Die Amerikaner

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

Frau Müller blickte aus dem Wohnzimmer hinunter auf die Straße. Das Haus, in dem Frau Müller wohnte, war das einzige Mehrfamilienhaus. Drei Wohnungen verteilt auf drei Ebenen.  Frau Müllers Wohnung lag im ersten Stock. Unter ihr wohnten die beiden Schwestern Heidemann. Unverheiratet und ruhig. Und über ihr hatte Herr Krause gewohnt, doch Herr Krause war vor einigen Wochen verstorben. Seine Kinder waren gekommen und hatten ein paar Erinnerungsstücke mitgenommen. Dann war ein Entrümpelungsunternehmen vorgefahren und hatte die Quintessenz eines ganzen Lebens lieblos in graue Metallcontainer geworfen. Frau Müller hatte vom Wohnzimmerfenster aus alles beobachtet.

In der vergangenen Woche hatte ein Makler unzählige Menschen durch die Wohnung geführt. Frau Müller hatte ihn mehrmals im Treppenhaus abgepasst und hatte ihm dringlichst ans Herz gelegt: „Wir sind ein ruhiges Haus mit ruhigen Mietern und bestehen auf einem Neumieter, der zu uns passt. Auf einen netten, möglichst älteren und ruhigen Mitbewohner.“  Zuerst hatte der Makler freundlich genickt, dann hatte er nur noch genervt „Ja, ja“ gesagt.
Heute sollte der neue Mieter einziehen. Ein gigantischer Möbelwagen stand unten in der Einfahrt! Wozu brauchte ein einziger Mensch so viele Möbel? Vielleicht waren es ja auch zwei Menschen – ein nettes Rentnerpaar. Schränke, Regale, Matratzen … Wozu benötigten zwei ältere Menschen so viele Matratzen? Möglicherweise hatten sie Kinder oder Enkel, die ab und zu zu Besuch kommen würden.  Nun, das würde ja heiter werden. Gegen gelegentliche Besuche war  nichts einzuwenden, aber mussten die denn gleich über Nacht bleiben und die Nerven der Eltern (und deren Nachbarn) strapazieren? Heutzutage hatte doch jeder ein Auto, da konnte man doch abends wieder nach Hause fahren ohne größere Umstände zu verursachen. Vielleicht wohnten die Kinder in Amerika. Bestimmt! Sie wohnten auf der anderen Seite der Erdkugel, das war des Rätsels Lösung für die vielen Matratzen! So ein Flug war sicher sehr teuer. Häufiger als einmal im Jahr war Besuch nicht zu befürchten – das musste eben ertragen werden. Frau Müller taxierte beunruhigt die unzähligen Umzugskartons. Das nahm ja gar kein Ende! Wozu brauchten zwei betagte Rentner mit erwachsenen Kindern in Amerika so viel Zeug? Was wohl in diesen Kisten war? Kleidung? Geschirr? Bücher? – Vielleicht waren die Beiden pensionierte Lehrer, mit einer umfangreichen Bibliothek. Das erklärte auch die vielen Regale. Gebildete, ruhige, Bücherwürmer mit denen man im Hausflur kultivierte Gespräche führen konnte. Fast begann Frau Müller sich auf die neuen Hausgenossen zu freuen. Ruhig war der Krause ja gewesen, aber auch ein bisschen langweilig, wie die Jungfern Heidemann. Einfach gestrickte Leute, da würde das pensionierte Lehrerpaar eine wahre Bereicherung  des häuslichen Umfelds darstellen!
Am nächsten Morgen wurde Frau Müller aus dem Schlaf gerissen: Kindergeschrei tönte aus der Wohnung über ihr. Die Kinder aus Amerika waren wohl zum Helfen eingetroffen. Ach ja, solche Kinder hätte Frau Müller auch gerne gehabt. Ihr Erhard, Gott habe ihn selig, hatte jedoch keine Kinder gewollt. Zuviel Unruhe. Er hatte ihr stattdessen einen Pudel geschenkt: Putzi der Erste. Inzwischen war es sogar Putzi der Vierte, der Frau Müller Gesellschaft leistete. „Ein Hund“ – hatte Erhard gesagt „ist viel dankbarer als ein Kind – und billiger“.
„Brot und Salz – Gott erhalt‘s“ murmelte Frau Müller, als sie mit einem Laib Brot und Salz bewaffnet die Treppen hochstieg, um das Lehrer-Ehepaar zu begrüßen. Sie hatte sich fein gemacht. Der erste Eindruck war schließlich entscheidend. Zaghaft betätigte sie die Klingel. Die Tür wurde aufgerissen und ein kleiner  Junge  starrte sie erschrocken an, dann brüllte er lauthals: „Mama! Da steht eine Frau, die will Brot verkaufen!“ – „Sag ihr wir kaufen nichts an der Tür“ brüllte eine Frauenstimme zurück. Die Tür fiel krachend zu. So eine Unverfrorenheit! Doch so leicht gab Frau Müller nicht auf. Energisch klingelte sie zum zweiten Mal. Diesmal spähte ein Auge durch den Türspion. „Mama! Die Alte steht immer noch da!“ –„Ich komm‘ gleich.“ Endlich wurde die Tür geöffnet. Eine junge Frau mit ungekämmten Haar und im Bademantel sagte abweisend: „Ja?“ Sonst nichts. Frau Müller spähte verunsichert an der Frau vorbei in den chaotischen Flur. Dann holte sie tief Luft: „Ich wollte ihren Eltern zum Einzug Brot und Salz mitbringen.“ – „Meinen Eltern?“ fragte die Bademantelfrau. Das brachte Frau Müller gänzlich aus dem Konzept. „Schön, dass sie extra aus Amerika gekommen sind!“, stotterte sie. „Ich glaube Sie haben sich an der Tür geirrt!“ Damit flog die Wohnungstür abermals ins Schloss. Bevor Frau Müller wütend die Treppe runterstapfte, hörte sie noch die Frau sagen: „Ich glaube, die hat Alzheimer.“
Ein Lärm, ein Krach – Tag und Nacht! Frau Müller wurde nach und nach klar, dass das Lehrerrentnerpaar nie existiert hatte. Die „Amerikaner“ waren keine Amerikaner sondern die neuen Nachbarn.  Mehrfach hatte sie sich telefonisch bei der Hausverwaltung beschwert und man hatte ihr schließlich geraten, ihre Beschwerden schriftlich einzureichen. Abwechselnd versperrte der Kinderwagen die Kellertüre oder den Briefkasten. Die Kinder zertrampelten den Rasen und hinterließen schmutzige Fußabdrücke im ganzen Treppenhaus.

