Die vergessene Melodie

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

„Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird.“ - dies sagte einst der bekannte deutsche Philosoph Immanuel Kant.
Mit meinen 68 Jahren habe ich schon fast die ganze Welt gesehen, ich muss zugeben, ich reise seit meiner Kindheit leidenschaftlich gerne. Immer wenn ich an einem fremden Ort neue Erfahrungen und kulturelle Einflüsse aufgenommen habe, führte ich eine Art Ritual durch: Ich kaufte mir wie jeder andere Tourist auch ein Souvenir, das mich dadurch weiterhin an diesen einmaligen Aufenthalt erinnern sollte. Jedoch habe ich nun einfach ein Alter erreicht, in dem ich mich davon trennen möchte. Viele von den Andenken besitze ich schon länger als 40 Jahre. Mit meiner Vergangenheit möchte ich nun abschließen, hingegen möchte ich ein neues, wenn nicht sogar ein letztes Kapitel in meinem Leben aufschlagen! Aus diesem Grund, verkaufe ich heute auf einem Flohmarkt in der Nähe des Stuttgarter Marktplatzes einen Großteil meiner Schätze! Es mag herzlos klingen, aber diese Gegenstände sind mir nicht mehr so wichtig! Nichtsdestotrotz hoffe ich, andere Menschen damit zu beglücken! Und so baue ich meinen eher mickrigen aber feinen Stand am Rande des großen Platzes auf. Der Vormittag vergeht und die Sonne hat ihren höchsten Punkt erreicht; es ist ein schöner, sonniger Tag, von einer Menge kaufinteressierter Leute fehlt jedoch jede Spur! Es vergehen weitere zwei Stunden - für mich die Zeit, langsam alle Sachen wieder sorgfältig zu verpacken. Doch ehe ich beginnen will, da erhaschen meine Augen ein junges Mädchen! Ich schätze sie auf etwa neun Jahre, ihr langes, goldig braunes Haar fällt vollkommen leicht von der Schulter. Auf ihrem Kopf trägt sie eine rot-weiß gepunktete Schleife. Das Kind beugt sich behutsam über den alten, dunkelgrünen Koffer, in dem sich mein Plunder befindet. Mit ihrem scharfen und konzentrierten Blick betrachtet sie darauf eine kleine verkupferte Dose. Sie hält sie etwas weiter nach oben in die Luft und begutachtet diese von allen Seiten und Ecken. Nach einem winzigen Moment wendet sie ihre Augen zu mir und fragt zurückhaltend: „Wie teuer ist diese Box?“
„Zeig' einmal her“, entgegne ich ihr. Sie reicht mir unweigerlich den kantigen Gegenstand. Er ist mit einem eingravierten Pfau geschmückt. Ich brauche ihn nur anzufassen, da erkenne ich, um was für ein Objekt meiner Sammlung es sich handelt. Ich bin sichtlich sprachlos und bekomme plötzlich eine Gänsehaut! Mir wird ganz komisch! Für ein paar Sekunden scheint die Zeit still zu stehen! „Und? Kann ich es haben?“ weckt mich das junge Mädchen aus meiner Trance auf. Ich kneife kurz meine Augen zu, schüttele ein wenig den Kopf und gucke ihr starr in ihre großen Rehaugen. Nachdem ich tief Luft geholt habe, platzt es schon fast fieberhaft aus mir heraus: „Es tut mir leid, aber die kleine Schachtel gebe ich nicht her. Ich kann es nicht – leider!“ Bereits als ich diese schweren Worte ausspreche, sieht sie mich mit ihrem traurig erfüllten Gesicht an.
„Oh, das ist aber schade, dabei fand ich diese Kiste so hübsch!“
Ach, es zerbricht mir innerlich das Herz! Ich enttäusche ein unschuldiges Kind zu sehr! Wie soll ich das nur wiedergutmachen? Wenn sie nur ahnen würde, was mir das gute Stück bedeutet … wie konnte ich auch nur so blöd sein, und es ohne schlechtes Gewissen weggeben?
„Sag, wie heißt du Liebes?“ erkundige ich mich bei ihr.
„Mein Name ist Josefine. Und du?“
„Ich heiße Marlene. Hast du etwas Zeit? Ich würde dir gerne eine Geschichte aus vergangenen Tagen erzählen, wenn du magst. Hast du Lust?“ und lächele zugleich.
„Also, Mama und Papa haben mich gewarnt mit fremden Menschen mitzugehen. Allerdings scheinst du ziemlich nett zu sein! Ja, aber um fünf Uhr muss ich zuhause sein!“
