Die Maschine des Sinnlosen

Wettbewerbsbeitrag von Tystan Sturmbarner, 24 Jahre

»Kommen wir nun zum Höhepunkt des Rundgangs«, sagte der Direktor und zeigte auf die schwarzmetallene Doppeltür, die sich am Ende des Korridors darbot, »Man kann durchaus sagen, dass dies hier das Herzstück des Ministeriums ist. Sicherlich ahnen sie es bereits: Es ist die Maschine des Sinnlosen, die sich hinter dieser Tür verbirgt.«
Meine Mitbesucher, eine Menschentraube aus sicherlich wichtigen Anzugträgern, nickten mal aus Ehrfurcht, mal aus Höflichkeit.
»Hat denn jemand von ihnen eine Ahnung, wie die Maschine funktioniert?« Der Direktor blickte erwartungsvoll durch die Runde. »Wie wäre es mit Ihnen?«, fragte er schließlich den Mann mit dem makellosen Bart und den Händen in den Hosentaschen.
Der Mann atmete genervt aus, zögerte kurz und sagte dann ein wenig widerwillig: »Damit überfordern wir all diese Schmarotzer vom Widerstand.«
»Bitte«, sagte der Direktor ein wenig schockiert, »benutzen sie den Begriff potentielle Dissidenten. - dennoch, sie haben grundsätzlich Recht: Die Maschine soll potentielle Dissidenz bereits vorbeugend verhindern. Um den Zweck jedoch soll es nun nicht gehen, sondern um die Wirkweise. Also: Hat noch jemand eine Idee?«
»Sie nimmt die Notwendigkeit zu handeln«, sagte ich schließlich und trat dabei aus der Traube hervor, »indem sie die Gefangenen mit Informationen zumüllt und« »Bitte«, unterbrach mich der Direktor, »nennen Sie unsere Subjekte Freiwillige.«
»Entschuldigen sie«, fuhr ich fort, »jedenfalls werden die Präferenzen der Freiwilligen, also ihre Werte und Ziele, auf diese Weise verwischt. Dies liegt daran, dass in den Unmengen von Informationen die wichtigen nicht herausgezogen werden können: Hier ein neuer Wunsch, dort ein neues Problem, an anderer Stelle tausend neue Reize. Jede Art, auf ein Problem zu reagieren, wäre gleichsam gültig, weil die Wahrhaftigkeit der möglichen Lösung so oder so von der Informationsflut in Zweifel gezogen wird. Die Maschine kapert sozusagen das Konzept der Wahrheit und lässt es sinken, sodass man es unter all dem Müll kaum erahnen kann. So wird aus jeder Lösung eine vermeintliche. All das, was die Freiwilligen zuvor als notwendig einstuften, löst sich vor ihren Augen auf wie eine Brausetablette in kochendem Wasser. Haben die Freiwilligen innerlich dann erst einmal das Konzept der Lösung für sich relativiert, wird bald darauf auch das Konzept des Problems verschwinden und mit ihm die Notwendigkeit, auf das Problem zu reagieren und beispielsweise gegen dessen Verursacher vorzugehen. Um es einmal kurz zu fassen: Potentielle Lösungen und neue Probleme werden zuhauf vervielfacht, bis sie einen einheitlichen Brei bilden, der bloß faul auf dem Sofa herumliegt.«

