Meine Vision

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

Mit achtzig Jahren habe ich Visionen. Ich möchte so leben, dass erfinderische Freude und kreative Lust meinen Alltag bestimmen.

Achtung, ich versuch es jetzt. Ich zähle nach der "Silva-Methode" langsam von zehn bis eins rückwärts, wobei ich in einen meditativen Zustand gerate. Jetzt steht mir alles zur Verfügung, worauf ich Lust habe. Also beame ich mich mit Leichtigkeit in den Stängel des Rosenstocks auf dem Balkon. Schon befinde ich mich in meinem Labor mit allen Möglichkeiten für meine Phantasie. Ich stehe in einem runden Raum, von Glasfenstern umgeben, die mir eine weite Aussicht auf das Meer gewähren. Ich lehne mich ganz bequem in einen Sessel, den ich schon beim vorigen Besuch erschuf. Langsam dreht er sich, so dass sich der Ausblick ständig ändert. Ich genieße das bewegte Wasser. Dabei verspüre ich Durst. Ein Knopfdruck genügt und mein Lieblingsgetränk steht auf einem niedrigen Tischchen neben mir. Welch ein Genuss, frischer Mango Saft.

Als ich wieder hinaus schaue, erblicke ich den Strand mit Muscheln auf weißem Sand, dahinter die Dünen, hohe Gräser - leicht vom Wind bewegt. Ich wünsche mich dorthin, und schon fühle ich kühlen Sand unter meinen nackten Sohlen und strecke mich wohlig in die Sonne. Jetzt hätte ich gerne Gesellschaft, ich fühle mich ganz allein und male mir genau aus, wer mich begleiten könnte. Schon steht ein junger, schöner, strammer Mann mit einem Lächeln vor mir und schaut mich strahlend an. Hallo, Leander, sei mir willkommen, ich bin Ilse. Wollen wir ein wenig laufen, ich brauche etwas Bewegung.

Sogleich patschen wir lachend durch das schäumende Wasser am Ufer. Es geht ohne Anstrengung, leicht und locker, wir fassen uns an den Händen, komm wir fliegen rufe ich, mit einem kleinen Schwung erheben wir uns vom Boden und gleiten im Fluge über das flache Wasser. Ich spüre, wie mich die jugendliche Kraft an meiner Seite ansteckt. Sieh dort, der Leuchtturm, wir fliegen hin und landen darauf, schlage ich vor. Nicht lange darauf stehen wir auf der Balustrade, die rings um den Turm verläuft. Von hier können wir sehr weit über das Meer sehen. Schau, ein weißes Schiff auf hohen Wellen. Ich erkenne sogar Möwen, die es umrunden. Übrigens, wir könnten hier oben eine Kleinigkeit essen. Bemerkt er. Wir überlegen, worauf wir Appetit haben, und dann brauchen wir unsere Bestellung nur noch in den Wind zu rufen, sofort erscheint ein gedeckter Tisch. Fröhlich plaudernd genießen wir die Mahlzeit. Eine Weile bleiben wir gemütlich sitzen, und ich erzähle aus meinem langen Leben. Mit Interesse lauscht mein Zuhörer und fragt immer wieder nach. Er staunt darüber, wie ein Mensch so viele Stolpersteine im Leben überwinden kann. Wir erfreuen uns an der Nähe zwischen uns.

Dann verspüren wir Lust auf Neues. Wie wär es mit einem Trip in die Unterwasserwelt in der Karibik? fragt mein Freund. Ja, eine tolle Idee. Rufe ich begeistert. Wir schließen kurz die Augen, und schon sitzen wir in einer Taucherglocke und sinken gemächlich im Ozean tiefer und tiefer. Wir können uns nicht satt sehen an all den wunderlichen Geschöpfen, die sich im tiefen Wasser tummeln. Leander rückt näher und legt seinen Arm um mich, ich nicke ihm lächelnd zu. Diese vertraute Geste gefällt mir sehr. Viele der Tiere kenne ich gar nicht, schau nur diese herrlich leuchtenden Farben und so unterschiedliche Formen, das sind gar keine Fische hier unten. Staune ich. Da neigt er sich zu mir und küsst mich leicht auf die Wange. Wir schauen uns lächelnd an. Da entdecken wir rötlich schimmernde Korallen und einigen uns, die Schutzkapsel zu verlassen. Jetzt geht es schwimmend zwischen den herrlichen Korallenbänken hindurch. Wir sind freudig erregt und lassen uns treiben und genießen unser gemeinsames Erlebnis. Erst als wir zu frieren beginnen, beamen wir uns in einen Wellness Bereich. Hier wärmen wir uns zuerst im Sprudelbad auf. Es folgen Sauna mit viel Abwechslung und Spaß, danach eine wohlige Massage. Mit großem Appetit gönnen wir uns ein leckeres Abendbrot.

Erst gegen Abend kehren wir zurück in mein Labor, wir ruhen gemeinsam auf einer breiten, weichen Liege, die ich schnell kreiere. Kuschelnd tauschen wir unsere Gedanken aus, plaudern über all die Schönheit der Natur und die Leichtigkeit des Seins und sind dankbar für diesen schönen gemeinsamen Tag. Wir freuen uns, dass wir so leicht all unsere Ideen verwirklichen konnten und fühlen uns frei, ungebunden und leicht, ich genieße die Gesellschaft dieses jungen, fantasievollen, liebevollen Freundes. Am Ende dieses Wassertages verabschieden wir uns mit einer herzlichen Umarmung. Ich weiß, Leander wird gleich in seinem Bett aus einem schönen Traum erwachen.

Beim glühend roten Sonnenuntergang kehre ich glücklich durch den Stängel des Rosenstocks auf meinen Balkon zurück in die Wirklichkeit, ich zähle langsam von eins bis fünf. Und fühle mich ganz wach, erfrischt und bin wieder zu Hause. Ich nehme mir vor: Den Leander wünsch ich mir auf jeden Fall wieder als Begleiter. Ich will ihn besser kennenlernen. Es gibt so viel, was ich mit ihm erleben und unternehmen will. Die ganze Welt steht uns offen, Berge, Wasserfälle oder glitzernde Salzhöhlen. Wir könnten einen indischen Meister besuchen, um ihn zu befragen nach Gott oder nach einem Leben nach dem Tod. Aber wir können uns auch von unserer Erde lösen und auf den Mond beamen, oder in der Galaxie nach außerirdischem Leben suchen. Uns sind keine Grenzen gesetzt. Für das Spannendste halte ich jedoch die Gespräche mit Leander. Ich bin neugierig, die Meinung eines jungen Mannes zu erforschen. Was denkt einer aus meiner Enkelgeneration über den Zustand unserer Erde, über die Ökologie, die Weltlage, die Ethik der heutigen Menschen. Wie stellt er sich seine und die Zukunft der Erde vor, was denkt er über die Spiritualität. Ich möchte so viel erfahren. Ich lebe aus der Fülle und das macht mich glücklich.

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U20 - Ü60 - So wollen wir zusammen leben
Einsendeschluss! Nun werden die Texte gezählt, gesichtet, sortiert, gestapelt und veröffentlicht. Und während die Jury liest, könnt ihr den Publikumspreis per Voting ermitteln!

Bitte lesen!!!: Teilnahmebedingungen

Die Jury

Schöne Preise für die schönsten Einsendungen

Worum geht es im "Wissenschaftsjahr 2013 - Die demografische Chance"?

Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"
Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: Ilse Lehmann
 
 
 

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