Interview zum Thema Esstörungen, 2. Teil

Haben Models Einfluss auf Mädchen und ihren Körper?

LizzyNet: Welchen Einfluss haben denn Schönheitsbilder, Models?

Frau Figura: Die Essensverweigerung oder vermehrte Aufnahme ist immer auch Ausdruck einer psychischen Situation oder Not. Das scheint erst mal so einfach, dass man sagt, die Models sind schuld... Ich finde das eine verkürzte Sichtweise. Ich würde es auch andersrum sagen: das es überhaupt solche Models gibt, ist auch Ausdruck unserer Gesellschaft. Das die Gesellschaft solche Models überhaupt hervorbringt, ist ja schon bezeichnend, und manchmal denke ich, dass gerade die Bulimikerinnen ein Ausdruck davon sind, dass unsere Gesellschaft ganz schön hohe Anforderungen stellt an Frauen: Sie müssen erfolgreich, dynamisch, aktiv, selbstbewusst, emanzipiert sein...

Sie sollen also mutig, ängstlich, lieb und auftrumpfend sein – alles gleichzeitig – aber nicht so auftrumpfend, dass es irgend jemanden wehtut...

Frau Figura: So ist das Ideal. Aber das ist ja nicht die Realität. Die Realität ist, dass Mädchen nicht allein durch einen dunklen Park gehen sollten, dass sie sich nicht unbedingt so kleiden können wie sie wollen, weil das oft zu gefährlich ist.
Die Bulimikerin gibt dieses Ideal sehr gut wieder.

Warum? Weil sie – anders als die Magersüchtige, die ihre Kalorienaufnahme immer unter Kontrolle hat – in kurzem Zeitraum eine unglaubliche Menge an Nahrung zu sich nimmt? Die "böse" Seite verbirgt, die perfekte nach außen trägt?

Frau Figura: Genau, sie spiegelt das Ideal dieser Gesellschaft wider. Sie will auf keinen Fall abhängig sein oder schwach. Dann hat sie aber eine ganz große Schwäche: sich ganz viel reintun und dass sehr aggressiv wieder "rauszuspucken". Das kränkt sie – sich nicht zügeln zu können, gierig zu sein, wütend zu sein. Das Potential, das eigentlich da drin steckt, an Wut und an Kraft, das kriegt dann eben auch niemand mit. Das richtet sich gegen sie selbst. So dass diese Ressource, die sich auch hat, nicht genutzt wird. Weil sie sich in ihrer Störung aufreibt. Wenn sie sich dann übergibt, kommt die Scham. Sie hat dann, aus ihrer Sicht, wieder "versagt".  Was bei Esssüchtigen überhaupt manchmal als Versagen gilt – das ist wirklich unbarmherzig. Da braucht bloß einer schief zu gucken, da fühlt sie sich abgelehnt.

Vielleicht fällt sie aber auch auf, weil sie nichts isst, dünn ist...

Frau Figura: In der Öffentlichkeit fallen Bulimikerinnen nicht unbedingt auf. Im Gegensatz zu den Magersüchtigen, die manchmal ganz schnell sehr viele Kilos verlieren - was natürlich schwer zu übersehen ist. Die Bulimikerinnen sind auch oft sehr dünn, aber nicht soo offensichtlich. Von den inneren Konflikten her, sind die Bulimikerinnen die auffälligeren Persönlichkeiten, während die Magersüchtige oft sehr starr erscheint, sehr unbeweglich. Bei der letzteren spiegelt sich oft das Familiensystem wider. Nach außen hin scheint alles harmonisch zu sein, problemlos, perfekt. Die Magersüchtige reagiert mit ihrer Verweigerung zu essen, aber bricht offiziell nicht aus ihrer Familie aus.

Und wie ist das Ihrer Meinung nach bei den Esssüchtigen?