»Sehr schön!« sagte der Direktor hocherfreut, »Die Maschine transferiert geballtes Sinnloses in die Umgebung der Freiwilligen und ruft somit Zweifel in ihnen hervor. Ich möchte ihnen dies anhand eines Beispiels verdeutlichen.«
Der Direktor wischte mit seiner Hand über die Wand, welche sich sodann fensterbreit öffnete und einen Bildschirm offenbarte.
»Die Prophylaxe, die sie nun sehen werden, ist diejenige der Freiwilligen 314.859. Die Aufnahme ist zwar etwas älter und das Verfahren mittlerweile deutlich verbessert worden, doch zu Anschauungszwecken genügt die Aufnahme allemal.«
Der Bildschirm zeigte einen kleinen Raum mit einem Bett, auf dem gefesselt eine junge Frau lag, deren Kopf an einen Apparat angeschlossen zu sein schien. Die Haare hatte man der Frau abrasiert und ihre Augen waren geschlossen. Sie zitterte.
»Oh«, sagte der Direktor und drückte einen Knopf auf dem Bildschirm, »bitte entschuldigen sie.«
Das Bild wurde nun weiß.
»Nun können Sie sehen«, erläuterte der Direktor, »was Freiwillige 314.859 zu eben dieser Zeit gesehen hat.«
Zunächst war weiterhin Weiß zu sehen. Plötzlich jedoch kam aus der Ferne eine Frage angeflogen, die sich sodann mittig platzierte. Ich konnte die Frage nun erkennen: ›Wo nur hat Bibo der Clown seine Nase gelassen?‹ Es folgte ein Bild von einem lustigen Clown mit roter Clownsnase, danach ein trauriges Bild des Clowns ohne die Nase. Ein Wohnzimmer war nun eingeblendet, eine Nase jedoch war dort nicht zu sehen. Nun ein Strand - ebenfalls keine Nase. Ein Blick aus dem Flugzeug - keine Nase. Das Gesicht einer Ameise, ein Stein schwebte über dem Wasser, ein zerbrochener Tisch, eine Leiche im Wohnzimmer – eine Nase konnte man nirgends sehen. Ein Satz kam angeflogen: ›Das ist nicht gut! Bibo könnte sich erkälten.‹ Bild eines zitternden Bibos mit eng angezogenen Armen, schlecht eingefügt vor eine frostige Landschaft. Ein Kind schaukelte und fiel herunter. Eine Braut wurde mit in den Teich gezogen und riss auch noch die Torte mit sich. Ein Kind lag erschossen am Straßenrand. ›Wozu Widerstand‹, ein brennender Wald war zu sehen, dann eine Straßenschlacht, eine Babykatze tapste sorglos umher, ›Es gibt so viel!‹, eine pulsierende Stadt bei Nacht in Schnellaufnahme, jemand schlachtete eine Kuh, es regnete Bücher ins weite, offene Meer. ›Das kann nicht alles bedeutsam sein.‹ Menschen sprangen in die Tiefe, das neue Parfum präsentierte sich voll Stolz, ›Bibo braucht doch seine Nase!‹, wieder der Tote im Wohnzimmer, eine Schlange vor der Wahlurne, die Wahlhelfer standen bloß dort mit ihren Gewehren, ›Nicht, dass er sich noch erkältet!‹.

Der Direktor strich erneut über die Wand, welche nun den Bildschirm wieder in sich aufnahm.
Ich erinnerte mich, wie es war, als die Sinnlosigkeit mich damals überfiel. Bloß einen erbleichten Schock konnte ich noch im Spiegel ausmachen, und nur mein ängstliches Zittern zeigte mir, dass für mich manches noch bedeutsam war. Und dann diese kalte, überwältigende Übelkeit! Wieder und wieder war mir, als müsste ich mich übergeben, als müsste ich etwas aus mir schaffen, das sich, weshalb auch immer, einfach falsch anfühlte – so, als hätte ich versehentlich Unmengen an Schrecklichkeit verschluckt. Doch niemals wollte es hinaus - und daher blieb ein hungriges Warum in meinem Bauch bestehen.

»Eine Prophylaxe dauerte damals noch mehrere Wochen«, fuhr der Direktor fort, »Mittlerweile jedoch haben wir die Dauer auf vier Tage herunterschrauben können, und auch dies nur bei jenen hartgesottenen Freiwilligen, die sich einst als Teil des Widerstandes verstanden. Doch solche Freiwilligen haben wir hier nunmehr seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Dies liegt daran, dass eine Rebellion, eine Revolution, ja jeglicher Widerstand nun nicht mehr unbedingt nötig, gar historisch notwendig ist, sondern eben bloß irgendeine Option unter vielen. Bald wird man diese Worte bloß noch aus verblassten Büchern kennen, denn die Maschine haben wir bereits an das Hauptsystem gekoppelt. Seitdem ist jeglicher Widerstand verschwunden.«
»Er ist nicht verschwunden«, sagte ich ruhig und stolz, »Sie können ihn bloß nicht mehr unter all dem Müll erkennen, den sie in die Welt pusten.«
»Wie bitte?«, fragte der Direktor empört.
Ich zog die rote Clownsnase aus meiner Sackotasche, setzte sie dem Direktor auf die Nase, drehte mich fort und ging zurück in Richtung Ausgang.

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Am 27. November 2022 fand die Lesung zum Schreibwettbewerb VERWANDELBAR statt, bei der fünf der Gewinner:innen ihre wunderbaren Texte präsentierten. Moderiert wurde die Lesung durch den Autor Manfred Theisen, der auch Mitglied der Jury war.