Mach aus jedem Tag das Beste

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

Der bisherige Abend war gar nicht gut verlaufen. Und jetzt auch noch das. Ich radelte zum Krankenhaus, in dem meine Großmutter lag, so schnell ich konnte.
Vor einer Stunde hatte ich noch mit meinem Freund Alex auf unserer Couch gesessen und durch das Fernsehprogramm gezappt, obwohl es nichts Sehenswertes gab. Alex war ungewöhnlich schweigsam gewesen, doch dann hatte er damit herausgerückt, dass aus unserem gemeinsamen Urlaub nichts werden würde. Der lang ersehnte Urlaub auf Teneriffa. Nur weil er auf der Arbeit ein neues Projekt plante, das ausgerechnet in diese Zeit fallen würde. Ich war unglaublich wütend geworden und hatte mich in meinem Zimmer verkrochen, wo ich meinen Ablagestapel zu sortieren begonnen hatte. Besonders gehoben hatte das meine Laune auch nicht. Denn dabei waren etliche unbezahlte Rechnungen ans Tageslicht gekommen sowie einige Postkarten von früheren Freundinnen. Ich lenkte mein Fahrrad durch einen düsteren Park, während im Hintergrund die Sirene eines Krankenwagens schrillte. Das alarmierende Geräusch passte perfekt zu meinen Gefühlen.
Dabei dachte an meine Schulfreundin Sienna, die mir eine Postkarte aus dem Allgäu geschickt hatte, wo sie ein erfolgreiches Hotelunternehmen aufgebaut hatte. Meine andere Freundin Maxi betrieb auf Sylt ein Strandcafe zusammen mit ihrem Mann, mit dem sie bereits zwei Kinder hatte. Alles gar nicht gut für mein Ego. Ich war nichts als eine einfache Supermarktkassiererin, ohne jegliche Perspektive.
Als ich über mein armseliges Leben nachdachte, kam der Anruf meiner Mutter, der alles noch schlimmer machte: Der Krebs hatte meine Großmutter fast besiegt. Nun lag sie im Krankenhaus und wollte sich in den letzten Stunden ihres Lebens von ihrer Enkelin verabschieden. Ich hatte Großmutter nie oft gesehen. In den letzten Jahren war ich im Grunde immer nur eine von vielen auf ihrem Geburtstag gewesen.
Nun war ich beim Krankenhaus, warf mein Fahrrad in die Hecke, ohne Blick auf irgendwelche Verbotsschilder, und hastete in Richtung Eingang. Die Empfangsdame beschrieb mir den Weg zu der richtigen Station. Oma so zu sehen war schockierend: Ihre Haut schien ganz dünn zu sein, als würde sie bei der kleinsten Berührung zerbrechen, und ihre sonst so durchdringenden Augen wirkten unendlich müde.
„Oma!“, flüsterte ich und näherte mich vorsichtig ihrem Bett.
„Elodie“, sagte Oma und griff nach meiner Hand. „Gut, dass du gekommen bist, mein liebes Kind.“ Ihr Blick, der voller Liebe war, ließ mich schlucken. Auf einmal überkamen mich Schuldgefühle. Ich war kaum für Oma da gewesen und erst jetzt, an ihrem letzten Tag, kam ich. Als ich hier stand, hatte ich das Gefühl, ich würde die Person, die neben mir im Bett lag, viel zu wenig kennen. Genau das sprach ich im nächsten Moment aus und ich konnte nicht verhindern, dass ich zu weinen anfing.
„Ich will das nicht“, sagte ich leise. „Das ist nicht gerecht, dass du an Krebs sterben musst. „Das Leben ist nicht immer gerecht“, entgegnete Oma sanft und ihre Stimme klang noch erstaunlich klar. „Aber wir können das Beste daraus machen. Ich hätte vieles anders machen können. Aber nun, mein Kind, bereue ich nichts von dem, was ich gemacht habe. Denn nur so habe ich gelernt. Es sollte alles so sein.“
„Wirklich?“, Elodie schnäuzte sich die Nase. „Hast du denn gar keine Angst? Vor dem Tod?“
Oma drückte ihre Hand: „Als ich zwanzig war, so alt wie du, da hatte ich Angst davor, zu sterben. Ich war unsicher und ohne Perspektive, ein Kind, das im Krieg aufgewachsen war. Meinen ersten Mann, deinen Großvater, habe ich schon früh verloren. Darauf habe ich mich meine Trauer im Alkohol ertränkt und meine Karriere als Sängerin abgebrochen. Eines Tages habe ich begonnen, mein Leben wertzuschätzen, nicht zuletzt durch den Tod deines Großvaters. Ich habe Berge bestiegen, ein Buch verfasst, Kinder aufgezogen, bin viel gereist und habe meine Träume erfüllt. Bis der Krebs kam. Doch ich habe die Angst vor dem Tod verloren. Ich habe mein Leben gelebt und allein das zählt.“
„Du bist so tapfer, Oma“, meinte Elodie gerührt. „Ich wäre das nicht. Sowieso habe ich es nicht besonders weit gebracht. Nicht so wie du.“
„Du bist jung und hast noch so viele Chancen vor dir“, widersprach ihre Oma. „Du hast das Beispiel von mir. In deinem Alter hätte ich niemals geglaubt, was das Leben noch alles für mich bereithält. Lass dir den Rat einer alten Dame geben: Gib niemals auf und mach aus jedem Tag das Beste.“ Sie zog ihre Hand zurück. Elodie wollte etwas sagen, doch in dem Moment wurde die Tür zum Stationszimmer geöffnet. Herein eilten hektisch ihre Eltern. „Meine Güte, du bist schon da!“, rief ihre Mutter aus, als Elodie sich ihr zuwandte. „Eher haben wir es nicht hierher geschafft. Wie geht es ihr jetzt?“
Elodie wandte sich wieder dem Krankenbett zu: Oma lag ganz ruhig dort, mit geschlossenen Augen und einem Lächeln, das auf ihren Lippen festgefroren zu sein schien. Es wirkte, als wäre sie friedlich eingeschlafen.
Eine Woche später war die Beerdigung. Elodie legte ein paar strahlend gelbe Narzissen auf das Grab ihrer Großmutter. Die anderen warfen Rosen, doch sie hatte sich für Narzissen entschieden, weil sie wusste, dass Oma das so wollte. Narzissen, so gelb und strahlend wie das Leben. „Ich werde aus jedem Tag das Beste machen“, flüsterte sie. „Das verspreche ich dir, Oma.“
Dann ging sie zurück zu Alex und schmiegte sich in seinen Arm. „Deine Oma würde sich freuen, wenn sie wüsste, dass wir heiraten und zusammen einen Blumenladen eröffnen und krebskranke Kinder damit unterstützen wollen.“ Mit der Trauergesellschaft verließen sie in sich gekehrt den Friedhof. Einen letzten Blick warf Elodie noch über die Schulter zu Omas Grab.
Es war, als würde sie eine leise Stimme vernehmen: „Mach aus jedem Tag das Beste!“

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U20 - Ü60 - So wollen wir zusammen leben
Einsendeschluss! Nun werden die Texte gezählt, gesichtet, sortiert, gestapelt und veröffentlicht. Und während die Jury liest, könnt ihr den Publikumspreis per Voting ermitteln!

Bitte lesen!!!: Teilnahmebedingungen

Die Jury

Schöne Preise für die schönsten Einsendungen

Worum geht es im "Wissenschaftsjahr 2013 - Die demografische Chance"?

Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"
Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: Fabienne, 17 Jahre alt
 
 
 
 

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