Exoplanet 42

Wettbewerbsbeitrag von Jonathan Rick, 23 Jahre

Wie ein geplatzter Traum, von dem sie nicht gewagt hätte, ihn jemals überhaupt träumen zu dürfen, hatte sich die Ablehnung ihres Antrages für den Einsatz eines Weltraumroboters angefühlt. Und jetzt saß Sie selbst in einem eigenem entworfenem Raumträger, gesponsort von einem milliardenschweren Space Unternehmen, gestartet von der Erde und auf dem Weg zum ersten Skyhook, dessen Einsatz eine neue Zeitwende in der Reise durchs All aufgebrochen hat. Sie hatte es erst selbst nicht für möglich gehalten. Doch diese Technik war revolutionär. Sie erinnerte sich noch genau an die Worte von Dr. Struck.
Stellen Sie sich den Skyhook wie ein riesiges Seil im All mit einem Gewicht vor, das so schnell rotiert, dass wenn ein Raumschiff andockt, es mit einer unglaublichen Geschwindigkeit von dem Seil durchs All an sein Ziel geschossen wird. Und das alles ohne viel Treibstoffaufwand und mit viel mehr Platz an Bord als bei einer mit Treibstoff vollgestopften Rakete.

Ihr Raumträger stieg immer weiter hoch in der Erdatmosphäre. In nur wenigen Sekunden würde sie die Thermospähre erreichen und als erster Mensch, als erste Frau an den Skyhook andocken, der sie in die Unendlichkeit des Alls schleudern würde. Ihr Herz pochte, ihre Stirn schwitzte. Warum hab ich hier drin eigentlich keine Klimaanlage einbauen lassen, fragte sie sich und schaute über die vielen Knöpfe.
Und für ein Augenzwinkern sah sie ihn, den Skyhook, mit seinen 20.000 km/h. 30 Sekunden betrug ihre Zeitspanne zum Andocken. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie schloss die Augen, ihre Hände zitterten und sie versuchte sich auf ihre Ausbildung zu konzentrieren. Dann hörte sie einen stumpfen Schlag auf die Hülle des Raumträgers prallen und eine Kraftwelle zog ihren festgeschnallten Körper in den Sitz. Wie ein senkrechter Start in einem Flugzeug, nur viel kraftvoller wurde sie in ihren Sitz gepresst. Sie riss die Augen auf und ließ ihren Blick durch die Dunkelheit kreisen. Nur ein paar Lichter funkelten in ihrem Cockpit. Jetzt war sie im All. Bisher bestand die ganze Mission nur aus tausend Berechnungen auf Papier, aber das war greifbar. Noch nie hatte jemand einen vergleichbaren Versuch gewagt. Ihr Bauch kribbelte vor Freude, ihr Herz machte einen Sprung. Die Kraft der Geschwindigkeit drückte sie noch fester in den Sitz, so dass sie nicht einmal einen Finger heben konnte. Sie versuchte sich wieder zu entspannen und musste an den Morgen denken, als die Messwerte vom Exoplanet 42 an der Universität eintrafen. Ein Schmunzeln macht sich auf ihren Lippen breit. Sie hörte ihre eigene Stimme.

Die Werte vom Teleskop, sie sind endlich da. Merle hielt das Tablet in ihrer Hand in seine Richtung. Ein Glitzern erhellte die müden Augen des Professors.
Dann hoffe ich, sie haben auch die Auswertungen…
Natürlich Professor, unterbrach sie ihn.
Er musste schmunzeln, auch wenn er es nicht mochte unterbrochen zu werden. Seine Augen scrollten am Bildschirm nach unten.
Exoplanet 42, sagte sie.
Er warf seiner Doktorandin einen fragenden Blick zu und widmete sich dann wieder dem Bildschirm. Erneut schaute er kurz zu ihr auf.
Gase? Murmelte er.
Ja genau.
Ich dachte, Exoplanet 42 tot?
Bei den letzten Messungen zu Folge war er das auch noch, stimmte sie ihm zu.
Der Professor legte das Tablet auf den Tisch, um ihren Worten zu folgen.
Scheinbar hat sich die ganze Atmosphäre des Planeten geändert, fuhr sie fort.
Sowie die Oberflächenstruktur. Als hätte jemand den Lichtschalter fürs Leben auf diesem Planten angeschaltet.
Das ist unmöglich, stieß er hervor und ließ sich in seinen Sessel fallen.
Die Messungen sind fehlerfrei. Das wurde uns mehrmals bestätigt.
Er nahm sich wieder das Tablet und begutachtete die Werte erneut.
Die letzte Aufzeichnung ist über 15 Jahre her, murmelte er. In der Zeit kann dort oben so einiges passiert sein.
Also kann es sein, dass sich die Atmosphäre des Planeten auf unerklärliche Weise von einer Sekunde auf die nächste durch irgendeine uns noch nicht bekannte chemischen Reaktion verändert hat…, fasste der Professor zusammen.
Merle nickte und ihre Fantasie träumte vom Exoplanet 42.

