann ich mit Kopf, Hand und Herz arbeiten. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich eins mit der Natur bin und mich nicht als Zerstörer oder Bedroher fühle.“ Eine Bedrohung stellt der Aktivist jedoch für genmanipulierte Maispflanzen dar, die er in seinen Feldbefreiungen 2007 beherzt aus der Erde riss. Dafür hat er sogar den Aufenthalt im Gefängnis auf sich genommen.

Für einen Kilo Honig fliegen unsere Bienen bis zu drei Mal um die Welt 
Die Knospen der Streuobstbäume unterhalb des Schlosses stehen kurz vor der Blüte. Das Summen im Bienenstock wird lauter. Doch noch sind nicht alle Plätze des Stocks belegt, die im Winter verstorbenen Schwestern müssen ersetzt werden. Erst im Sommer wird der rund 60.000 Stimmen umfassende Bienenchor mit voller Inbrunst summen können. Im April fängt Michael Grolm wieder an als Bienenchauffeur zu arbeiten. Bis September kutschiert der Imker seine 100 Völker von der Streuobstwiese, in die Heide, in den Wald, zu den Linden und Akazien. Wer Honig produzieren will, braucht genügend Tracht. So nennt man die Blüten, zu denen die Honigbienen fliegen, um Nektar und Pollen zu sammeln. Für ein Kilo Honig fliegen unsere Bienen bis zu dreimal um die Welt. Ohne ihre Bestäubungsleistung wären unsere Obst- und Gemüseregale um ein Drittel leerer. Die Arbeit der Bienen wird auf einen Wert von 14,6 Billionen Euro geschätzt. Dennoch schweben die Honigbienen weltweit in großer Gefahr. Laut Untersuchungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) sind die Bienenbestände in Europa und Amerika in den letzten Jahren um rund 30 Prozent geschrumpft. In Asien sind es geschätzte 85 Prozent.

Nichts als Weizen, Gerste, Mais und Raps
Dieses Phänomen hat auch Michael Grolm beobachtet, vor allem, nachdem der Nachbarbauer chemische Pflanzenschutzmittel gespritzt hat. Besorgt blickt er zum angrenzenden Feld. Der Nachbar baut nach konventionellen Methoden Raps an. Kornblume und Klatschmohn wachsen auf dem „klinisch, toten Acker“ schon lange nicht mehr. „Ein Kornblumenfeld hingegen ist ein El Dorado für Tiere, ein Feld voller Leben“, schwärmt der Imker. Unter der Intensivierung der Landwirtschaft leiden nicht nur die Honigbienen, sondern vor allem wild lebende Insekten wie die Wildbienen und Marienkäfer. Die Entwicklung von starken Pestiziden in den 1950ern ermöglichte den Anbau von Monokulturen: nichts als Weizen, Gerste, Mais und Raps. Nur während der Rapsblüte ist der Speisetisch der Bienen reich gedeckt. Danach knurren den Bienen die Mägen, denn viel geben die „leergeräumten Landschaften“, wie sie Michael Grolm nennt, nicht mehr her. Hinzu kommen die bald 10 Milliarden Menschenbäuche, die ohne die Bienen nur schwer gefüllt werden können.

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Benebelte Bienen
Das machte auch die EU-Kommission hellhörig: Sie beauftragte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) mit einer Studie zu den drei verdächtigen Neonicotinoiden. Ihre Ergebnisse bestätigten die Beobachtungen der Imker. Die Stoffe benebeln die Biene und stören dadurch ihren Orientierungssinn und ihr Verhalten. Seit 2013 ist der Einsatz dieser Insektizide stark eingeschränkt. Ein Lichtblick, doch wird das Verbot dem Bienensterben kein Ende setzen können, warnen Umweltschützer. Im Dezember 2015 wird die Kommission einen endgültigen Entschluss über ein Verbot fassen. Ein Kräftemessen zwischen den kleinen Bienen und Wirtschaftsriesen wie dem Chemiekonzern Bayer.