Frau Figura: Das ist im Prinzip das Ganze mit umgekehrten Vorzeichen. Also dieses Dickleibige, sofern es eine psychogene Essstörung ist, also nicht durch Krankheit hervorgerufene, oder veranlagte Essstörung. Das muss man sehr gut unterscheiden! Es gibt auch "Dicke", die essen nicht sehr viel. Die Forschung ist einfach noch nicht so weit, um genau zu sagen, wo das herkommt. Besonders Dicke haben ja oft das Image, dass sie nicht zugeben, wie viel sie essen und heimlich was in sich reinstopfen. Das stimmt aber ja oft gar nicht!!!
Aber es gibt genug von denen, die genau wissen, dass sie vieles an Konflikthaftem, an Sehnsuchtsvollen, an Selbstwertproblematiken mit Essen kompensieren... es ist da auffällig, dass die "Dicken", mit dem, was sie sich so anfressen, einen Schutzwall anfressen, gegen andrängende Gefühle von innen und Anforderungen von außen, also gegen Gefühle jeglicher Art, insbesondere auch gegen sexuelle Gefühle. Deshalb sage ich: das Dicksein ist das Ganze mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Magersüchtige macht sich ja auch nicht zur Frau, sondern sie bleibt Kind, die macht sich platt, sie hat keine Rundungen und Formen, keine Weiblichkeit. Bei beiden Formen dieser Extreme ist es so, dass es quasi wie eine Immuntherapie wirkt gegen Gefühle.

Wann wird die Essstörung denn gefährlich? Das kann man ja nicht nur am Gewicht festmachen.

Frau Figura: Da gibt es eindeutige diagnostische Kriterien. Gewichtsabnahme ist eines, bei 15 bis 20 % wird es kritisch. Ein weiteres Kriterium ist, dass die Gedanken, ähnlich wie bei einer Sucht, ständig ums Essen kreisen, um die Kalorienaufnahme, um die Kontrolle der Essensmenge, um die Reduzierung. Bei der Bulimikerin kommt der Gedanke hinzu: wann kann ich einen Fressanfall planen. Wann bin ich allein, usw. Die Bulimikerin wird oft depressiv, zieht sich zurück, fühlt sich in einen Kreislauf gefangen. Bei der Magersüchtigen bleibt irgendwann die Menstruation aus. Je jünger die Mädchen sind, desto gefährlicher wirkt die Magersucht aus. Mit 11 oder 10 oder auch mit 9 Jahren kann das schon anfangen. Bei den psychogenen Esssüchtigen gibt es auch verschiedene Formen. Da gibt es welche, die sich den ganzen Tag über beschränken, und welche, die den ganzen Tag über essen und das gar nicht so richtig realisieren. Dann gibt's welche, die haben so Heißhunger-Attacken. Dann gibt's die Nimmersatten, das ist ähnlich wie bei den Daueressern, aber deren Sättigungsempfinden ist gestört. Die sinnliche Wahrnehmung wird verstellt.

Was können Mädchen denn tun, wenn sie in so einen Kreislauf geraten sind?

Frau Figura: Das Sinnvollste ist wirklich, damit zu einer Beratungsstelle zu gehen. Wenn hier ein Mädchen hinkommt, lasse ich mir das Problem schildern, ich mach mir ein Bild, versuche herauszukriegen, was das Mädchen will und erwartet. Dann kann man sie weitervermitteln, evtl. eine Angehörigen-Beratung anbieten... Da gibt es viele Wege. Wichtig ist, dass die Mädchen den ersten Schritt tun, um daraus kommen zu wollen.
Das Ziel ist, den Mädchen dabei zu helfen, dass sie irgendwann sagen: "Ja, so wie ich bin, bin ich okay und so mag ich mich..."

Weitere Informationen im Netz

Bei Fragen kannst du dich ans Mädchenhaus wenden:

Beratungsstelle des Mädchenhauses Köln

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Autorin / Autor: Astrid Reinberger - Stand: 16. Februar 2001