Staubige Erinnerungen

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

Luisa klopfte gegen die weiße Wohnungstür. Die Tür öffnete sich einen Spalt weit und eine Männerstimme blökte: „Die Wohnung steht nicht mehr zum Verkauf“ Die Tür wurde wieder zu geschlagen. „Blödmann“, entfuhr es Luisa und sie machte auf dem Absatz kehrt. Als sie enttäuscht die Treppe wieder hinabsteigen wollte, sah sie, dass am unteren Ende der Treppe vor der Wohnung im zweiten Stock, eine alte Frau stand und sie anstarrte. Was wollte die von ihr? Sie trug diese typische Omakleidung: grauer, langer Rock und geblümte Bluse. Ihre Haare wurden von einem riesigen Hut verdeckt. Auffallend waren die blauen stechenden Augen, die aus dem faltigen Gesicht zu Luisa aufblickten. „Was glotzte denn so?“, sagte Luisa während sie die Treppe herunter ging.
„Warte!“, forderte die Alte. Als Luisa einfach an ihr vorbei ging, griff sie nach ihrem Arm und hielt sie fest. Was ging bei der schief? Bekam Luisa jetzt etwa eine Standpauke zum Thema Schimpfwörter?
„Du suchst doch eine Bleibe, oder? Die Wohnungen für Studenten sind rar in Kiel!“ Was erzählte ihr diese alte Tante da? Dieses Problem war ihr wohl bekannt, sie suchte schließlich schon seit zwei Monaten. „Meine Rente ist nicht hoch, die Miete dafür schon und ich hätte in meiner Wohnung noch ein Zimmer frei …“ „Sie wollen mir ihre Wohnung andrehen?“, Luisa war geschockt. Sie konnte doch nicht bei einer Omi einziehen. Da hätte sie ja gleich bei ihren Eltern bleiben können. Solche alten Leute verließen doch so gut wie nie das Haus. Wie sollte Luisa da einmal ihre Ruhe haben? „Nein, danke, ich finde schon noch was Besseres!“, presste sie heraus und versuchte sich aus dem Griff der Alten zu befreien, doch sie ließ nicht locker. „Das würde ich mir gut überlegen! Viele suchen hier vergeblich nach einer eigenen Wohnung und um diese Zeit …“, sie schüttelte bedauernd den Kopf. „Aber wie du meinst …“ Sie ließ Luisa los und drehte sich weg. Das Gerede der Alten machte Luisa nervös. „Na gut!“, rutschte es ihr heraus. Besser eine Wohnung mit Oma als gar keine. Die alte Frau drehte sich mit einem breiten Grinsen um. Sie streckte Luisa ihre faltige Hand entgegen: „Ich bin Hilde Baumeister! Du kannst mich gerne Hilde nennen!“ Luisa nahm ihre Hand und als sie sie schüttelte, hatte sie Angst die dünne Haut könnte unter ihrem Griff bersten. „Luisa Edronn“, murmelte sie.