Bienenhotels und Hobbyimker beim Chemiekonzern Bayer
Das Bayer Crop Science Gelände in Monheim am Rhein: Felder neben Felder braun, grau und grün. Wolken hängen wie Rauchschwaden aus Fabrikschornsteinen über den Bauten. Ohne Besucherausweis endet der Weg vor der Autoschranke des Pförtnerhauses. Hat man es geschafft die Absperrung zu passieren, steht man vor der Bayer Crop Science Zentrale. Von hier aus ist die gelbe Bienenstatue rechts kaum zu übersehen. Auch ein hölzernes Bienenhotel, dessen Nischen und Löcher Raum für Wildbienen bieten, ragt neben dem Eingang zum Bee Care Center empor. Hier arbeitet Peter Trodtfeld als Experte für Bienengesundheit. Privat ist er Hobby-Imker. „Ich bin einer der Dinosaurier bei Bayer“, erklärt er schmunzelnd. Kariertes Hemd, Strickpulli, graues Haar. Angefangen hat seine Karriere 1979 im Insektizid -und Pestmanagementbereich, nur einen Fußweg entfernt. Seit letztem Jahr sitzt er in dem neuen blumigen Büro mit Bienen an den Wänden. „Das Bee Care Center gibt es erst seit 2012, aber um die Sicherheit der Bienen kümmern wir uns schon seit über 25 Jahren“, erklärt der Bayermitarbeiter selbstbewusst, „das weiß meistens keiner“, fügt er dann noch hinzu.

Eine Schuldige ist gefunden
Im Konferenzraum der Abteilung stellt er den Liebling der Bee Care Forscher vor: die Varroamilbe. Eine riesenhafte Nachbildung des aus Asien importierten Schädlings jagt dem Besucher einen Schauer über den Rücken. Bräunlich-roter Panzer, winzige Beinchen und glänzend dicke Haare. Ihr Beitrag zum Sterben der Bienen ist nicht zu unterschätzen - sie beißt, saugt und knabbert an den Bienen, und macht sie damit anfälliger für Krankheiten. Doch ist die Varroa destructor nicht allein für den weltweiten Rückgang der Bienenvölker verantwortlich. Zumal sie die ebenso gefährdeten Wildbienen und Nützlinge gar nicht angreift. Wie eine Schutzherrin von Bayer Crop Science sitzt die Varroa auf ihrem Podest. Unter ihrem breiten Panzer ist genug Platz, um die hauseigenen Pestizide zu verstecken, die Imkern wie Michael Grolm regelmäßig die Stirn in Falten legen lassen.

Geld und Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel
Was als Gift für die Natur angeprangert wird, ist Gold für den Chemiekonzern: Bis zu 900 Millionen Euro werden allein durch die Neonicotinoide erwirtschaftet. Nicht verwunderlich also, dass sich das Unternehmen mit allen Mitteln gegen ein mögliches Verbot durch die EU-Kommission wehrt. Es stehen auch Arbeitsplätze auf dem Spiel. Peter Trodtfeld ist überzeugt von der Unschädlichkeit der Produkte seines Arbeitsgebers: „Neonicotinoide sind nicht schädlich, denn wir haben Studien, die ihre Sicherheit beweisen.“ Vor Gericht werden die Bayer-Studien neben einem zweiten Stapel Studien liegen, die die Gefährlichkeit der Stoffe beweisen sollen. Allein ein Team unabhängiger Wissenschaftler aus Europa, genannt Task Force on Systemic Pesticides, hat 800 Studien unter die Lupe genommen. Ihre Schlussfolgerung bestätigt die Untersuchungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit: Bienen werden durch die Neonicotioide gefährdet.
Peter Trodtfeld bringt dieser andere Stapel nicht aus dem Konzept: Man brauche auf jeden Fall Pestizide. „Im Gegensatz zur EU gehen wir davon aus, dass unsere Produkte bienensicher sind.“ Wer das Bienensterben vor einem Jahr miterlebt hat, wird die Aussagen Bayers über ihre Bienenfreundlichkeit verwundern. Auf den Bürgersteigen und Feldern Leverkusens lagen Millionen Bienen wie Soldaten auf einem Schlachtfeld. Der Vorfall letzten Jahres sei ein Unfall gewesen, ein Fehler der Landwirte, sagt Trodtfeld. Die Menge mache das Gift.

Die EU sieht sich in einem Feuergefecht zwischen Umweltschützern und großen Chemieunternehmen. Von beiden Seiten werden Studien abgefeuert. Zwei Interessen stehen sich scheinbar unversöhnbar gegenüber: Artenvielfalt gegen Wirtschaft. Noch ist das Gefecht nicht entschieden.

Carolins Artikel wurde unter anderem beim Kölner Stadtanzeiger/ Leverkusener Anzeiger und im Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Text von Carolin Hof - Stand: Oktober 2015