„...Schön ist, was gefällt...“

Essstörungen fangen oft mit Diäten an. Viele Mädchen fühlen sich zu dick und beginnen deshalb eine Schlankheitskur, die der Anfang einer Krankheit sein kann.

Es gibt unterschiedliche Angaben dazu, wieviele Mädchen in Deutschland – statistisch gesehen – bereits im Alter von elf bis 15 Jahren Erfahrungen mit Diäten gemacht haben. Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge sind es 17 %, andere Studien nennen höhere Zahlen. Tatsache ist, dass viele Mädchen sich zu dick fühlen und deshalb eine Schlankheitskur beginnen, die der Anfang einer Krankheit sein kann. Magersucht, Esssucht, Bulimie sind in den Industrieländern keine Seltenheit, im Gegenteil: Die Tendenz ist steigend. Daher gibt es einige Anlaufstellen, bei denen Mädchen und Frauen Hilfe bei Essstörungen finden.

Interview mit einer Psychologin

In Köln bietet unter anderen das Mädchenhaus Beratung bei Problemen an. Dort haben wir uns mit der Diplom-Psychologin Elvira Figura getroffen.

Der BMI

...berechnet sich aus dem Gewicht, geteilt durch das Quadrat der Größe. Wenn ein Mädchen also 58 Kilogramm wiegt, und 1,65 m groß ist, rechnet sie 1,65 mal 1,65 und dividiert dann 58 durch das Ergebnis. Also: 58 durch 2,7225 = 21,30. Der BMI beträgt also 21,30. Sorge zur Übergewichtigkeit besteht erst bei einem Body Mass Index von etwa 30.*

LizzyNet: Eine Essstörung fängt oft mit einer Diät bzw. einer kritischen Einstellung zum eigenen Körper an. Hilft der Body Mass Index, die medizinische Berechnungsmethode, da weiter?

Frau Figura:  Der Body Mass Index ist eine grobe Orientierungshilfe, um zu gucken, ob man sich jetzt im "Normalbereich" befindet oder nicht.

Frau Figura: Ja, aber das ist für die meisten Mädchen nicht so hilfreich, sich ihren Body Mass Index auszurechnen. Sie schätzen das nicht objektiv ein. Wie sagt der Kölner: "schön ist, was gefällt." Die Mädchen gefallen sich aber nicht. Bei der Fragestellung "bin ich zu dick" oder "sind meine Brüste zu klein oder zu groß" geht es nicht um die Kilos. Da geht es ja mehr um die Fragen: "wer bin ich?", "wie will ich sein?" und vor allem um diese Wertfrage: "bin ich so wie ich bin gut genug?" Das ist die eigentliche Frage, die dahinter steckt. Die halten sich am Körper fest, weil sie das kontrollieren können. Sie versuchen, die Selbstwertlücke, die entsteht, wegzumachen, indem sie sich "perfektionieren", indem sie eine super Figur haben, gute Leistungen in der Schule haben usw.. Dass ist der verzweifelte Versuch, sich so einen Wert zu geben. Sie sind sehr leistungsorientiert, was auch einen ungeheuren Druck bedeutet. Das kann man nicht ewig aushalten, mit so hohen Ansprüchen zu leben. Irgendwann brechen sie zusammen.

Fragen sich das alle Mädchen, ob sie so wie sie sind okay sind?

Frau Figura: Ich glaube, dass sich das sehr, sehr viele Mädchen fragen, in der Pubertät wahrscheinlich fast alle. Und nicht nur diejenigen, die dann tatsächlich eine Essstörung bekommen. Ich kann dazu keine Untersuchung zitieren, aber das kann ich aus meiner Erfahrung sagen.

Stellen sich Jungs die Frage auch?

Frau Figura: Bei Jungs ist es auf jeden Fall seltener, dass sie die Frage "was bin ich wert?" versuchen, mit dem Körperlichen zu beantworten. Ich glaube, dass Jungs auch ihre Selbstwertkonflikte haben, aber das sie damit ganz anders umgehen. Ich möchte jetzt nicht den Einzelfall beschreiben, sondern das gern geschlechtsspezifisch beschreiben. Es ist immer noch so, dass Mädchen im allgemeinen anders erzogen werden als Jungs. Ihre expansiven Wünsche, also die Neugier, sich in die Welt zu bewegen, der Mut, was auszuprobieren oder Wünsche laut zu formulieren - daran werden sie immer noch eher gehindert. So werden - auch relativ früh - die Rollen festgelegt.

Ihre Einschätzung ist also, dass diese Rollen immer noch viel Macht besitzen, auch wenn Eltern/Erziehungsberechtigte das gar nicht beabsichtigen?

Frau Figura: Genau. Das ist, im allgemeinen gesprochen, immer noch so. Das ist gesellschaftlich sehr tief verankert.

Aber es wird ja auch erwartet, dass frau auf den Tisch haut? Sich durchsetzen kann, alles selbst in die Hand nimmt?

Frau Figura: Probieren Sie das mal als Frau, wenn Sie nicht gerade in der obersten Leitungsposition arbeiten - und wie viel Frauen gibt's da schon, dass sind 4 % ! Wenn die Frauen von der Norm abweichen... Was kommen Ihnen für Bilder in den Kopf, wenn Sie sagen, eine Frau, ein Mädchen benimmt sich daneben? Kein Mädchen will wirklich eine Zicke sein, als egoistisch gelten und schon gar nicht als "eingebildet". Selbstkritik hat Konjunktur. Es gilt immer noch eher dieses weiche Frauenideal, wenn auch unbewusst. Ich habe den Eindruck, dass die Mädchen, die hierher mit Essstörungen kommen, oft ein Aggressionsproblem haben. Dass sie ihre Aggressionen, ihre Wut, alle diese Dinge, die sonst immer eher den Jungs zugestanden werden, nicht ihr Sein integriert kriegen. Sie erlauben sich nicht, wütend zu sein, weil das nicht in ihre Mädchenrolle passt. Sie wollen etwas nicht, sagen das aber nicht laut, sondern essen einfach nicht und sprechen so über ihren Körper.

Deshalb nennt man die Magersucht auch die "Sucht der Braven?"

Frau Figura: Da ist in dem Sinne was dran, dass sie artig sein wollen. Die meisten Mädchen, die hier in die Gruppe kommen, sind sehr nette Mädchen. Die haben oft ein Helfersyndrom und stellen sich immer ans Ende der Reihe. Das bringt mich manchmal zum Wahnsinn. Da ist so eine Rücksichtsnahme. Die sind höflich, aufmerksam. Wenn sie dann allerdings hier erzählen, was sie so erleben und wie sie etwas erleben, dann ist das oft überhaupt nicht mehr nett.

weiter im Interview

Autorin / Autor: Astrid Reinberger - Stand: 16. Februar 2001
 
 
 

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