Alter!

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

„Jetzt mach endlich den Scheiß-Fernseher leiser! Da wird man ja taub!“
„Du weißt doch, dass ich nicht mehr so gut höre!“, erwiderte meine Oma trotzig.
Ich verdrehte genervt die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. Genialer Familienurlaub! Wirklich großartig!
Dad, Oma und ich waren gemeinsam nach Italien gefahren und teilten uns ein Apartment. Und einen Fernseher. Das war das Problem.
„Können wir uns nicht was anderes ansehen?“, maulte ich weiter. „Ich habe langsam genug von dramatischem Liebeskitsch und Ärzten!“
Oma warf mir über den Rand ihrer Brille einen Blick zu, der mich wohl zum Schweigen bringen sollte.
„Gleich kommt die Reklame, dann kannst du kurz umschalten.“
Ich stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. „Das heißt Werbung! Sag mal in welchem Jahrhundert lebst du eigentlich?“
Als Antwort machte Oma den Fernseher noch lauter.
Mein Vater betrat den Raum. „Sagt mal, was ist denn bei euch los?“
„Die hier,“ ich deutete anklagend auf Oma, „glaubt über das Fernsehprogramm bestimmen zu dürfen! Nur weil sie steinalt ist und sich für erfahrener hält!“
Oma starrte nur stumm in die Glotze.
Dad sah zwischen uns beiden hin und her. „Wir sind nicht nach Italien gefahren, um zu fernsehen und uns zu streiten.“
Na toll! Er mimte mal wieder den überaus schlauen Erwachsenen! Zum Kotzen!
Ich öffnete schon den Mund, um zu protestieren, doch Dad war schneller: „Malina, ich weiß es ist nicht leicht für dich, aber bitte reiß dich ein wenig zusammen!“
Das reichte! Ich stand auf und stürmte in mein „Zimmer“.
Die Tür knallte ich extra dramatisch hinter mir zu.
Nicht leicht für dich!
So ein Idiot! Als ob er das auch nur ansatzweise nachvollziehen könnte! Er hatte ja seine Mutter noch! Ich ballte die Hände zu Fäusten und schlug mit voller Kraft auf mein Kissen ein. Warum glaubten eigentlich alle, dass Oma der perfekte Mutterersatz für mich wäre?
Es klopfte. Ich antwortete nicht. Die Türen hier ließen sich nicht absperren. Zumindest hatte ich keinen Schlüssel dafür.
Dad kam herein. Ich starrte ihn wütend an. „Was willst du?“
Er setzte sich neben mich aufs Bett. Sein Blick war so traurig, dass mir schmerzlich bewusst wurde, dass auch er jemanden verloren hatte. Die Frau, die er geliebt hatte.
„Ich muss morgen wieder zurück“, sagte er leise.
Mein Kopf zuckte zu ihm. „Was?!“
Sein Blick wanderte von seinen Händen zu mir. „Ich habe gerade eine Nachricht bekommen. Ich muss dringend zurück. Es ist wirklich wichtig, sonst würde ich nicht fahren.“
„Und was ist mit mir?“, fragte ich. Nicht uns. Ich.
„Ihr werdet wie geplant am Montag fahren. Das wird Oma und dir ganz gut tun mal eine Weile unter euch zu sein.“
Ich schnaubte verächtlich. „Kann ich nicht mit dir mitfahren? Bitte!“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich möchte, dass ihr euch besser vertragt. Sei mal ein bisschen netter zu ihr.“
„Sie macht es mir aber auch nicht gerade einfach.“
Dad seufzte. „Wenn ihr zurück nach Hause kommt, möchte ich, dass zwischen euch wieder alles in Ordnung ist.“
Ich nickte mechanisch. Ich hatte früher auch ein Pony gewollt und nie eines bekommen. Das Leben ist halt kein Ponyhof. Da kann man sich wünschen, was man will.
Dad stand auf und ging zu Tür.
„Gute Nacht und bis morgen. Ich fahre wahrscheinlich gegen neun Uhr los!“
„Nacht!“, murmelte ich.
