Ich, über den Weg

Wettbewerbsbeitrag von Lara Roth, 22 Jahre

Plump. Reglos landet mein rechter Schuh im Gras.
Konzentriert versuche ich die Balance am linken Bein zu halten.
Beide Arme von mir gestreckt, bereit zu fliegen.
Windstille.
Streife meinen grauen Socken ab. Luft. Ich höre meinen rechten Fuß direkt atmen.
Der Schrei des Linken, erstickt. Ich lasse meinen großen Zeh die ersten Grashalme berühren. Auf ihnen liegt noch Morgentau. Schrecke hoch. Fussel quillen wie Popel zwischen meinen Zehen hervor. Wie wild versuche ich sie abzuschütteln, wackle mit allen Fünfen, gerate ins Wanken, versuche mich zu fangen, will nicht fallen, meine Arme rudern, will mich halten –
Bruchlandung.
Beschließe die Fussel, Fussel sein zu lassen. Sollen sie es sich doch in den Zwischenräumen meiner einstigen - nun verkrüppelten - Schwimmhäute bequem machen. Schlaff baumelt die leicht verschwitze Socke, auf dem sich hellgelbe Schweißränder abbilden, immer noch zwischen Daumen und Zeigefinger, mit dem Versuch die kleinstmögliche Fläche zu berühren. Ich bin angeekelt.
Angeekelt von mir selbst.

Und nun das ganze Prozedere noch einmal von vorne. Auf dem rechten Bein.
Sekunden werden zu Stunden. Ich frage mich was schlimmer ist: nie die Freiheit kennenzulernen oder einen Vorgeschmack zu bekommen, dessen Durst unstillbar ist.
Tricks mich aus. Lenke mich ab. Konzentriere mich nicht mehr auf die Balance, beachte nicht mehr die muffigen Fussel zwischen den Zehen –
Stehe. Beidbeinig, mit nackten Füßen, lege den Kopf in den Nacken und schließe die Augen.
Erst jetzt schmecke ich die kalte Morgenluft, höre den buntgemischten Vogelgesang und rieche. Erde.

Ein Platzregen aus Gedanken prasselt auf mich nieder.
Wäre ich gestolpert, wenn ich mit dem linken Fuß begonnen hätte? Wer beeinflusst denn ob rechts, ob links. Ich nicht. Doch, ich. Die Gewohnheit. Meine Gewohnheit. Griff intuitiv zum rechen Fuß. Aber die Entscheidung traf nicht ich. Wer dann?
Immer noch brennt die Hoffnung, eine logische Erklärung meines Handelns, von meiner linken Gehirnhälfte zu bekommen.
Ich warte. Verliere die Geduld.
Natürlich bekomme ich auch diesmal keine Antwort, keine rationale Erklärung für ein Vorgehen des Unbewussten. Wozu überhaupt noch den Kopf fragen, wenn der Bauch bis jetzt ungefragt blieb?
Der Bauch, unsere Mitte, unsere „super-power“, das Einzige, was mir aus einem der vielen Ernährungsvorträge hängen geblieben ist. Wozu jemandem um Rat fragen, von dem man die Antwort schon kennt.
Stille.

Immer noch barfuß, immer noch beidbeinig am Rand der kühlen Wiese, die sich hinter mir in die Weite ausdehnt. Hüftbreit, geerdet und befreit stehe ich im knöchellangen Rock auf den braun auslaufenden Halmen und lasse mein Haar im Wind tanzen.
Vor mir eröffnet sich der Weg ins Ungewisse.
Vor mir die Zukunft, hinter mir das vertraut Verlorene.
Hinter mir liegst du.
Vor mir der raue Fels, hinter mir die weiche Wiese, in der du mich einst gebettet.
Ich atme: Ein – Aus. Wiege ich mich im Takt der Natur.
Vor meinem inneren Auge: Schweinelungen, die mit einem Strohhalm aufgeblasen werden.

Ich schrecke auf. Blicke zu Boden.
Etwas pickst in meinen rechten Ballen.
Soll das etwa der Dank dafür sein, dass ich dich als Ersten von dem engen Schuh befreit habe?
Keine Antwort von meinem rechten Fuß, keine aus meinem Kopf. War ja klar, was frag ich auch.
Tja, dann steht es jetzt fest, nächstes Mal fange ich mit links an.

