Islam in Deutschland

Es gibt nicht "den" Islam. Diese Weltreligion ist genauso vielfältig wie alle anderen auch.

Seit der großen Arbeitsmigration in den 60er Jahren ist der Islam zur drittwichtigsten Religion in Deutschland geworden. Allerdings kann man von "dem" Islam so wenig sprechen, wie das Christentum sich in Katholiken, Protestanten, Orthodoxe und unzählige Splittergruppen unterteilt.

Im Islam gibt es zum Beispiel Sunniten (die breite Mehrzahl, vergleichbar den Katholiken) und Schiiten (gelten durch das blutige Regime im Iran als generell fanatischer und brutaler, was aber nicht zutrifft).

Eine weltoffene, liberale, westlich eingestellte schiitische Minderheit sind die Aleviten, die etwa 30 Prozent der türkischstämmigen Deutschen stellen. Viele der türkischen PolitikerInnen bei den GRÜNEN sind beispielsweise Aleviten.

Der Großteil der Moslems, die in Deutschland leben, haben mit Religion so viel oder so wenig am Hut wie du und ich. Wie die meisten Christen, die nur an hohen Feiertagen in die Kirche gehen und den lieben Gott ansonsten einen guten Mann sein lassen. Sie wollen einfach friedlich leben. Es gibt auch arabischstämmige Atheisten, die von Religion überhaupt nichts halten.

Die Mitte treffen

Es wäre aber auch falsch, fremde Kulturen und Religionen einfach unkritisch zu umarmen, aus purem Trotz gegen Neonazis. Man muss immer genau hinschauen und Generalisierungen auch im Positiven vermeiden.

Fanatische, islamistische Vereinigungen probieren, in ihrer Identität verunsicherte türkische (und andere muslimische) Jugendliche auszunutzen und für sich zu gewinnen, indem sie ihnen Gemeinschaftsgefühl, Freizeitaktivitäten und eine bombensichere Mission verschaffen. Das ist nicht anders als bei den Neonazis.

Einige türkische Dachorganisationen geben sich nach außen hin zwar demokratisch, um in Deutschland Einfluss zu gewinnen, sind jedoch von fanatischen Islamisten unterwandert. Auch sie werden vom Verfassungsschutz genau beobachtet. Außerdem ist geplant, extremistische Moslemgruppen zu verbieten bzw. ihre Arbeit zu erschweren, indem man ihnen nicht mehr das Religionsprivileg gewährt.

Für dich persönlich

Islamistische Fanatiker sind Verbrecher. Punkt. Genauso wie Neonazis oder Christen, die die westliche "Freizügigkeit" bekämpfen (in den USA gibt es zum Beispiel immer wieder Morde von fanatischen "Christen" an ÄrztInnen, die Abtreibungen durchführen).

Wenn du dich gegen solche radikale Islamisten aussprichst, bist du nicht gegen den *Islam als akzeptierte Weltreligion*, sondern bist eben gegen die Minderheit der extremen Fanatisten - und viele Moslems werden mit dir in deiner Ablehnung übereinstimmen.

Islamisten erkennst du beispielsweise daran, dass sie finden, der Koran ersetze das Bürgerliche Gesetzbuch. Außerdem wollen sie die Rechte der Frauen und Mädchen beschneiden (in einigen Ländern auch ihre Klitoris) und diskriminieren andere Glaubensrichtungen. Sie sind gegen jedes "westliche" Vergnügen, also Fernsehen, Popmusik, Disco etc. Vergnügen sollen nur die Männer haben, und da die reichen. Sie sind pompös, kleingeistig und düster. Aber: Solche Typen gibt es auch unter Christen, Juden und Hindus.

Wir finden: Wer wirklich gläubig ist, versucht nicht, anderen seine Meinung und seinen Glauben aufzuzwingen. Wer wirklich an etwas Gutes glaubt, kann Unterschiede zwischen den Menschen als wichtige Vielfalt akzeptieren. Wer an die Menschen glaubt, sucht Verständigung und kapselt sich nicht ab.

Wenn du eine türkische Freundin hast: Sag ihr, sie muss sich zwischen ihrer türkisch-muslimischen Kultur und der westlich-deutschen *nicht* entscheiden! Man kann auch prima dazwischen leben - und sich von beidem das Beste auswählen. Das ist anstrengend und vielleicht ein langer Weg, der Mut und Selbstbewusstsein erfordert, aber es geht. Und: Es ist völlig okay, Spaß haben und sich einfach seines Lebens zu freuen.

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Autorin / Autor: Stephanie Sellier / Redaktion - Stand: 17. September 2001