Verjüngungskur

Einsendung zum Wettbewerb U 20 - Ü 60

*-August-*
Sie hat blendend weiße Zähne, blondes, fein gelocktes Haar und dunkelbraune, mandelförmige Augen. Die Augenbrauen sind ebenso dunkel nachgezogen, ihre Lider gefärbt mit tiefgrauem Lidschatten, den der Lidstrich abrundet. Magdalena ist 65 und bereit zu zeigen, dass man auch mit 50+ noch etwas aus sich machen kann. Dabei scheut sie sich nicht in ihrer unverblümten Art von Zahn-OPS zu erzählen, die diesem Lächeln zuvor lagen, nur um dann unverschämt laut zu lachen. Wozu sind sie denn sonst da, die neuen Zähne? Und sie weiß, wie viel mehr Vertrauen es schafft, wenn man von seinen Schwächen erzählt, sich verletzlich zeigt. Das hat sie von ihrer Enkelin Ava. Ava, was für ein neumodischer Name. Aber eben auch ein Hinweis auf den querdenkenden Geist ihrer Enkeltochter – und auf die Eigenwilligkeit ihrer Tochter Hildegard. Und zusammen mit dem Geschäftssinn ihres 12 Jahre jüngeren Mannes und Witzboldes Pedro hat sie dann diese Sache, die eigentlich nur ein Gedankenspiel war, umgesetzt. Eine Schminkschule und Kosmetikberatung für Senioren. Heute ist Tag 2. Und er ist keinesfalls einfacher als der erste. Gott, sind die Damen verklemmt. Man könnte doch wohl annehmen, auf ihrem Lebensweg hätten sie sich weitaus größeren Überwindungen stellen müssen als der Aussicht auf ein bisschen Make-Up im Gesicht! Sie kann die Jugend verstehen, wenn sie die Alten als langweilig abstempelt. Doch wo waren sie angelangt, wenn selbst sie das so sieht, als Altersgenossin? Magdalena beißt die Zähne zusammen, entspannt die Falten in ihrem Gesicht mit einem Lächeln und denkt an den Satz, den ihr Sohn Richard immer zitiert: „Du kannst die Menschen nicht ändern, aber du kannst ändern, wie du mit ihnen umgehst.“ Zeit, in die Trickkiste zu greifen. So machen das doch alle, egal in welchem Alter. „Nun.“ Die Damen schrecken hoch, als hätten sie nicht damit gerechnet, dass hier auch Kommunikation betrieben wird. Als wäre das Ganze hier nur etwas sehr Oberflächliches. Daran merkt sie, sie muss den Hintergrund dieses Projektes beleuchten. „ Lassen Sie mich erklären, weshalb es mir so wichtig ist, mit diesen Farben und Texturen in ihrem Gesicht herum zu experimentieren. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, verehrte Damen. Aber ich übte in jungen Jahren einen Beruf aus, der mich erfüllte. Einen Kosmetiksalon im Osten, in der DDR. Können Sie sich vorstellen, wie schwierig damals diese Selbständigkeit war? Dann kam die Wende, dann kam der berufliche Erfolg meines Mannes, eine Familie, kaum Zeit für mich, keine Verwendung mehr für mein Medizinpädagogikstudium.“ Die Frauen glubschen sie skeptisch an. „ Kosmetikartikel können etwas Ästhetisches sein in einem Alltag von Waschen, Kochen und Lesen. Überhaupt können sie einem ein seriöses, frisches Abbild verschaffen, und mit diesem kommt das Selbstbewusstsein. Ich spreche aus jüngster Erfahrung. Und mit dieser ausgestattet, habe ich beschlossen, wieder das aufzugreifen, was meine Leidenschaft war. Wie geht es denn Ihnen mit der Tatsache, dass diese Gesellschaft kaum noch Jobs anbietet, die unserer Generation würdig sind? Dass man mit Erreichen der 65+ Grenze irgendwie nutzlos ist, aber eigentlich noch fit? Vielleicht sehen Sie dieses Schminkzeugs als unnötig an. Aber für mich ist es die einzig sinnvolle Aufgabe momentan, mein Stück Unabhängigkeit. Wenn Sie hier nie wieder herkommen wollen, dann zwingt sie keiner. Aber geben Sie mir eine Chance.“ Blicke werden getauscht. „Aber wehe“, sagt Rosalie, „ mein Make-Up verläuft oder stört beim Wirtschaften!“. Ab nun sind dies keine Damen mehr, sondern Magdalenas Ladys.