„Ich tue dir nichts, keine Angst! Du brauchst dir keine Sorgen zu machen! Ich packe nur noch meine Sachen zusammen und dann können wir es uns an einem wunderbaren Ort bequem machen, einverstanden?“ Sie nickt. Ohne jede Schwierigkeit sind alle Souvenirs an der richtigen Stelle verstaut und Josefine und ich machen uns zügig auf den Weg. Wir gehen Richtung Schlossgarten, der ungefähr 20 Minuten entfernt liegt und zu Fuß gut erreichbar ist. Dort angekommen, setzen wir uns auf eine der vielen Bänke unter einem Blätter reichen grünen Baum. Ein kühler Windhauch streicht uns beide durch das Haar.
„Hier komme ich immer hin, wenn mich Sorgen, Kummer und Schmerz plagen, es ist der Ort, der mir hilft diese bedrückenden Empfindungen schwinden zu lassen. Ich habe dir versichert, dass ich dir eine Geschichte erzählen werde. Nun, es betrifft ein wahres Erlebnis, welches ich mit dir teilen möchte! Es dreht sich um diese glänzende Kiste. Es ist vielmehr eine Spieluhr, weißt du? Ich habe sie damals von einem besonderen Menschen geschenkt bekommen.“
„Wer ist es?“ reagiert Josefine erstaunt.
„Von einem guten Freund, Tom hieß er. Wir haben uns kennengelernt, als ich in Irland eine Reise gemacht habe. Er arbeitete bei seinen Eltern im Restaurant. Als ich dort eines Abends speiste, konnte ich meine Augen nicht mehr von ihm lassen – er übrigens auch  nicht. Er bat mich bis Ladenschluss zu warten. Zunächst war ich äußerst skeptisch, dennoch wollte ich dem jungen Mann eine Chance geben! Und in der Tat: Tom hielt sein Wort. Wir spazierten im Mondschein durch die Nachbarschaft und redeten ununterbrochen. Da mir plötzlich kalt wurde, lieh er mir seine warme Jacke und hielt mich fest im Arm. Ich schaute zu ihm auf und das war der Augenblick, in dem wir uns das erste Mal küssten. Die folgenden Tage trafen wir uns immer wieder, wir beide waren Hals über Kopf ineinander verliebt und ich fühlte mich glücklicher als je zuvor! Doch bald war es Zeit für mich nach Deutschland zurückzukehren. Deswegen lud er mich am Abend vor meiner Abreise in die Gaststätte seiner Eltern ein – der Ort, an dem alles begann. Er machte mir ein Geschenk: es war diese Spieluhr! Wir versprachen uns gegenseitig in Kontakt zu bleiben. Nachdem ich zurückkehrte schickte ich ihm sofort einen Brief. Ich wartete einen langen Monat – vergebens. Es kam keine Antwort! Dann eines Tages rief ich bei ihm an, da bekam ich von seiner Mutter Annie die schreckliche Nachricht: Tom ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie sagte mir, wie unendlich leid es ihr täte, denn sie wusste, dass ich Tom viel bedeutete. Sie sagte, ich sei die Liebe seines Lebens gewesen. Ich kann seinen Tod bis heute nicht vergessen, es ist tragisch, dass ein so junger Mensch früh sterben musste!“
„Mein Beileid!“ unterbricht das kleine Mädchen.
„ … Und deswegen, Liebes, möchte ich, dass du diese Spieluhr behältst. Bewahre sie gut! Sie ist für mich in jeder Situation ein Glücksbringer gewesen. Nun, soll sie dir auch helfen!“
Josefine äugt mich schockiert an, aber ich schmunzele. Ich bringe sie nach Hause zu ihren Eltern und erkläre ihnen den Vorfall. Sie verhalten sich gelassen und laden mich noch auf einen Kaffee mit Kuchen ein.
Seitdem besucht mich Josefine mindestens einmal in der Woche. Diese Begegnung hat mein Leben verändert!

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U20 - Ü60 - So wollen wir zusammen leben
Einsendeschluss! Nun werden die Texte gezählt, gesichtet, sortiert, gestapelt und veröffentlicht. Und während die Jury liest, könnt ihr den Publikumspreis per Voting ermitteln!

Bitte lesen!!!: Teilnahmebedingungen

Die Jury

Schöne Preise für die schönsten Einsendungen

Worum geht es im "Wissenschaftsjahr 2013 - Die demografische Chance"?

Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"
Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: Lea, 19 Jahre
 
 
Frau vor Einsen und Nullen
 

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