SILVIA – eine lange Freundschaft zwischen „jung“ und „alt“

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

Sie sitzt rauchend in ihrer kleinen Küche am Küchentisch, die Balkontür hinter ihr ist einen großen Spalt offen wegen mir, denn ich hasse Zigarettenrauch. Das weiß sie und jedes Mal, wenn ich bei ihr zu Hause bin und sie eine oder zwei Zigaretten raucht, ist die Balkontür mal mehr, mal weniger offen - abhängig vom Wetter.

Sie hat ganz kurze graue Haare, trägt schöne grüne Ohrringe passend zu ihrem grün karierten Hemd. „Ja, Türkan, es ist nicht so einfach, das Leben.“ Ich höre ihr gerne zu, sie ist 70 Jahre alt und eine quicklebendige Person, die viele interessante Geschichten erzählt. Wenn sie mich fragt, wie es mir geht, weiß ich, dass sie mir wirklich zuhört und mich ernst nimmt. Wenn ich Fragen oder Zweifel habe, äußert sie ihre ehrliche Meinung, die mir je nach Thema mal mehr, mal weniger zusagt.

Ich habe ihr im Juni aus dem Türkeiurlaub eine Stange Zigaretten mitgebracht, da sie dort –
leider – ziemlich günstig sind. „Ich bestehe darauf, sie zu bezahlen! Das ist mir lieber, ich weiß, dass du Rauchen nicht magst; ich will nicht, dass du denkst, du tust meiner Gesundheit etwas Schlechtes. Ich kaufe sie dir ab, dann ist alles geregelt“, erklärt sie mir und drückt mir das Geld in die Hand.

Als ich mit der Zigarettenstange in ihrer Küche stehe, bekommt sie ganz große Augen. „Weißt du, Türkan, das ist jetzt ein großer Luxus für mich. Seit langer Zeit drehe ich Zigaretten selber, da sie so am günstigsten sind; und jetzt echte Zigaretten, die ich nicht selber drehen muss. Ein Luxus!“ Sie strahlt vor Freude, als sie eine Packung öffnet und sich eine Zigarette mit einem Feuerzeug anzündet. Ich halte mich mit meinen Standardbemerkungen, dass Rauchen schlecht für die Gesundheit ist, zurück. Ich freue mich sogar mit ihr und bewundere es, dass sie sich über so etwas Banales so sehr freuen kann.

Ich besuche sie ab und zu bei ihr zu Hause und wir telefonieren ungefähr einmal in 14 Tagen. Wir kennen uns jetzt seit fast 10 Jahren. Meine erste Begegnung mit ihr fand Ende Dezember 2003 statt. Sie hatte ein paar Freunde zu sich nach Hause eingeladen, um „El Gordo“ zu gucken, die spanische Lotterieziehung. Ich bin mit meinem damaligen Freund mitgegangen. Die Gruppe von Freunden hatte sich ein Los gemeinsam organisiert und hoffte, viel Geld zu gewinnen. Ich kam in ihre Wohnung, wurde ihr kurz vorgestellt und als ich mich gerade auf die Couch setzte, stellte jemand die Frage: „Und Silvia, was würdest du machen, wenn wir den Jackpot knacken?“. Sie macht eine kurze Pause; dann zeigt sie auf ihren Oberkörper und sagt: “Ich würde mir neue Brüste machen lassen“, und sie lacht dabei laut. Ich war sehr überrascht; ich kannte sie nicht, und um ehrlich zu sein, hatte ich diese Antwort überhaupt nicht erwartet. Als ich die Frage hörte, dachte ich sofort an: „Ich will die Welt bereisen“ oder „das Geld mit meiner Familie teilen“. Im Nachhinein wurde mir schnell bewusst: Ich hatte Erwartungen, wie eine Dame sich mit 70 zu verhalten hätte und was sie sagen würde. Aber ganz ehrlich: ihren Satz, ihre Gestik und ihr Lachen fand ich sehr befreiend und sehr sympathisch. Ich fragte mich dann: „Türkan, wer ist hier eigentlich ‚alt‘ und wer ‚jung‘?“

Sie sagte mir gestern am Telefon, dass sie mich jetzt seit 10 Jahren kennt und stolz darauf
ist, wie ich mich entwickelt habe. „Am Anfang mit Mitte 20 warst du noch so schüchtern, und jetzt bist du gereift und hast dich gut entwickelt. Du sagst deine Meinung, stehst für deine Überzeugungen ein.“ „Wirklich, Silvia?“ Nach dem Telefonat, gehe ich in mich; ich habe anfangs zunächst das Gefühl, dass ich mich kaum verändert habe. Nach einigen Minuten, in denen ich mir einige Situationen vor meinem inneren Auge aufrufe, denke ich, dass sie Recht hat und merke, dass ich stolz auf mich bin.

„Es gibt eine Veranstaltung von einem Verein, da wurde ich morgen Abend eingeladen.“ erzählte sie mir vor einigen Jahren am Telefon. „Das klingt sehr interessant! Was ist das für
ein Verein und worum geht es?“ Sie unterbricht mich: „Türkan, das glaube ich nicht! Ich kenne die Leute vom Verein. Es sind viele ältere Leute dabei. Alle Frauen haben das gleiche an: Strickjacke mit Perlenkette und einen Rock. An der Jacke ist bestimmt eine Brosche
befestigt. Sie haben alle dieselbe Kurzhaarfrisur. ich komme mir so alt und verstaubt vor,
wenn ich dahin gehe und neben ihnen stehe.. Ich bin jung und die wirken wie Neunzig, obwohl sie in meinem Alter sind. Ich gehe da nicht hin!“ Als ich auflege, denke ich darüber nach. Sie ist 70, was für mich ein hohes Alter ist; aber die anderen in ihrem Alter wirken noch
älter und spießiger auf sie, obwohl sie alle gleich alt sind. Das ist mir neu- aber warum nicht?

Vor ein paar Wochen rief mich Silvia an. Sie hatte vor einigen Wochen einen neuen Laptop von einer Freundin bekommen. „Ich bin sehr glücklich damit, Türkan! Er geht viel schneller an als mein alter PC, an dem du mir gezeigt hast, wie ich ins Internet komme. Er ist viel leichter, und ich kann ihn mir auf meinen Couchtisch stellen und brauche nicht an den Schreibtisch mit dem PC zu gehen und mich stundenlang auf den ungemütlichen Schreibtischstuhl zu setzen. Ich bin so glücklich darüber.“ Sie hat nun ein Problem mit der Internetverbindung. Spontan dachte ich an meinen Bruder. „Mein Bruder kennt sich gut mit Laptops aus. Ich frage ihn, ob er bei dir vorbei kommen kann.“ Ein paar Tage später saßen mein Bruder und ich auf ihrer Couch. Voller Stolz machte sie ihren neuen Laptop an. Mein Bruder guckte sich alles an und fand die Lösung für das Problem. Sie war sehr froh und bedankte sich bei ihm. Sie rief mich ein paar Tage später an. „Es war sehr nett von deinem
Bruder, mir einfach so zu helfen.“ Gestern erzählte sie mir, dass er wieder bei ihr war, da sie ein neues Problem mit dem Laptop hatte und er versprochen hat, sie wieder zu besuchen.
„Darauf freue ich mich sehr, Türkan! Ich habe ihm gesagt, wenn er wieder mal Lust auf einen
leckeren selbstgemachten Pfefferminztee hat, soll er vorbei kommen.“ Sie lachte laut. Ich
hoffe sehr, dass damit eine neue Freundschaft beginnt.

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Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"

Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: Tülay