Ein stumpfes Pfeifen riss Merle aus ihren Gedanken wieder ins Hier und Jetzt des Alls. Sie schaute auf den Monitor, das Pfeifen verstummte. Der Raumträger verlor an Geschwindigkeit. Merle schaute auf die Uhr. Zu früh, um langsamer zu werden, stutzte sie. In Kürze sollte sie den um den Mars rotierenden Skyhook erreichen, der sie nach dem Andocken mit Beschleunigung raus aus dem Sonnensystem befördern sollte. Sie wurde nervös. Ein paar Abweichungen wurden zwar in die Berechnungen mit einkalkuliert, aber trotzdem wäre eine zu geringe Geschwindigkeit fatal. Im schlimmsten Fall würde sie das Zeitfenster verpassen, um an dem Skyhook des Mars anzudocken. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass diese Abweichung nicht größer wurde. Ihre Anspannung stieg, Sie war nie klaustrophobisch veranlagt gewesen und doch erschien ihr der Platz im Cockpit immer kleiner zu werden. Dass sie immer noch bewegungsunfähig in den Sitz gedrückt wurde, machte es nicht besser. Im Gegenteil, es fütterte die Angst, dieses Cockpit nicht mehr lebend zu verlassen. Um sie herum erstreckte sich immer noch die Dunkelheit. Schon seit ihrem ersten Schritt in der Wissenschaft wollte sie irgendwann als Wissenschaftlerin einen neuen Weg als erste Frau betreten. Und genau so ein Schritt war das heute. Dieser Gedanke gab ihr Kraft.

Merle schaute auf den Monitor. Jeden Moment müsste sie den Skyhook passieren. Sie schloss ihre Augen. Nichts geschah. Ihr Herz klopfte in der Brust. Hatte sie ihn verpasst? Würde sie nicht andocken und vorbeifliegen, könnte sie für unbestimmte Zeit im All verschwinden. Eine Rakete brauchte Monate, um hier her zu kommen. Merle wollte sich gerade in Gedanken verlieren, als ein Knall durchs Cockpit schallte und ihr Raumträger spürbar an Geschwindigkeit aufnahm. Die Kraft, die sie in den Sitz drückte, wurde immer stärker und stärker, so dass sie ihre Augen schloss. Ihr Kopf schmerzte, ihre Muskeln krampften vor Anspannung. Das Cockpit drehte sich in ihrem Kopf wie ein Weltraum Karussell. Sie versuchte den Kopf gerade zu halten, doch ihr Blick wandte sich nach hinten. Ihr wurde schlecht, dann schlief sie ein.
Ein Ruck weckte sie auf. Ihr Nacken schmerzte, ihr Rücken war steif. Sie versuchte, Umrisse zu erkennen, doch es war alles zu verschwommen. Für einen kurzen Moment fragte sie sich, ob sie tot war. Sie schüttelte den Kopf und schloss die Augen, der Bord Computer gab Töne von sich, die man von einem Bord Computer nicht hören wollte. Der Schwindel war verblasst und endlich konnte sie sich wieder bewegen. Sie löste sich aus dem Sitz und versuchte einen Blick aus dem Raumträger zu werfen, doch die Gucklöcher, waren zu demoliert. Der Monitor funkte, …xplanet 42. Sie war gelandet. Auch wenn sie nichts davon mitbekommen hatte. Ihr Mund war trocken. Ihr Herz pochte nur so vor Aufregung. Ohne weiter nachzudenken schlüpfte sie in ihren Sauerstoffanzug und drehte an der Türöffnung. Das Schloss klickte. Sie hatte keine Ahnung, was sie da draußen erwarten würde, doch sie wollte es zu keiner anderen Sekunde mehr herausfinden als in diesem Augenblick. Dann öffnete sie die Lucke, Licht strahlte hinein und blendete sie, so dass sie ihre Augen zusammen kneifen musste. Als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, grinsten sie zwei neugierige blaue Augen an. Und Merle grinste zurück.

Alle Infos

Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

Teilnahmebedingungen

Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

EINSENDUNGEN