Inzwischen war es Winter geworden und Frau Müller war ein Nervenbündel. Die Beschwerden füllten ein ganzes Notizheft. Frau Müller steckte das Heft in einen Briefumschlag und machte sich auf dem Weg zum Briefkasten. In der Nacht hatte es gefroren. Als sie die Straße überquerte rutschte sie aus und prallte mit dem Hinterkopf auf den Bordstein.
Frau Müller erwachte im Krankenhaus und erfuhr dort, dass sie lange bewusstlos gewesen war. „Wie geht es meinem Putzi?“, stotterte sie. „Ihr Hund? Dem geht es gut. Ihre Tochter und ihre Enkel kümmern sich um ihn. Sie waren jeden Tag hier und haben nach Ihnen gefragt.“ An eine Tochter und Enkelkinder konnte sich Frau Müller gar nicht erinnern, doch da klopfte es sanft an der Tür und die „Amerikaner“ betraten das Zimmer. Der kleine Junge hielt einen Blumenstrauß in den Händen. Frau Müller war gerührt. Seine Mutter lächelte freundlich und sagte: „Leider hat es in der Vergangenheit viele Missverständnisse gegeben, doch wir hoffen, dass im neuem Jahr alles besser wird.“
Und es wurde besser! Als Frau Müller wieder nach Hause kam, kauften die neuen Nachbarn für sie ein, gossen die Blumen und gingen mit Putzi spazieren. Die Kinder kamen oft zu Besuch, Frau Müller las ihnen Geschichten vor und sie spielten miteinander Mensch-ärger-dich-nicht. Laut war es immer noch, aber Frau Müller störte der Lärm nicht mehr, denn aus dem Lärm waren vertraute Geräusche geworden. Gerade so laut, dass sie wusste, sie war nicht allein.

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U20 - Ü60 - So wollen wir zusammen leben
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Die Jury

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Worum geht es im "Wissenschaftsjahr 2013 - Die demografische Chance"?

Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"
Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: von Liesi, 18 Jahre alt
 
 
 

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