Von Rittern und Drachen

Wettbewerbsbeitrag von Celina, 17 Jahre

Früher. Ja früher war alles noch einfach. Damals waren wir noch eine glückliche Familie. Damals waren es noch nur wir – Sammie, Lou und ich. Doch dann lernte ich Konstantin kennen. Er war groß und blond und sah einfach verdammt gut aus, und er wusste das auch. Als er mich auf ein Date einlud, stimmte ich natürlich sofort zu. Er war in der Marketingabteilung der Firma für die ich arbeitete und insgeheim schwärmte jede Frau in der ganzen Firma von ihm. Als er dann auch noch meine Kinder kennen lernte und sie sich von Anfang an mit ihm verstanden, glaubte ich, alles sei perfekt, doch dieser wunderbare Zustand schwang relativ schnell um. Nach einem Monat bot er uns an, bei sich einzuziehen und da alles wirklich gut lief, stimmte ich zu und ab diesem Zeitpunkt fing es an, die ständigen Kontrollanrufe. Wo bist du? Was machst du? Wer ist bei dir? Das war am Anfang noch niedlich. Ich dachte, er sorgt sich einfach um mich, doch dann änderte sich diese niedliche Geste und er wurde herrischer, bis er mir schließlich verbot auszugehen, meine Familie zu treffen, wenn er nicht dabei war und mich sogar zwang, von zuhause zu arbeiten. Ich hatte keine Chance, irgendwie zu entkommen und stand unter ständiger Beobachtung, habe jedoch noch immer nicht die Gefahr wahrgenommen, in der ich mich befand. Dann begannen die Misshandlungen.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie er damals nach Hause kam. Er hatte ziemlich schlechte Laune und deshalb wollte ich ihn aufheitern: „Hey mein Schatz, wie war die Arbeit?“ „Kann man denn nicht einmal kurz seine Ruhe haben, wenn man nach Hause kommt?!“ „Oh da ist aber jemand grummelig. Wie wär´s, wenn du mir alles erzählst? Reden hilft eigentlich immer.“

„Bist du taub oder einfach nur dumm?! Ich will nicht reden! Und schon gar nicht mit dir! Du schaffst es ja nicht einmal, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen!“ Ich war einfach nur baff. So hatte er noch nie mit mir geredet. „Jetzt steh nicht so rum, sondern bring mir mein Essen!“
„Ich habe noch nicht gekocht. Weißt du Sammie hatte da diese Veranstaltung im Kindergarten und ich …“ Klatsch. Da war sie. Die erste Ohrfeige. „Du schaffst es nicht nur nicht, mir etwas zu kochen, nein du verlässt auch noch ohne Erlaubnis das Haus?! Was für eine Frau bist du überhaupt, dass du dich nicht einmal an die simpelsten Regeln halten kannst?! Jetzt geh mir aus den Augen, ich ertrage deinen Anblick nicht!“ Seine Worte bohrten sich in mein Herz wie Glassplitter, meine Wange brannte und ich fragte mich, was für ein Mann das gerade war, denn es war mit Sicherheit nicht mein niedlicher, fürsorglicher Konstantin. Ich konnte mich einfach nicht bewegen, meine Beine wollten mir nicht gehorchen. Konstantin drängte sich an mir vorbei in das Badezimmer und schloss die Tür. Danach hörte ich nur noch das Wasserrauschen der Dusche. Später entschuldigte sich Konstantin, doch irgendetwas zerbrach an diesem Tag in mir.

Danach lief es immer wieder gleich ab: Er verletzte mich, ich war geschockt, er entschuldigte sich und versprach, dass es nie wieder passieren würde, es passierte wieder und das Ganze ging von vorne los. Jedes Mal, wenn ich versuchte mit jemandem darüber zu reden, bekam ich immer die gleichen Antworten: „Jede Beziehung geht mal durch schlechte Zeiten.“ „Jedes Pärchen hat Probleme.“ „Was?! Konstantin würde so etwas niemals tun. Du hast die Situation nur falsch interpretiert.“ „Konstantin ist doch so ein Lieber. Das bildest du dir nur ein.“ Letzteres kam am meisten von meiner Mutter. Sie hatte einen Narren an Konstantin gefressen und war froh, dass ihre nichtsnutzige Tochter endlich einmal einen Glückstreffer gelandet hatte, nachdem sie zwei Kinder von unterschiedlichen Männern, welche abgehauen waren, bekommen hatte. Keiner glaubte mir, keiner half mir und so blieb ich bei Konstantin, gefangen.

Heute war wieder so ein Abend, an dem Konstantin mich schlug. Danach war er verschwunden, ich weiß nicht wohin. Ich saß schon seit einiger Zeit auf der Couch, als Sammie sich in seinem Spiderman-Schlafanzug zu mir schlich. „Mama du hast mir noch keine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen.“ „Na dann, auf geht´s, mein Großer.“ Ich brachte Sammie wieder in sein Bett und keine Sekunde später kam auch Lou zu uns. „Auch Gute-Nacht-Geschichte hören will“, lispelte die Dreijährige. „Na gut, dann sucht mal ein Buch aus.“ „Ritter und Drachen!“, riefen beide enthusiastisch. Ich musste lächeln, denn trotz all der Probleme mit Konstantin, erhellten diese beiden meine Welt und gaben mir Hoffnung. Mit ihnen würde ich alles durchstehen. „Also gut. Es war einmal ein tapferer Ritter. Er hörte, dass die Prinzessin eines weit entfernten Landes von einem bösen Drachen gefangen gehalten wurde und so machte er sich auf den langen und beschwerlichen Weg, diese zu befreien. Als er endlich dort ankam, sah er den Drachen nirgendwo, doch als er gerade die Prinzessin befreien wollte, griff ihn der Drache an. Die beiden lieferten sich einen bitterlichen Kampf, doch schließlich besiegte der Ritter den Drachen und brachte die Prinzessin sicher und unversehrt nach Hause. Ende.“ Lou war bereits eingeschlafen und auch Sammie döste. Ich wollte ihm gerade einen Gute-Nacht-Kuss geben, da öffnete er die Augen und flüsterte bestimmend: „Irgendwann werde ich deinen Drachen besiegen und dich retten Mama, dann sind wir alle wieder glücklich!“ Danach schloss er die Augen und drehte sich in Richtung Wand. Ich hob Lou hoch und trug sie in ihr Bett. Dann ging auch ich ins Bett, konnte jedoch nicht schlafen. Mir schwirrte der Kopf von dem was Sammie gesagt hatte.

Ich dachte immer meine Kinder würden nichts von Konstantins und meinen Problemen mitbekommen, könnten ihre Kindheit unbeschwert genießen und würden nicht durch Konstantin beeinflusst werden und plötzlich wurde mir etwas bewusst. Sie könnten nie unbeschwert und glücklich leben, solange sie hier waren. Diese beiden Kinder waren mein Leben, und ich beraubte sie ihrer Kindheit indem ich sie ihrer glücklichen Mutter beraubte, an die sie sich über die Jahre zu dritt so sehr gewöhnt hatten. Sie brauchten keinen Vaterersatz, sie brauchten einfach nur eine gesunde und glückliche Mutter, die ihnen ein schönes Leben ermöglichte, und schon gar nicht brauchten sie einen herrischen und dauerhaft genervten Konstantin als Vaterersatz. Ich sprang auf, rannte durch die Wohnung und begann wahllos einige Sachen von mir und den Kindern zusammenzupacken. Ich wusste nicht, was ich brauchen würde und ob ich noch einmal hier her zurückkommen konnte. Danach weckte ich Sammie und Lou. „Wo gehen wir hin Mama.“, fragte Sammie. „Du, mein kleiner Ritter, hast mich von dem Bann des bösen Drachen befreit und jetzt fliehen wir aus seinem Gefängnis in die Freiheit“, sagte ich während ich das Auto startete und nach der Route zum nächsten Frauenhaus suchte, denn ich bildete mir Konstantins Verhalten nicht nur ein und wenn mir niemand half, dann half ich mir eben selbst. Ich war mein eigener Ritter.

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Am 27. November 2022 fand die Lesung zum Schreibwettbewerb VERWANDELBAR statt, bei der fünf der Gewinner:innen ihre wunderbaren Texte präsentierten. Moderiert wurde die Lesung durch den Autor Manfred Theisen, der auch Mitglied der Jury war.