Traumjob Filmemacher

Ein Interview von Tina Groll mit Deepak Dwivedi

Mann hinter Kamera

*Was arbeitest du?*
Ich bin Film-Direktor, also Filmemacher.

*Wie ist es, in Bollywood zu arbeiten - und zu leben?*
Ich lebe und arbeite seit über sechs Jahren in Bombay und in der Hindi Film Industrie, wie Bollywood auch oft bezeichnet wird. Es ist schon schwer, einen Job in den großen Studios zu ergattern. Aber irgendwie ist es auch leicht: Wenn man die richtigen Leute kennt. Doch die Konkurrenz ist groß. Hier gibt es viele gute Filmemacher, die hervorragende Referenzen haben. Ich hatte einfach Glück.

*Wie funktioniert Bollywood - und wo sind die Unterschiede zu Hollywood?*
Die Filmindustrie in Indien funktioniert nach ihren eigenen Regeln. Erst seit wenigen Jahren gibt es hier Filmstudios, die mit sehr viel Geld ähnlich arbeiten wie die in Hollywood. Traditionell gab es solche großen Film-Konzerne nie. Stattdessen gibt es "shooting floors". Das sind kleine Studios, die für Dreharbeiten an kleine Produktionsfirmen oder Filmteams vermietet werden. Diese Teams oder Firmen werden alle unabhängig gemanagt  - meist von einer Person allein oder einer kleinen Gruppe von Geschäftspartnern. Das sind individuelle Produzenten, mit wenig Geld. Mittlerweile haben sich viele dieser Filmemacher zu großen Unternehmen zusammengeschlossen, die auch ihre eigenen Studios betreiben. Hier in Bombay gibt es zum Beispiel "Filmistan", "Mehboob Studio", "RK Studio", in Hyderabad das "Ramoji Film Studio" und die "Nioda Film City" in Dehli.
Gleichzeitig gibt es weiterhin die kleinen Companys, die erst mal einen Film gemeinsam machen. Wenn der erfolgreich war, werden weitere Filme produziert und man bleibt als Company zusammen. Aber Nachwuchstalente haben so gut wie keine Chance, in die Company einzusteigen. Alles läuft sehr individuell und unorganisiert ab. In Hollywood ist alles organisierter, da geht es auch um das große Geld. Wer hier einen Film macht, geht volles Risiko ein, aber hat auch die Freiheit, das irgendwie zu realisieren.

*Wie macht man in Bollywood Karriere?*
Man braucht vor allem Beziehungen. Es ist sehr schwer, einen Fuß in die Tür zu bekommen, weil die Produzenten und Direktoren kaum nach Nachwuchs-Talenten suchen. Erst seit kurzem gibt es große Produzenten, die mit ihren großen Studios an mehr als nur einem Film gleichzeitig arbeiten. Sie suchen nach frischen Talenten - und da gibt es echte Karrierechancen. Einige Namen dieser großen, jungen Unternehmen sind beispielsweise Yash Chopras Company YashRaj Films oder auch Sahara Motion Pictures und Entertainment One.

*Wie hast du Karriere gemacht?*
(lacht) Ich mache sie noch. Ich drehe vor allem meine eigenen Independent-Filme, von denen noch keiner außerhalb Indiens zu sehen war. Den Einstieg ins Filmgeschäft verdanke ich reinem Zufall. Als ich den Job in der Filmindustrie angeboten bekam, habe ich im letzten Jahr studiert und arbeitete als freier Journalist und Fotograf für eine lokale Tageszeitung. Damals wurde ein Film direkt neben meinem College gedreht und ich habe einen Artikel über das Team geschrieben. Irgendwie haben wir uns angefreundet und ich habe einfach mal so Anregungen für den Film gegeben. Das war mitten während der Dreharbeiten. Der Direktor fand meine Ideen gut und schlug mir vor, gemeinsam mit ihm zu arbeiten. Plötzlich war ich sein Assistent.

*Hast du denn immer davon geträumt, in Bollywood zu arbeiten?*
Schon als Kind habe ich mir begeistert Filme angesehen und meiner Mutter stundenlang erzählt, was man hätte besser machen können. Aber als ich heranwuchs, habe ich mir den Traum aus dem Kopf geschlagen, weil ich wusste, dass ich es ohne Kontakte nie schaffen würde. Denn ich wuchs fern von Bombay und einem Film-Studio auf. Aber als ich dann das Assistenten-Angebot erhielt, ließ ich alles andere auf der Stelle liege. Ich kündigte meinen Nebenjob bei der Zeitung und brach mein Studium ab.

*Warst du schon mal in Hollywood? Könntest du dir vorstellen, dort zu arbeiten?*
Ich war noch nie in den USA. Ich bevorzuge Bollywood und die Unabhängigkeit, die es mir bietet. Hier kann ich meine Filme in meiner Weise machen. Außerdem liebe ich Bombay. Ich finde auch, dass man Bollywood nicht mit Hollywood vergleichen sollte. Es sind zwei völlig unterschiedliche Industrien, die beide gute und schlechte Filme produzieren. Meiner Meinung nach ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis die indische Filmindustrie genauso geschätzt wird, wie die amerikanische. Hollywood ist Bollywood nicht überlegen, noch machen die Amerikaner bessere Filme.

Dreharbeiten

*Was schätzt du an deiner Arbeit?*
Wenn man sich diesen furchtbar unorganisierten Platz mit absolut keiner Job-Garantie anschaut, könnte man Panik bekommen. Jeder Schritt hier ist eine große Herausforderung, aber jeder Erfolg ist ein großer Triumph. Ich mag dieses Risiko. Du lebst sozusagen auf einer Klippe, von der du eine wahnsinnige Aussicht hast - aber eben auch jeden Moment abstürzen kannst. Das ist aufregend.

*Triffst du täglich berühmte Schauspieler?*
Ja, natürlich. Das ist mein Job. So aufregend ist das aber nicht.

*Sind die Leute beeindruckt, wenn sie erfahren, dass du ein Bollywood-Filmemache bist?*
Ja, die Leute quetschen mich förmlich aus. Das ist Indien. Filme schauen ist hier der wohl beliebteste Zeitvertreib. Aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie sehr die Leute wirklich beeindruckt sind. Viele Inder halten Ärzte und Ingenieure für die für die Gesellschaft wichtigeren Menschen. Gute Menschen arbeiten nicht im Kino - und ich habe mein Ingenieurs-Studium dafür abgebrochen. Es gibt also durchaus geteilte Reaktionen.

*Zeigen Bollywood-Filme denn ein realistisches Bild von Indien?*
Ja, absolut. Die indische Filmindustrie repräsentiert Indien in der Welt. Mein Land hat eine Vielfalt von Orten, Kulturen, Sprachen, Religionen, wie sie weltweit einmalig ist. Wenn man allerdings erwartet, von einem Bollywood-Movies ein realistisches Bild von einem ganzen Subkontinent zu erhalten, ist das sehr unwahrscheinlich. Indien befindet sich derzeit in einem kulturellen Umbruch. Es verändert sich sehr stark, das spiegelt sich auch in den Filmen wieder. Natürlich tanzen und singen wir Inder nicht ständig auf der Straße herum, auch wenn das die Filme vermitteln können. Das ist eher ein Kunstgriff, der unsere Kultur widerspiegelt.

*Vielen Dank für das Interview!*

Autorin / Autor: Tina Groll - Stand: 15. August 2006