Gedankentanz

Wettbewerbsbeitrag von Vianna Liekam, 18 Jahre

Schreie. Stechende Schmerzen.
Und dann nichts mehr. Grelles weißes Nichts.

Flüssige Nahrung kann ich nun wieder selbstständig zu mir nehmen.
Hurra.
Ich würde Luftsprünge machen, wären meine Beine nur nicht so verdammt gelähmt. Aber was soll´s, es hätte schlimmer kommen können, wie mich alle so gerne erinnerten. Stimmt wohl, bei einem Genickbruch hätte es schlimmer enden können, beziehungsweise es hätte einfach wirklich „enden“ können. Nicht jeder kann von sich behaupten einen Genickbruch überlebt zu haben. Aber mir fällt kaum etwas ein, was hätte „schlimmer kommen können“ als vom Hals abwärts gelähmt zu sein. Nun vielleicht war ich gerade etwas zu optimistisch gewesen, als ich sagte, ich könne flüssige Nahrung „selbstständig“ zu mir nehmen. Aber zu sagen, ich kann nun Suppen und Brei gefüttert bekommen, klingt nur halb so gut… wenn überhaupt.

Die Schwester zog den Vorhang auf und öffnete das Fenster. Wieder ein sonniger Frühlingsmorgen. Schön, ihn aus dem leblosen, grauen Krankenzimmer bewundern zu dürfen. Ich drehte den Kopf auf die Seite und starrte gegen die graue Zimmerwand.
Irgendwie bin ich doch selber schuld, wer geht schon mit 17 freiwillig wandern, bin ich eine 40jährige Mutter in der Midlife-crisis oder was.
Die Tür klickte und Sara steckte den Kopf herein. Sara ist in Ordnung, sie nervt mich nicht mit diesen mitleidigen Blicken, wie es die anderen tun, wenn sie mich sehen.

„Na, wie geht’s uns denn heute?“ Bevor ich antworten konnte, war sie schon ins Zimmer geschlüpft. „Wo wir gerade von uns sprechen. Mir geht’s super. In der Cafeteria gibt es heute Bohnen, das heißt, wenn ich die Zimmertüren öffne, werde ich jedes Mal von einer Wolke aus stinkenden Dämpfen empfangen. Und was „geht“ bei dir so?“ sie zwinkerte mir zu und ich streckte ihr zur Antwort die Zunge heraus.
„Ich versinke in Selbstmitleid und lerne die Anordnung der Flecken an der Wand auswendig, einigen habe ich sogar schon Namen gegeben.“
Sie konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
„Du brauchst wirklich eine Beschäftigung, Süße. Schau doch ein bisschen fern.“ Sie legte mir die Fernbedienung vor die Nase und lächelte unschuldig.
„Such dir ruhig ein Programm aus, während ich dein Frühstück hole.“
Sie verschwand und tauchte kurz darauf mit einem Tablett, mit einer Schale Haferbrei darauf wieder auf. Sie sah auf den schwarzen Bildschirm
„Hm, hätte nicht gedacht, dass dir sowas gefällt, ich bin eher so der Typ mit-Bild-und-Ton.“ Sie zuckte die Achseln und grinste.
Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Ist ja gut.“ Sie rümpfte kurz die Nase und zog sich dann einen Stuhl heran, um sich an mein Bett zu setzen.
Sie machte den Fernseher an und rührte den Brei um.
Natürlich musste es ausgerechnet eine Tanzshow sein. Ich gab mir Mühe meine Tränen zurückzuhalten. Sara sah mich verwundert an.
„Hast du getanzt?“ fragte sie, während sie ein Taschentuch aus der Tasche zog.
Ich nickte wortlos, würde ich jetzt etwas sagen, würde ich die Tränen nicht mehr zurückhalten können. Sara wischte mir mit dem Tuch eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich tanze auch. Modern und HipHop. Was hast du getanzt?“
Ich versuchte meinen Atem zu beruhigen.
„Auch HipHop und Breakdance“. Sara sah interessiert aus. „Hast du nicht Lust, mal was zu choreografieren? Du könntest sagen, welche Schritte und ich tanze sie.“ Sie lächelte.
Ich sah sie skeptisch an, nickte dann aber, hätte ich gekonnt, hätte ich mit den Schultern gezuckt.

Ich hätte es nicht gedacht, aber es funktionierte tatsächlich. Wir hatten mehrere Choreographien zusammengestellt. Ich dirigierte Sara und sie führte sie vor.

Einige Monate später platzte Sara in mein Zimmer, sie strahlte über beide Ohren. „Du wirst es nicht glauben“, keuchte sie und hielt sich an der Klinke fest. „Was ist denn mit dir los?“ lachte ich.
„Ich habe meiner Trainerin deine Choreographien gezeigt und sie will dich kennenlernen. Du könntest für unsere Gruppe choreographieren.“

Alle Infos zum Wettbewerb

Die Verwandelbar Sieger:innenehrung

Herzlichen Glückwunsch an die Preisträger:innen!

Teilnahmebedingungen und Datenschutzerklärung

Bitte lesen!

Die Verwandelbar-Jury

Die Jury verwandelt eure Einreichungen zum Schreibwettbewerb in wohlwollende Urteile :-)

Preise

Das gibt es im Schreibwettbewerb "Verwandelbar" zu gewinnen

Einsendungen

Die Beiträge zum Schreibwettbewerb Verwandelbar

Verwandelbar - Die Lesung

Am 27. November 2022 fand die Lesung zum Schreibwettbewerb VERWANDELBAR statt, bei der fünf der Gewinner:innen ihre wunderbaren Texte präsentierten. Moderiert wurde die Lesung durch den Autor Manfred Theisen, der auch Mitglied der Jury war.