*-September-*
„Ich helfe dir“. Magdalena hat das nicht erwartet. Zwar haben sie und Ava ein inniges Verhältnis, aber Ava ist wohl eine Jugendliche, die man als typisch egoistisch, naiv und faul bezeichnen würde. Später wird Magdalena deutlich, dass man das auch abmildern kann in etwas taktlos, ziemlich idealistisch und nutzungsorientiert. Ein kleiner, aber beachtlicher Kreis an Interessierten hat sich etabliert. Aber alte Haut benötigt gute Produkte, viel Aufmerksam- und Feinfühligkeit. Und alte Geschichten gute Ohren. Und all dies gleichzeitig kann selbst Magdalena nicht zu Stande bringen. Eine Stimme, die nicht ihr gehört, murmelt, es sei ein irrationales Wagnis. Ihr Herz dagegen brüllt: Unmöglich ist nur, was wir für unmöglich halten. Oder andere. Weiß sie denn etwas über Avas Leben? „Was machst du gerne?“ „ Na momentan Ausbildung  als PR-Assistentin. Und schreiben als Redakteurin. Und singen, das auch.“ Traurig, dass sie eben noch meinte, eine enge Beziehung zu haben, und nun erfährt, was ihre Enkelin alles zu Stande bringt, ohne ihre Kenntnisnahme. „Ich brauche Werbung. Werbung für Fachkräfte, Werbung für Sponsoren, und am besten fängst du an, über uns zu berichten. Eure Medien da, die sind nichts für mich, aber du kannst mit den umgehen?“. Ava lächelt nur.“ Ach, und Schätzchen. Überrede deine Mutter, wieder Füße zu massieren. Sie war ein Naturtalent.“ „ Sie wird vielleicht an meinen Füßen zeigen wie das geht. Familienfremde Füße fasst sie nicht mehr an!“ Der Kompromiss könnte funktionieren. Der Stamm der Ladys will sich neuerdings eh selbständiger pflegen. „Wir müssen aber auch ein bisschen Show bieten.“ „Na, ich kann singen und so tun, als wäre ich Arielle“ „Lieber Dolly Parton“. Magda und Ava lachen. Dass sie Dolly Parton kennt, erstaunt Magdalena. Doch anscheinend steckt auch in Ava eine Vorreiterin ihrer Zeit. Allgemein, wie eine ganze Familie ein Projekt über einen beachtlichen Zeitraum in einer irren Zeit aufbauen kann. Das erfüllt Magdalena mit kindlichem Staunen.

*-Januar-*
Was danach passiert, lässt nicht nur sie auf ein Miteinander der Generationen hoffen. Ava engagiert sich für ein Spezial in einem Magazin, welches ein paar der Ladys als Models für die Kategorie Make-Up-Tools bucht. Die Leserbriefe sind rührend, als hätte man auf ein Zeichen gegen den Jugendwahn gewartet. Die Stammkundinnen lassen sich ausbilden und managen mit. Magda kriegt die lang ersehnte Anerkennung von Pedro. Richard hat zwar als Anwalt des Ladens noch nichts zu tun, aber immerhin eine edle Visitenkarte. Und wegen Hildegard, ihrer Tochter, braucht die Straße, in dem der Laden haust, keine Entertainerin mehr.

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U20 - Ü60 - So wollen wir zusammen leben

*Einsendeschluss!* Nun werden die Texte gezählt, gesichtet, sortiert, gestapelt und veröffentlicht. Und während die Jury liest, könnt ihr den Publikumspreis per Voting ermitteln!

*Bitte lesen!!!*: Teilnahmebedingungen

Die Jury

Schöne Preise für die schönsten Einsendungen

Worum geht es im "Wissenschaftsjahr 2013 - Die demografische Chance"?

Die Siegerehrung zum Wettbewerb "U20-Ü60"

Es war schwer, aber die Jury hat entschieden...

Autorin / Autor: Genna