Ich setze den ersten Fuß auf den Weg, wenn man das, was ich sehe, überhaupt Weg nennen kann. Diesmal gab ich absichtlich dem linken Fuß die Ehre, den erst Schritt zu setzen. Wer konnte denn wissen, dass dieser auch der schmerzhafteste aller kommenden Schritte werden sollte. Tut mir leid linker Fuß, du bist wirklich kein Glückspilz. Ich verlagere all mein Gewicht auf das linke Bein und spüre, wie viele kleine Stiche durch meine Fußsohle in alle Ecken und Winkel meines Körpers strömen. Unzählbar. Es sind zu viele kleine und große, runde und kantige Steine auf den wenigen Quadratzentimetern, die meine Fußfläche einnimmt. Schon sehne ich mich zurück. Und schon wieder hast du gewonnen, du rechter Fuß – diesmal hast du es aber wirklich nicht verdient, verschont zu werden.
Rechts vor links, links vor rechts.
Schritt für Schritt.
Ich fühle mich wie eine Seiltänzerin, die versucht auf den am wenigsten schmerzhaften Steinen zu balancieren. Nur nicht so elegant. Ich unterdrücke mein Verlangen, noch einmal zurückzuschauen. Ich bin schließlich in keinem Hollywood Film, der diese Szene in einer dramatischen Nahaufnahme, mit einem sehnlichen Blick über die Schulter in die schöne, sorgenfreie Vergangenheit einfangen würde. Ich bin in der Natur, bin die Natur. Lasse den Donner, die Blitze an mir vorüberziehen und setze meinen Weg fort. Mein Blick haftet auf dem Boden und sucht forschend nach der nächsten Trittstelle. Unwillkürlich muss ich feststellen, dass die harmlos aussehenden Steine, meist die mit den bestkaschierten Kanten sind. Getarnt wie ein Chamäleon. 

Nachdem ich die erste Kurve hinter mir gelassen habe, schaue ich das erste Mal auf. Das erste Mal, seitdem ich die Wiese verlassen hatte. Atemberaubend. Vor lauter Konzentration auf den Schmerz und die Sehnsucht, habe ich mir die ganze Zeit über selbst den Blick für das – versperrt. Die Sonne, am Zenit stehend, lässt die Tautropfen auf den Nadeln zu Wasserperlen schmelzen, die in ihrem Schein wie kleine Diamanten funkeln. Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit der neuen Umgebung und weiten sich, um all die Farben und Geräusche einzufangen. Ich halte inne: Die Schmerzen haben sich wie in Luft aufgelöst, wo sind sie nur hin? Du Gehirn lässt dich ja ganz leicht austricksen, was? Aber schon mit dem ersten Schritt vorwärts, drängt sich der Schmerz wieder in mein Bewusstsein und ich beschließe das Stehenbleiben in Zukunft lieber zu vermeiden. Ich fürchte das Stehenbleiben direkt. Ab jetzt werde ich nur mehr weitergehen, nur nicht mehr stehenbleiben. Besagt das nicht auch ein altes Sprichwort aus China?

Während ich also das zweite Mal den ersten Schritt gesetzt hatte und Fuß vor Fuß vorsichtig abrolle, lasse ich das Paar Schuhe lässig auf meinem Zeigefinger baumeln. Ich brauche sie jetzt nicht mehr. Mit jedem Schritt wird der eine vor, der andere zurück, geschwungen: Vor und Zurück, Zurück und Vor. Wie ein Pendel. Ein Pendel, das ganz meinem Rhythmus folgt. Will jeden Schritt, jeden Tritt wahrnehmen, sei er noch so schmerzhaft. Manche Schritte sind auch wohltuend sanft, als würde man über ein Wolkenmeer schweben.
Ich komme.
Ich komme, über den Weg - zu dir.

Alle Infos zum Wettbewerb

Die Verwandelbar Sieger:innenehrung

Herzlichen Glückwunsch an die Preisträger:innen!

Teilnahmebedingungen und Datenschutzerklärung

Bitte lesen!

Die Verwandelbar-Jury

Die Jury verwandelt eure Einreichungen zum Schreibwettbewerb in wohlwollende Urteile :-)

Preise

Das gibt es im Schreibwettbewerb "Verwandelbar" zu gewinnen

Einsendungen

Die Beiträge zum Schreibwettbewerb Verwandelbar

Verwandelbar - Die Lesung

Am 27. November 2022 fand die Lesung zum Schreibwettbewerb VERWANDELBAR statt, bei der fünf der Gewinner:innen ihre wunderbaren Texte präsentierten. Moderiert wurde die Lesung durch den Autor Manfred Theisen, der auch Mitglied der Jury war.