Vom Gymnasium könnten noch viel mehr Kinder profitieren
Bildungs-Studie: Frühzeitige Weichenstellung bei den Schulformen führt zu Benachteiligungen
Wer die Chance hat, ein Gymnasiums besuchen zu können, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bessere schulische Leistungen erbringen und eher auf die Idee kommen, zu studieren - unabhängig vom sozialen Hintergrund oder bisherigen Noten. Das ergab eine aktuelle Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Kinder aus benachteiligten Familien haben allerdings seltener die Möglichkeit, nach der Grundschule aufs Gymnasium zu wechseln. Und damit werden sie schon frühzeitig benachteiligt, obwohl sie davon profitieren könnten.
„Leistungsschwächere oder sozial benachteiligte Kinder profitieren vom Besuch eines höheren Bildungsgangs – und zwar in gleichem Maße wie leistungsstärkere oder privilegierte Schülerinnen und Schüler“, erklärt ZEW-Ökonomin Sarah McNamara, Ko-Autorin der Studie: „Es sind also nicht mangelnde Fähigkeiten, sondern der erschwerte Zugang, der bestehende Bildungsungleichheiten verfestigt.“ Prof. Dr. Thilo Klein, ebenfalls Ko-Autor und Ökonom ergänzt, dass die Studie die generelle Annahme infragestelle, dass strikte Leistungsgruppierungen notwendig seien, um Leistungsstarke voranzubringen.
McNamara schließt daraus, es sei wichtig, bei der Entscheidung über den Schulweg nicht nur Noten und Lehrerempfehlungen zu berücksichtigen, sondern auch Motivation, Durchhaltevermögen und soziales Verhalten. "Mehr Flexibilität beim Übergang zwischen Schulformen und ein höheres Alter bei der Einteilung könnten die Chancengleichheit verbessern, ohne die Leistungsfähigkeit des Schulsystems zu gefährden.“
Die Studie basiert zwar auf ungarischen Schuldaten; dennoch könnten die Ergebnisse auch auf Deutschland übertragen werden, so die Autor:innen.
Weichenstellung ist zu früh
In Deutschland erfolgt die Zuweisung in unterschiedliche Schulformen schomn mit zehn Jahren. Im internationalen Vergleich ist das sehr früh. Die ungarischen Daten zeigen, dass Schüler:innen im höheren Bildungsgang – unabhängig von Geschlecht, Herkunft und bisherigen Leistungen – deutlich bessere Ergebnisse in standardisierten Mathematik- und Lesetests erzielen. Besonders Mädchen und Schüler:innen mit niedrigerem sozioökonomischem Status profitieren davon. Zudem zeigt sich, dass der Zugang zum höheren Schulzweig sozial ungleich verteilt ist. So steigt die Bildungsungleichheit zwei Jahre nach der Einteilung weiter an, obwohl alle Gruppen vom Gymnasialbesuch profitieren würden.
Verhalten hat mehr Einfluss als Leistungswerte
Die Analyse hinterfragt auch die bisherige Rechtfertigung für eine strikte Einteilung nach Leistung: Die vermuteten positiven Effekte gleicher Lerngruppen durch leistungsstarke Mitschüler:innen lassen sich kaum nachweisen. Vielmehr zeigt sich, dass das Verhalten der Klassenkamerad:innen einen deutlich stärkeren Einfluss hat. Gut integrierte und motivierte Schüler:innen fördern das Lernumfeld stärker als ihre reinen Leistungswerte.
Die repräsentative Studie basiert auf ungarischen Zulassungsdaten von unterschiedlichen Schulzweigen. Dabei wurden die Daten von Schüler:innen untersucht, die in der jeweiligen Schule knapp in den höchsten, bzw. nicht in den höchsten Schulzweig aufgenommen wurden und somit ein vergleichbares Leistungsniveau als Ausgangsbasis besitzen.
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion