Flüchtige Samariterin

Wettbewerbsbeitrag von Celine Exner, 17 Jahre

Ich renne. Immer weiter. Durch Rauchschwaden, Trümmerhaufen und flüchtende Menschen. Ein genaues Ziel habe ich nicht. Nur eines habe ich vor Augen. Weg von hier. Weg von dem Schreien der Bevölkerung und dem Lärm der einschlagenden Geschosse.
Weg vom Krieg…
Meine Füße tragen mich durch den Staub und über die scharfkantigen Steine hinweg. Ich fühle nichts. Ich will nur weg. Meine Augen blicken umher und mit jedem unbekannten Gesicht, dem ich entgegenschaue, schwindet meine Hoffnung. Die, dass meine Eltern irgendwann zu mir gelaufen kommen, mich in den Arm nehmen und ich aus diesem Alptraum erwache. Der Wind zerzaust mein Haar. Jedoch bemerke ich es kaum. Immer weiter. Nur fort. Meine Kehle ist staubtrocken, doch ehe ich weiter darüber nachdenken kann, hagelt ein Gesteinsregen auf mich hinab, als das nebenstehende Wohnhaus einstürzt. Keuchend rette ich mich mit einem Sprung auf die Seite und schlage mit dem Kopf auf. Nicht böse, aber knapp einer scharfen Steinkante entkommen. Eine Träne läuft mir über die Wange. Reglos bleibe ich einen Moment lang liegen, ehe ich mich aufrapple und erst einmal Luft holen muss. Meine Knie zittern, als ich einen Teil einer zerbrochenen Stufe zur Seite hieve. Vorsichtig angle ich nach dem feinen Goldkettchen im Kies. Es fiel mir herunter. Doch es entgleitet meinen fahrigen Fingern und rutscht den Abhang hinab. Ich stehe seufzend da und mache mir keine weitere Mühe mehr, das Erbstück hinaufzuholen. Ich wage keinen Versuch mehr. Warum? Obwohl es mir wichtig ist. Aber ich muss hier weg!
Mein Kopf brummt. Und mein Herz pocht. Ich wende die Blicke ab und betrachte die vielen Menschen, die aufgelöst, teils verletzt vor dem Wohnblock stehen, schreiend nach Hilfe. Aber ich kann nichts tun. So sehr ich auch wollte. Ich bin wie gelähmt. Ein vertrautes Gesicht erkenne ich auch hier nicht.
Ich setze einen Fuß vor den anderen. Schweiß klebt mir im Nacken und meine zerrissene Hose gleicht der Haut eines angefallenen Tieres. Nicht mal einen klaren Gedanken kann ich fassen. Die Straßen sind uneben und kaputt. Mühsam komme ich voran. Überall begegnen mir nur flüchtige und mitleidige Blicke. Ich bleibe stehen. Atme durch. Und dann fasse ich mir ein Herz, kehre dorthin zurück, wo Soldaten gerade das Gebäude zerschossen haben, in dem auch meine Eltern wohnten. Die Menschen knien in Schutt und Asche, unfähig Widerstand zu leisten. Mein Blick geht umher. Hilflose Augenpaare sehen mich an. Beinahe flehend. Kleine Kinder weinen.
Es gibt Tote…
Links von mir birgt eine braunhaarige Frau einen Leichnam und bricht zusammen. Sie schließt dessen Lider und murmelt etwas. Niemand muss erahnen, was der Frau gerade widerfahren ist. Wo ich meinen Blick auch hinwende, begegnet mir nur Elend. Das Leid ist groß und unvorstellbar. Um mich herum herrscht Gedränge und laute Rufe hallen in meinen Ohren. Ich muss mich beherrschen, nicht loszuheulen.
Zwischen den Trümmern bahne ich mir einen Weg zu einem Mädchen, dass etwas verloren auf einem Stein sitzt. Es tut mir leid. Sie ist allein und kein Verwandter ist in ihrer Nähe. Ich gehe vorsichtig auf sie zu. Die Augen des Mädchens bewegen sich hin und her. Meine Finger zittern noch immer, als ich sie ausstrecke. Die zarte Hand des Kindes klammert sich um ein Stofftier, dessen Ohr abgerissen ist. Zögernd ergreift sie meine Finger. Ich lächle ihr zu und bedeute ihr mit mir ein Stück abseits zu gehen. Ein prüfender Blick und mir wird klar, dass es sie, Gott sei Dank, außer einigen Kratzern, nicht schlimm erwischt hat.

Ihre Augen sagen mir, dass sie froh ist, dass jemand hier ist. Dass ich da bin. Wir setzen uns in den Sand und Tränen kullern ihr übers Gesicht. Ich nehme sie in den Arm und sie weint. Ich weiß nicht recht, was ich tun soll. Also halte ich sie nur und versuche das Geschehene zu verarbeiten. An ihrem Ellbogen klafft eine kleine Wunde. Ich puste und sage ihr, dass ich das versorgen kann. In meinem Rucksack habe ich Wasser und ein Taschentuch. Sie lässt es tapfer über sich ergehen. Nach einiger Zeit ergreift mich der Gedanke, dass ich hier nicht bleiben kann. Ich muss hier weg. Ich will hier weg. Hoffentlich sieht es das Mädchen auch so. Ich halte Ausschau nach weiteren Soldaten. Es sind keine in Sicht. Noch nicht. Sie nickt und will mit mir die Flucht ergreifen. Allerdings wage ich einen weiteren Blick auf die Menschen vor dem Haus. Sie brauchen dringend Hilfe. Mein Gewissen ruft mich zur rechten Tat auf und so erkläre ich dem verschreckten Mädchen, dass ich gleich wieder bei ihr bin. Mein Weg führt mich zu einem dunkeläugigen Mann, der schmerzverzerrt am Boden liegt. Ich lege ihm meine Hand auf die Schulter. Ich sehe ihn an. „Ich bleibe bei Ihnen!“ Dankbar sehen seine glasigen Augen mich an.

Mein Name ist Kataryna Novikov, ich bin ukrainische Ärztin und hier, um zu helfen, nicht um zu fliehen!

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Verwandelbar - Die Lesung

Am 27. November 2022 fand die Lesung zum Schreibwettbewerb VERWANDELBAR statt, bei der fünf der Gewinner:innen ihre wunderbaren Texte präsentierten. Moderiert wurde die Lesung durch den Autor Manfred Theisen, der auch Mitglied der Jury war.

Autorin / Autor: Celine Exner, 17 Jahre