Der Hinweis aus dem Jenseits

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

Es war eine unheimliche  Novembernacht. Ab und zu gelang es dem starken Wind die Wolkenschicht zu zerreißen und für einen kurzen Augenblick die weiße Scheibe des Vollmondes und ein paar Sterne zum Vorschein zu bringen. Daniela zog den Vorhang zu und setzte sich zu ihrer Kollegin Irene. Sie hatten Nachtwache und befanden sich im Dienstzimmer. Plötzlich fesselte Daniela eine entsetzliche Müdigkeit. „Ich weiß nicht, was mit mir los ist, mir fallen die Augen zu. Ich glaube, ich bin am Stuhl festgenagelt“, sagte sie ihrer Kollegin. Noch bevor Irene antworten konnte, fiel Daniela in einen seltsamen Schlaf. Ein leichtes Wölkchen schwebte über ihr und ein anderes gesellte sich dazu. Leise begannen sie miteinander zu sprechen, und Daniela verstand zu ihrem Erstaunen jedes Wort. „Das sind zwei Seelen!“, dachte sie tief erschüttert. „Ich bitte dich über deine letzten irdischen Erlebnisse zu sprechen. Ich und Daniela werden deine Gedanken und Gefühle verstehen“, ermutigte die erste Seele die zweite zum Erinnern. „Meine letzte irdische Nacht ist erst angebrochen“, begann die zweite Seele zu erzählen. „Der Schlaf kommt nicht, ich liege ruhig im Bett und versuche ihn anzulocken. Ich bin allein und erzähle mir selber Geschichten aus meinem Leben. Ich erinnere mich an die erste Nacht im Pflegeheim: Die begann ja schon am Abend um sieben Uhr! Vier Stunden habe ich geschlafen, und dann starrte ich die Wände und den Mond an. Er schaute zu mir rein, er durfte im Gegensatz zu mir nicht schlafen. Ich begutachtete die dunklen Flecken auf seinem Gesicht und dachte, dass es Alterserscheinungen sind, wie die auf meiner Haut. Er hatte auch niemanden zum Sprechen. Dann kam eine freche Wolke und stahl mir den Mond. Er versuchte einige aufmunternde Strahlen zu mir zu schicken, aber andere Wolken verschluckten sie. Es wurde ganz dunkel, nur an der Wand an meinem Bett leuchtete ein rotes Lichtchen. Ich berührte es mit dem Finger, und es leuchtete noch heller auf. Nach einiger Zeit kam jemand zu mir und sagte: „Ich heiße Daniela Strass, ich bin die Nachtwache. Sie haben geklingelt. Was ist passiert?“ „Und ich heiße Annemarie Stiel. Es ist noch nichts passiert.“ „Das freut mich! Möchten Sie ein Schluck Wasser, soll ich Sie gut zudecken?“ Nach kurzem Überlegen war ich damit einverstanden. „Ich hoffe, dass Sie jetzt schlafen können. Gute Nacht!“ Daniela verließ lächelnd das Zimmer. Das rote Lichtchen wirkte auf mich wie ein Magnet, ich musste es immer wieder drücken, vielleicht so zehn oder fünfzehn Mal in dieser Nacht. Es war sehr beruhigend, Daniela zu sehen. Später klingelte ich sehr selten, wenn sie Nachtwache hatte. Wir dachten eine Regel aus, die uns beiden gut tat: Daniela kam zu mir kurz vor Mitternacht ins Zimmer, da wachte ich meisten auf, setzte sich an die Bettkante, nahm meine Hände in ihre, und wir beteten zusammen Vater unser. In der letzten Nacht dachte ich daran, dass Gottes Nähe und Danielas Nähe etwas ganz Besonderes ist, es gab mir innerlichen Frieden. Ich war schon steinalt, ich möchte gestorben sein, aber das Sterben selbst beängstigte mich. Ich würde gerne in einer hellen Mondnacht sterben, in der Daniela Nachtwache hat. Gerade um die Zeit, wenn sie beim zweiten nächtlichen Durchgang zu mir reinschaut. Weil, nämlich, beim ersten schlafe ich so fest, dass ich gar nicht aufwache, wenn sie mich vom Rücken auf die Seite dreht und ein Kissen unter den Rücken schiebt. Daniela nennt es Lagerungskissen, und es muss sein, damit ich keine Wunden bekomme. Auch die frühe Morgenstunde wäre kein schlechter Zeitpunkt zum ewigen Einschlafen: Da kommt Daniela noch ein Mal zu mir. Sie sieht sehr müde und blass aus, unter ihren Augen liegen dunkle Ringe. Ich denke daran, dass ich nach meinem Tod dem lieben Gott direkt folgende Bitte vortrage: „Lieber Gott, beschütze Daniela, lass sie viel Freude erleben, lass sie weiterhin so ein wunderbarer Mensch sein, wie sie es jetzt ist.“ Ich werde auch den lieben Gott bitten, meine Nachbarin im Zimmer gegenüber zu erlösen. Frau Laub tut mir so leid. Ihr Verstand ist tot, sie sagt kein Wort, und wenn sie am Tage im Liegestuhl in den Gemeinschaftsraum  gebracht wird, kommt oft ein lautes Grunzen von ihr. Ich habe gehört, wie an meinem letzten Abend Herr Althof, der ständig hin und her auf dem Flur rennt oder in fremde Zimmer geht, ihr direkt ins Ohr brüllte, als sie besonders laut grunzte: „Halt die Klappe, du blöde Sau!“ Ich schäme mich sehr, ich habe nichts getan, um ihr zu helfen. Ich hatte Angst. Und Herr Althof wusste nicht, was er macht, er ist dement.“ Annemarie Stiels Seele hielt inne und setzte nach einer Weile fort: „Ich dachte daran, wie spät es wohl sein könnte? Vielleich kurz vor Mitternacht? Daniela kommt bestimmt gleich zu mir! Und in der Tat, die Tür geht auf und ich rufe fröhlich: „Daniela, kommen Sie herein, ich schlafe nicht!“ Aber das ist nicht Daniela. Es ist ein Mann! Ich schreie erschrocken: „Herr Althof, das ist nicht Ihr Zimmer! Gehen Sie, bitte!“ Ich war zu laut! Er eilt zu mir und brüllt: „Halt die Klappe, du blöde Sau!“ Er greift nach dem Lagerungskissen, und drückt es auf mein Gesicht. Als meine Seele den leblosen Körper verließ, kam Daniela ins Zimmer: „Frau Stiel, ich bin`s, nicht erschrecken!“ Leise trat sie ans Bett, beugte sich über meine irdische Hülle und wartete auf ein Atemgeräusch. Sie rief laut meinen Namen, berührte meine Schulter, fühlte den Puls. Es gab kein Lebenszeichen. Wie ein letzter Gruß liebkoste mich Danielas Gebet: „Vater unser im Himmel…“
Annemarie Stiels Seele hatte alles mitgeteilt und schwieg. „Ja, niemand weiß, dass Herr Althof jetzt im Zimmer von Frau Laub ist. Bis auf Daniela.“ Tröstend umarmte die erste Seele die zweite und flog mit ihr davon.
Daniela sprang vom Stuhl auf, sie war hellwach und schrie laut: „Irene, wir müssen zu Frau Laub! Schnell!“ Als sie die Tür aufrissen, sahen sie Herrn Althof mit einem Kissen in den Händen am Bett von Frau Laub stehen.

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U20 - Ü60 - So wollen wir zusammen leben
Einsendeschluss! Nun werden die Texte gezählt, gesichtet, sortiert, gestapelt und veröffentlicht. Und während die Jury liest, könnt ihr den Publikumspreis per Voting ermitteln!

Bitte lesen!!!: Teilnahmebedingungen

Die Jury

Schöne Preise für die schönsten Einsendungen

Worum geht es im "Wissenschaftsjahr 2013 - Die demografische Chance"?

Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"
Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: von Margarete Weiß, 60 Jahre
 
 
Frau vor Einsen und Nullen
 

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