Zurück ins Leben

Wettbewerbsbeitrag von Katharina Jurka, 21 Jahre

Das hier ist keine Gute-Nacht-Geschichte. Wenn du diesen Text mit der Erwartung in die Hand genommen hast, dass ich dich sanft bei der Hand nehme und durch meine Geschichte führe, dann muss ich dich leider enttäuschen. Nein, so läuft das nicht. Das hier ist eine Geschichte über die höchsten Höhen und tiefsten Täler. Sanft und grausam gleichermaßen, gespickt mit stummen Tränen, kleinen Diamanten aus purer Traurigkeit. Eine Geschichte über Trauer und Schmerz und graue Wolken im Kopf, die es dir verbieten, sämtliche Farben der Welt zu sehen. Es ist eine Geschichte darüber, wie es ist, zu schreien, ohne dass ein einziger Ton deine Lippen verlässt. Wie es ist, zu ersticken. An deinen eigenen Worten, die in deiner Brust feststecken. Und ja, trotz allem ist es auch eine Geschichte mit Happyend. Nur ist das Happyend nicht Hollywood-reif und wird es auch nie sein. Weil manche Narben auf meiner Seele niemals verblassen werden.
Aber fangen wir von vorne an.
Bist du bereit?
Ich war nicht bereit, als mein Leben zerbrach.
Bestimmt fragst du dich jetzt, inwiefern denn mein Leben zerbrochen ist.
(Es war ein Verkehrsunfall.)
Und vielleicht denkst du auch, dass Mein Leben ist zerbrochen nur eine stumpfe Floskel ist. Inflationär gebraucht und überdramatisch. Ich bin aber der Meinung, dass es genau den Nerv trifft: das Leben zerbricht. Von der einen Sekunde auf die andere.

Ein Schicksalsschlag kommt plötzlich. Er kommt hart. Er kündigt sich nicht an und fragt, ob er in dein Leben treten darf, und erst recht benutzt er nicht den verdammten Fußabstreifer. Nein, er kommt und schlägt zu, und von deinem Leben, laut und bunt wie Zuckerwatte auf einem Jahrmarkt, ist plötzlich nichts mehr übrig. Es ist wie zu stark und zu lang erhitzter Zucker. Verbranntes Karamell, scharfkantig und zerbrechlich wie Glas. Und dann schneidest du dich. An den Scherben. Du blutest, während du noch gar nicht verstehst, was denn eigentlich – verflucht nochmal! – passiert ist.
Ich hab’s selbst nicht verstanden.
Eine lange, lange Zeit. Ich wusste immer, dass da etwas passiert ist. Ich kannte die Fakten. Doch mir war nie klar, was es denn bedeutete. Also nicht richtig. Zuerst ist da der Schock. Dein Körper wird taub, heiß, dann kalt, dann heiß, dann beides gleichzeitig. Du kannst nicht denken. Du stehst neben dir. Deine ganze Existenz gibt es kurz gar nicht mehr. Die Welt stoppt, um sich dann in doppelter Geschwindigkeit weiterzudrehen. Und dann ist da diese einzige Frage in deinem Kopf: was passiert hier, was passiert hier, WAS PASSIERT HIER?

Wenn du später an diesen Moment zurückdenkst, werden da Lücken sein. Erinnerungen, die einfach fehlen. Das ist ein Schutzmechanismus, wurde mir gesagt. Ich erinnere mich an Blut auf der Straße. An Schreie. An das blaue Licht der verstummten Sirenen, an den Lärm des Rettungshubschraubers. Dazwischen ist oft … nichts. Weil ich neben mir stand. Weil ich kurz nicht da war. Ich blinzelte, und die Zeit lief weiter. Blinzeln, Zuhause. Blinzeln, Umarmung. Blinzeln, wir müssen abwarten. Blinzeln, Alltag. Blinzeln, weitermachen. Blinzeln, funktionieren. Stark sein.
Und so ging es weiter und
weiter und
weiter.
Das ist der Teil, an dem die grauen Wolken im Kopf aufziehen. Du funktionierst und denkst nicht über das nach, was passiert ist. Du denkst, es wäre vorbei. Aber das ist es nicht. Nur bemerkt das niemand. Am allerwenigsten habe ich selbst bemerkt, dass die Welt abgestumpft ist. Sie hat immer weiter an Farbe verloren. Jede Sekunde, Stunde, Tag, Woche etwas mehr. Gerade so viel, dass es mir nicht aufgefallen ist. Die Welt ist auch leiser geworden. Wie Watte in den Ohren. Keine Musik, kein Blätterrascheln, kein Lachen, kein Meeresrauschen mehr. Nichts. Alles ist verstummt. Ich selbst auch. Nicht laut sein, nicht zu viel, nicht zu sicher. Immer auf der Hut. Mein Leben ist einmal zerbrochen. Wer kann mir versprechen, dass es nicht nochmal passiert?

Niemand kann das. Alles wird gut. Ja, ist klar. Woher willst du das wissen? Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt so etwas passiert? Ein Schicksalsschlag, ein Unfall, ein einschneidendes Ereignis. Nenn‘ es, wie du willst. Trotzdem ist es passiert. Und warum kann ich mich nicht einfach zusammenreißen? Wie erbärmlich ist es denn, dass ich ach-so-sehr leide, obwohl mir gar nichts passiert ist? Ich bin nicht fast gestorben. Ich bin doch nur danebengestanden! Habe zugeschaut. Musste zusehen. Und jetzt erinnern mich Geräusche an etwas, an das ich mich nicht mehr richtig erinnern kann. Ich liebe das Leben, und ich bin so dankbar, dass ich am Leben bin, aber ich lebe einfach nicht.
Ich fühle mich nur wie Scheiße.

Weil alles weg sein kann. Von jetzt auf gleich. Weil mich dieser Gedanke lähmt. Weil es sicherer ist, nicht zu leben, als etwas zu riskieren, aber es bringt mich um. ES BRINGT MICH UM. Aber ich kann es nicht.
Ich
kann
nicht
loslassen.
Ich kann nicht glücklich sein, wenn mir das Glück wieder genommen wird. Weil ich den Schmerz nicht ertragen werde. Und der Schmerz wird kommen. Unweigerlich.
Ich kann das nicht.

Ich konnte doch. So viel kann ich dir sagen. Sonst wäre ich ja nicht in der Lage, diese Geschichte zu erzählen, nicht? Die Geschichte, die keine Gute-Nacht-Geschichte ist und kein Hollywood-reifes Happyend besitzt. Aber sie hat ein Happyend. Here we go!
Ich kenne nicht die Antwort auf alle Fragen, werde sie auch nie haben. Aber ich kann auf dieses Papier bluten, ehrlich zu mir selbst sein und diese Geschichte aufschreiben. Mit Worten, die sich roh anfühlen. Und echt. Es wird Erinnerungen geben, die mich niemals loslassen. Ängste, die immer ein Teil von mir sein werden. Genau wie der Schmerz. Keiner kann mir die Gewissheit geben, dass immer alles gut sein wird. Vielleicht verbringe ich den Rest meines Lebens glücklich und unbesorgt. Oder eben nicht. Nichts muss, aber alles kann. Alles kann gut sein. Das Vertrauen ins Leben und die Welt kann zurückkommen.
Siehst du den Unterschied?

Er ist nicht groß, ich weiß. Aber dieses winzige Detail hat die Farbe in mein Leben zurückgebracht. Vielleicht denkst du jetzt: Bitte? Das soll die Lösung sein? Ich habe mir diese Geschichte angehört, um DAS jetzt gesagt zu bekommen?
Manchmal sind die kleinsten, unscheinbarsten Dinge die wichtigsten. Manchmal hilft es, im Moment zu leben. Fest verankert mit der Welt zu sein. Sich immer und immer wieder zu sagen, dass es okay ist. Dass ich fühlen darf. Es ist okay, aber es ist nicht alles. Der Schmerz ist nicht alles. Da gibt es noch Musik. Und Farben. Vogelgezwitscher in meinen Ohren. Die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Den Grashalm, der an meiner Wange kitzelt, weil ich auf einer Wiese liege, die Gliedmaßen von mir gestreckt. Die Blätter der Bäume rascheln, und der Himmel ist strahlend blau und unendlich. Keine einzige graue Wolke ist in Sicht.
Es ist Sommer, und ich lebe.

Alle Infos zum Wettbewerb

Die Verwandelbar Sieger:innenehrung

Herzlichen Glückwunsch an die Preisträger:innen!

Teilnahmebedingungen und Datenschutzerklärung

Bitte lesen!

Die Verwandelbar-Jury

Die Jury verwandelt eure Einreichungen zum Schreibwettbewerb in wohlwollende Urteile :-)

Preise

Das gibt es im Schreibwettbewerb "Verwandelbar" zu gewinnen

Einsendungen

Die Beiträge zum Schreibwettbewerb Verwandelbar

Verwandelbar - Die Lesung

Am 27. November 2022 fand die Lesung zum Schreibwettbewerb VERWANDELBAR statt, bei der fünf der Gewinner:innen ihre wunderbaren Texte präsentierten. Moderiert wurde die Lesung durch den Autor Manfred Theisen, der auch Mitglied der Jury war.