Hilde zeigte Luisa ihre Wohnung. Luisa würde das Zeug, das überall herumstand, eher als Müll definieren, doch ihre Mitbewohnerin schien von den alten Möbelstücken begeistert zu sein. In der ganzen Wohnung lag ein muffiger Geruch, der roch als hätte Luisas Mitbewohnerin Zeit ihres Lebens
noch nie die Fenster geöffnet. Doch das Allerschlimmste ereilte Luisa im Badezimmer. In der Dusche
stand ein riesiger, staubiger Umzugskarton. Auf die Frage, was in dem Karton sei und wie Luisa
duschen sollte, antwortete Hilde: „Das sind meine Erinnerungen! Räum den Karton einfach aus der
Dusche, wenn du mal duschen möchtest. Ich würde ihn ja woanders hinstellen, aber dort ist er
wenigstens nicht dauernd im Weg“ Das konnte ja lustig werden. Wenigstens Luisas Zimmer war von
alten „Erinnerungen“ befreit. Einzig ein Bild eines alten Mannes hing an einer der weißen Wände des
sonst recht hübsch möblierten Zimmers. Luisa hatte ihrem Freund Marko eine SMS geschrieben, so kam er am Abend mit ihren Sachen. Sie wusste nicht, ob es Hilde recht war, aber es war ihr auch egal. Hilde war schließlich nicht ihre Mutter. Als Marko an der Tür klingelte, kam Hilde aus der Küche um zu öffnen. Doch Luisa war schneller und sprintete an die Tür. „Hi, Schatz!“, begrüßte sie ihn. „Hey, wer is’n das?“, fragte Marko und zeigte auf Hilde. „Das ist Hilde, meine Mitbewohnerin.“, antwortete Luisa. Er winkte Hilde zu und sagte zu Luisa: „Ey yo, woll’n wir was rumchillen?“ Hilde verschwand Kopf schüttelnd wieder in der Küche.

Marko und Luisa richteten das Zimmer ein und saßen den ganzen Abend vor dem Fernseher. Erst um halb elf verabschiedete er sich. Als er gegangen war, umfing Luisa eine angenehme Stille in ihrem neuen zu Hause. Sie ging ins Bad um sich bettfertig zu machen und erst als sie den Karton in der Dusche sah, fiel ihr Hilde wieder ein. Wo war sie nur? Luisa durchkämmte die ganze Wohnung, doch die Alte war nirgendwo zu finden. „Shit“, Luisa bekam Angst. Was, wenn Hilde beleidigt gewesen war wegen ihres unangekündigten Besuchs? Was, wenn sie abgehauen und von einem Auto erfasst worden war? Oder auf offener Straße einen Schlaganfall gehabt hatte? Das passierte bei alten Leuten doch ständig, oder? Luisa setzte sich auf das alte Sofa und wartete ängstlich darauf, dass Hilde einfach wieder durch die Wohnungstür hereinspaziert kam. Während sie so da saß, dachte sie über ihre heutige Entscheidung nach. Sie hatte mit einer fremden alten Frau einfach so eine WG gegründet. Sie wusste nichts über sie, rein gar nichts. Da kam Luisa eine Idee. Hildes Erinnerungen! Luisa lief ins Bad und öffnete neugierig den Karton in der Dusche. Der Karton war bis zum Rand mit Schachteln voller Dias gefüllt. Sie nahm sich einen Kasten heraus und hielt das erste Dia gegen das Licht der Badezimmerlampe. Nach einiger Zeit begann sie jedes Dia einer bestimmten Gruppe zuzuordnen. Babys, Hilde und der Typ aus Luisas Zimmer, Kinder mit Schultüten, Hochzeitsdias …
„Was machst du da?“, Luisa schreckte zusammen und warf dabei einen ihrer Stapel um. „Es ist schon fast ein Uhr nachts!?“ Hilde stand in der Badezimmertür und starrte sie erstaunt an. „Wo warst du? Ich habe mir Sorgen gemacht!“, antwortete Luisa empört. „Du bist doch nicht meine Mutter“; meinte Hilde. „Ich kann selbst auf mich aufpassen. Ich war bei Heinz.“ Luisa zog eine Augenbraue hoch. „Heinz?“ Hilde setzte sich zu ihr auf die kalten Fliesen und begann die umgefallenen Dias neu zu stapeln. „Was glotzte denn so? Mein Freund!“, grinste sie. Luisa war sprachlos. „Und … äh … was habt ihr so gemacht?“ Hilde sah sie an und meinte gedehnt: „Ey yo, wir ham nur was rumgechillt!“
Beide lachten.

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U20 - Ü60 - So wollen wir zusammen leben

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Worum geht es im "Wissenschaftsjahr 2013 - Die demografische Chance"?

Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"

Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: von Patricia, 14 Jahre