Die nächsten zwei Tage verbrachte ich fast ausschließlich draußen. Ich ging Oma so gut wie möglich aus dem Weg und schwieg die meiste Zeit. Abends, wenn sie fernsah verzog ich mich in mein Zimmer zurück und dröhnte mich mit Musik zu.
Am Montagmorgen wurde es ernst.
„Malina? Hast du alles eingepackt?“
„JA!!“
Ich zog den Koffer hinter mir her und stellte mich mit gestrafften Schultern vor Oma.
„Gut. Wir müssen uns beeilen. Der Zug wartet nicht!“
Ich schleiche ja auch nicht so langsam durch die Gegend wie du!, dachte ich zynisch.
Auf dem Weg zum Bahnhof steckte ich mir demonstrativ die Stöpsel meines Handys in die Ohren. Nicht, dass sie noch auf die Idee kommt mit mir zu reden!
Als Oma ihren Koffer in den Zug hievte ohne sich die Anstrengung anmerken zu lassen, konnte ich nicht anders, als sie dafür zu bewundern. Für 78 war sie noch recht fit.
Ich folgte ihr und wir quetschten uns in unser reserviertes Abteil.
Die Koffer ließen wir einfach auf dem Boden stehen. Der Zug war ohnehin nicht so überfüllt.
In unserem Abteil waren wir allein.
Oma lächelt plötzlich und strich sich durch die grauen Haare.
Ich zog einen Stöpsel heraus. „Was ist?“
Sie sah mich mit einem verträumten Ausdruck in den Augen an. „Als ich ein bisschen älter als du war, da wollte ich mit deinem Opa durch ganz Europa reisen. Wir hatten nicht viel Geld und sind getrampt. Von Deutschland nach Österreich, nach Italien und Kroatien. Am Ende konnten wir uns die Unterkunft nicht mehr leisten, doch wir wollten nicht mehr zurück. Da haben wir einfach in einem Park übernachtet. Das war vielleicht unheimlich!“
Ich versuchte mir meine Großeltern als verrückte Jugendliche vorzustellen und grinste. „Echt jetzt?“
Sie nickte eifrig. „Das war das Beste, was ich erlebt habe. Vor allem, dass ich es mit deinem Opa erleben durfte.“
Sie sah mich forschend an. „Wie ist es denn bei dir mit den jungen Männern?“
So wie sie es sagte, klang es ungewohnt witzelnd.
Ich hielt ihrem Blick nicht stand und blickte aus dem Fenster. Ich räusperte mich verlegen. „Na ja, also …“
„Wie heißt er denn?“
Ich starrte sie verwirrt an, aber sie zuckte nur locker mit den Schultern. „Ich war auch mal jung. Ich kenn das alles.“
Sie lächelte verschmitzt. „Also?“
„Er heißt Jan, aber …“
Sie unterbrach mich: „Nichts aber. Wenn er dich nicht mag ist er verrückt.“
„Jetzt übertreibst du aber!“
„Ach was! Du bist schließlich meine Enkelin!“
Wir lächelten uns an.
„Tut mir leid, ich habe dich unterbrochen.“
Ich begann zu erzählen und erzählte immer mehr. Oma und ich redeten und diskutierten, allerdings ohne zu streiten. Wir verstanden uns sogar … gut.
Die ganze Fahrt über.
Irgendwie waren wir beide wohl aufgetaucht und Dad bekam sein Pony, denn wir kamen auch in Zukunft besser miteinander zurecht.

Weiter

U20 - Ü60 - So wollen wir zusammen leben
Einsendeschluss! Nun werden die Texte gezählt, gesichtet, sortiert, gestapelt und veröffentlicht. Und während die Jury liest, könnt ihr den Publikumspreis per Voting ermitteln!

Bitte lesen!!!: Teilnahmebedingungen

Die Jury

Schöne Preise für die schönsten Einsendungen

Worum geht es im "Wissenschaftsjahr 2013 - Die demografische Chance"?

Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"
Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: von Nadine, 15 Jahre
 
 
 
 

School@GreenEconomy

 
 
 

Rezensionen schreiben

 

Links

Blaue Computermaus
 

Rezensionen veröffentlichen

weiße Bücher mit der Aufschrift Rezenionsen
  • Rezensionen
    Buch-, Musik und Filmtipps von und für Mädchen!
 

LizzyNet-App

 

Informier dich!

 

Kontakt

 

Vernetz dich mit uns