Einfach alles loslassen

Mein Leben mit der Bulimie

Nahrungsmittel sind für die meisten Menschen ein alltägliches Mittel um am Leben zu bleiben, bei mir war das lange anders, ich habe Essen als meinen Feind gesehen, den ich loswerden musste…...

Eigentlich fing alles schon sehr früh bei mir an, meine Mutter ist etwas kräftiger und hat mir schon immer eingebläut, dass ich aufpassen soll, was ich esse: „Als ich so alt war wie du, war ich auch noch rank und schlank, und in der Pubertät bin ich dann auseinander gegangen“ hat sie immer gesagt. Dünn sein war also schon seit meiner Kindheit sehr wichtig für mich. Die Essstörungen fingen mit 13 Jahren an. Ich kann mich noch genau erinnern, es war auf einem Geburtstag, wir waren im Schwimmbad und einer der Jungen versuchte mich zu ärgern, „Hey, Janina deine Beine schwabbeln ganz schön!“ Ich hätte am liebsten auf der Stelle losgeheult, er hielt mich für dick…zu dick, ich war zu dick, ich musste abnehmen! Also fing ich an zu hungern, mit 13 Jahren, 165cm groß 48 Kilo schwer und ich hörte auf zu essen. Keine Schokolade mehr, keine Pommes, nur Salat und Obst. Das ganze ging bis ich nur noch knapp 42 Kilo wog.

"Streck den Bauch nicht so raus"
Mein damaliger bester Freund (Ex) hat mich damals drauf angesprochen, mich aufgebaut und ich fing wieder an, normal zu essen. Das ganze ging relativ gut, eine ganze Weile lang, ich nahm zu, wuchs noch ein Stück und hielt mein Gewicht. Aber umso mehr ich zunahm, umso schlechter wurde mein Gewissen nach jeder Mahlzeit, ich schämte mich, gegessen zu haben. Natürlich hatten meine Eltern schnell herausgefunden, wo mein wunder Punkt lag, wenn sie mich aufziehen wollten, dann taten sie das mit Sprüchen wie „Streck den Bauch nicht so raus, sonst bekommst du ja nie nen Freund“, „Tja deine Hüften werden auch immer runder“ und „langsam solltest du dir mal nen neuen Rock zulegen, aus dem platzt du ja bald raus“. Ich wehrte dies immer lässig ab, aber innerlich tat es mir (und tut es mir immer noch) unheimlich weh. Ich wollte mich schlagen, kratzen, verletzten, mich bestrafen für das, was ich selber gemacht hatte. Der Speck an den Hüften war schließlich meine Schuld, ich war dran schuld, dass ich hässlich war. Zu diesem Zeitpunkt war ich 16 Jahre alt und wog auf 170 cm 60 Kilo, hatte also Idealgewicht. Es folgten Diäten, bei denen ich ab- und dann wieder zunahm. Nichts half mehr, ich jammerte ständig über meine Figur, und keiner verstand mich.

Das erste Mal
Irgendwann, mir ging es zu dieser Zeit wegen meinem Exfreund nicht sehr gut, übergab ich mich das erste Mal nach dem Essen. Ich stand unter der Dusche und widerte mich selbst so an, dass ich alles loslassen musste, ich steckte mir den Finger in den Hals und der Rest ergibt sich von selbst….. Ich war danach total geschockt von mir selbst, erzählte es außer meiner E-Mail Freundin Tina niemandem. Ich ging davon aus, dass alles nur ein Ausrutscher war und nie wieder vorkommen würde, aber einige Wochen später wiederholte sich der ganze Vorgang. Ich ekelte mich selbst an, hatte dieses unglaublich schwere schlechte Gewissen wegen dem Essen, steckte den Finger in den Hals und ließ einfach alles los. Ich fühlte mich beim Brechen ganz anders als sonst, viel leichter und ich vergaß alles andere. Es kam nun immer öfter, Anfangs nur nach großen Portionen, oder wenn ich etwas extrem Fettes gegessen hatte, später kamen Fressattacken dazu.

...essen so viel man will
Für Außenstehende ist es wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen, aber wenn man weiß, dass man sich nach dem Essen übergeben kann und dann nicht zunehmen KANN, dann weiß man, dass man auch noch mehr essen kann, ohne Folgen, so viel man will. Diese kranken Gedanken (das weiß ich jetzt!) führten zu den Fressattacken. Ich stopfte Wurst, Schokolade, Pizza, Brot, Käse, Joghurt, Pudding, ganze Chipstüten in mich hinein, alles auf ein Mal, tausende von Kalorien innerhalb kürzester Zeit. Nun begann das Schlimmste, das ganze Essen war in mir drin, auf ein Mal kam dieses Gefühl „du wirst zunehmen, du hast das alles gegessen, morgen hängt es wabbelnd an deinen Hüften“, aber alles musste ja erst anverdaut werden, sonst tat es im Hals weh beim ausspucken. Wenn dann alles draußen war, fühlte ich mich wohl, ich weinte zwar immer danach, aber das wurde NORMAL. Meine Eltern bemerkten nichts von alle dem, ich hatte es geschafft, immer so zu brechen, dass mich keiner hörte. Irgendwann beichtete ich es meiner besten Freundin und kurz darauf meinem besten Freund, ich wusste irgendwie schon, dass es falsch war was ich tat. Ich wollte jemanden der mich verstand.

Hilfe im "Schlaraffenland"
Meine beste Freundin war am Boden zerstört, sie hatte nichts geahnt, meinte ich sei KRANK, ich war nicht krank…ich wollte doch nur nicht dick sein. Mein bester Freund wollte mich zum Arzt schicken, aber ich hielt mich nicht für krank. Von nun an erzählte ich alles nur noch meiner E-Mail Freundin, die hielt es natürlich auch nicht für gut, aber sie gab mir wenigstens das Gefühl, verstanden zu werden! Je schlimmer, das Ess-Brechverhalten wurde, desto mehr machte ich mir Gedanken darüber. Ich suchte im Internet nach Hilfe und fand einen Link zum Schlaraffenland Bremen. Dort gab es ein großes Forum von Leuten wie mir, für Leute wie mich, betreut wurde das ganze von Psychologinnen. Die Gespräche mit den anderen Betroffenen halfen mir ungemein. Während den Sommerferien schaffte ich es sogar „clean“ zu bleiben, mir ging es wieder richtig gut, und ich fühlte mich seit langer Zeit wieder wohl in meiner Haut! Doch der Rückfall kam kurz nach Schulbeginn und auch wenn es mir schlecht ging, fand ich im „Schlaraffenland“ Hilfe. Dort lernte ich auch Mädchen namens La  Jolie (die Schöne!) kennen, ihre Ess-Brech Sucht war nicht so ausgeprägt wie meine, aber dafür hielt sie schon seit Jahren an. Mit ihr mailte ich seitenlang. Ich erzählte ihr alles, alle Gefühle die ich mit Nahrung verband.

Ich war wirklich abhängig
Ich stellte fest, dass ich Glücklichsein mit Dünnsein verband. Außerdem fiel mir auf, dass ich wirklich abhängig war, dass ich nicht einfach so aufhören konnte, ich war in einen Teufelskreis geraten, in dem ich nun gefangen war. Langsam wurde es mit der Bulimie immer schlimmer, die FA(Fressattacken) häuften sich, fast jeden Tag stopfte ich mich voll und erbrach danach. Wer denkt, dass ich dadurch viel abnahm, irrt sich jedoch gewaltig. Ich war das perfekte Beispiel eines Bulimie-Kranken, ich war weiblich, jung, hatte Idealgewicht, fühlte mich missverstanden, hässlich, fett und ungeliebt. Ich kann mich an einen Tag besonders gut erinnern, ich hatte eine ganze Tüte Chips gegessen, konnte diese aber aus irgendeinem Grund nicht wieder ausspucken (Wahrscheinlich war meine Speiseröhre mal wieder verätzt gewesen). Vor lauter Panik (ich wollte die Kalorien ja nicht an mich nehmen) rannte ich raus in den Garten und stopfte mir Gras in den Mund und schluckte es. Mein Hund tat dies immer um zu erbrechen und ich dachte, bei mir ginge es vielleicht auch so. Dies brachte nichts, ich flippte völlig aus, mir wurde schwindelig, schwarz vor den Augen, ich musste das Essen loswerden, dann ging ich in die Küche, und trank eine halbe Flasche Sojasoße, mir wurde so fürchterlich schlecht, dass ich sofort alles ausspie. Alles tat weh, das viele Erbrechen hatte mich fertig gemacht, meine Eltern hatten mitbekommen, dass ich brechen musste, ich erzählte ihnen einfach, ich hätte die Chips nicht vertragen. Ich bemerkte selbst, dass ich nahe am Wahnsinn stand und trotzdem, am nächsten Tag ging das Spiel weiter…

Die Erleuchtung
Einige Tage nach meinem Wahnsinnstrip mit Soja und Gras hing ich mal wieder über der Kloschüssel und auf ein Mal wurde mir das klar, was alle anderen schon längst wussten, es war wirklich falsch, was ich da tat. Ich durfte es nicht mehr tun. Es war fast so, als hätte ich mich von außen betrachtet und gesehen, wie jämmerlich ich doch war, zusammengekauert, das Gesicht voller Tränen auf dem Badezimmerboden vor dem Klo sitzend. Auf ein Mal wurde mir alles klar, ich wusste dass ich so nicht mehr weiter leben durfte. Mein Körper war eh nur noch geschwächt, mir war oft schwindelig, mein Hals tat weh und mir platzten ständig Äderchen in den Augen (was besonders schlimm war, rote Augen sind schrecklich!). Von diesem Zeitpunkt der „Erleuchtung“ an, habe ich nie wieder nach dem Essen erbrochen, das schlechte Gewissen ist immer noch da. Ich habe zwei Kilo zugenommen, ich finde mich immer noch viel zu fett, aber ich kotze nicht mehr. Ich bin nicht mehr WAHNSINNIG…

Chosen, 17 Jahre

Links zum Thema Essstörungen findet ihr hier

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Autorin / Autor: chosen@lizzynet.de; Bild: Lizzynet - Stand: 16. Februar 2004
 
 

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